Warum die Autoindustrie in Osteuropa den VW-Skandal verkraften wird

von Leopold Stefan / 19.10.2015

Die Volkswagen-Gruppe dominiert die Automobilindustrie in Osteuropa. Der Abgasskandal kann an der Region daher nicht spurlos vorübergehen. Bestehende Standortvorteile könnten die Lage aber entschärfen und dazu führen, dass die Branche am Ende robuster dasteht.

Bei Volkswagen summieren sich aktuell die Schadensmeldungen. Bis zu 8,5 Millionen Autos könnten in einer Rückrufaktion alleine in Europa zurück in die Werkstatt beordert werden. Der Konzern in Wolfsburg plant nun, die Leiharbeit zu kürzen, und stellt sich damit auf sinkende Produktion ein. Und eine neue Razzia am Standort in Frankreich zeugt davon, dass noch mehr Ungemach von den Ermittlungsbehörden droht.

Dabei zeigten die am Freitag veröffentlichten Zahlen des Vereins der europäischen Automobilhersteller ACEA noch einen starken Monat für die Autobranche. Insgesamt stiegen die Neuzulassungen im September für den europäischen Markt (EU und EFTA) im Vergleich zur Vorjahresperiode um 9,8 Prozent. VW hat allerdings Marktanteile eingebüßt. Mit 8,3 Prozent wuchs die VW-Gruppe, die auch Audi, Škoda und Seat umfasst, langsamer als der übrige Markt – aber sie wuchs.

Damit schlägt sich der Abgasskandal, der erst am 18. September aufgedeckt wurde, in den Verkaufszahlen noch nicht voll nieder. Trotzdem war der September, traditionell der stärkste Monat in der Branche, für VW der schlechteste seit dem März.

Das Taumeln des deutschen Automobilgiganten löst in Osteuropa Sorgen aus. Fünf Länder in der Nachbarschaft haben in den letzten zehn Jahren einen beachtlichen Automobil-Cluster aufgebaut: Die Tschechische Republik, die Slowakei, Polen, Ungarn und Rumänien haben seit 2003 die Autoproduktion fast verdreifacht. Heute steuert der Sektor zehn Prozent zum Industrieumsatz in der Region bei, wie aus einer neuen Studie von Raiffeisen Research hervorgeht.

Noch dominiert VW in Osteuropa

VW ist alleine für 44 Prozent der Autoexporte aus der Ländergruppe verantwortlich (in Rumänien besitzt Volkswagen allerdings keine Fabrik für die Endmontage). Das sind ein Viertel aller Autos des Konzerns für den europäischen Markt. Am stärksten abhängig von VW sind die Slowakei und die Tschechische Republik, wo die Tochter Škoda beheimatet ist.

Noch ist es freilich zu früh, um die Folgen des Abgasskandals auf die Produktion von VW in Osteuropa genau zu beziffern. Eine aktuelle Branchenstudie von Barclays nennt als schlimmstes Szenario einen Produktionsrückgang von 20 Prozent – ein ähnlich starker Einbruch wie nach der Finanzkrise. Die Folge seien ein 0,1 bis 0,6 Prozent schwächeres Wirtschaftswachstum.

Selbst bei einem Einbruch von zehn Prozent erwarten die Studienautoren von Raiffeisen für die Tschechische Republik, die am stärksten exponiert ist, ein bis zu 0,6 Prozent tieferes Bruttosozialprodukt. Dabei berücksichtigen sie auch den Übertragungseffekt auf die lokale Zulieferindustrie.

Andere Hersteller stehen bereit

Die Abhängigkeit Osteuropas von VW ist auf zweiten Blick aber nicht so dramatisch. Mittlerweile nutzen viele andere Hersteller die Vorteile des Standorts. In der Tschechischen Republik haben sich Toyota, Peugeot und Citroën zusammengeschlossen, um für den europäischen Markt zu produzieren. Alle drei haben ihren Marktanteil in diesem Monat verbessert. Auch Hyundai produziert vor Ort für den europäischen Markt.

Sollte sich die Nachfrage trotz des Abgasskandals weiterhin gut entwickeln, könnten neue Aufträge von den übrigen Herstellern in Osteuropa den Einbruch bei VW zumindest teilweise kompensieren.

Dass Dieselmotoren in Verruf geraten sind, könnte innerhalb der Volkswagengruppe, aber auch innerhalb Osteuropas zu Verschiebungen führen. Schließlich sind die Škodawerke auf Benzinmotoren spezialisiert, die in vielen Modellen der Gruppe eingesetzt werden. In Ungarn hingegen laufen für Audi bis zu 30 Prozent Dieselmotoren vom Band.

Die Autoindustrie in Osteuropa dürfte den Abgasskandal folglich besser verkraften, als es die scheinbare Dominanz der Volkswagengruppe vermuten lässt. Schließlich sind es die Standortvorteile, wie die Nähe zum wichtigen Absatzmarkt Europa, politische Stabilität, oder die vergleichsweise niedrigen Lohnkosten, die den Cluster weiterhin beflügeln. Langfristig stärkt eine neue Balance zwischen den vertretenen Konzernen die lokale Automobilbranche, weil einzelne Risiken weniger Gesamtwirkung entfalten.