Warum es bei Raiffeisen rumort

von Lukas Sustala / 09.02.2015

Wenn die Raiffeisen Bank International heute ihre Zahlen vorlegt, hat sie unruhige Wochen hinter sich. Lesen Sie, welche die größten Baustellen unter dem Giebelkreuz sind und wie es für die Bank weitergeht.

Heute legt die Raiffeisen Bank International nach Börsenschluss ihre Zahlen vor. Und die Osteuropa-Tochter aus dem Raiffeisen-Sektor wird einen hohen Verlust ausweisen. Der RBI-Vorstand hat die Aktionäre – allen voran die Raiffeisen Zentralbank – bereits auf 50 bis 500 Millionen Euro Verlust eingestimmt. Gemäß den aktuellen Schätzungen von Analysten wird es wohl ein Verlust am oberen Ende der Verlustspanne. Im Schnitt erwarten die Bankanalysten 455 Millionen Euro RBI-Miese im Jahr 2014.

Doch die Skepsis um Raiffeisen ist auf mehr als nur den Vorjahresverlust begründet. Kaum eine europäische Bank ist auf dem Aktien- und Kapitalmarkt in der jüngsten Vergangenheit so stark unter Druck gekommen wie die RBI:

Fünf Baustellen

Das hat zumindest fünf Gründe: Russland und die Ukraine, Verluste durch Frankenkredite, die Eigenkapitalausstattung sowie die Struktur der Bankengruppe.

Ein Teil der Skepsis ist in der Bedeutung Russlands für die Raiffeisengewinne begründet. In der Herde der Osteuropabeteiligungen war Russland unbestritten die Cash-Cow. Die westlichen Sanktionen und der Kollaps des Ölpreises zwingen aber die russische Volkswirtschaft zusehends in die Knie. Für Raiffeisen bedeutet das weniger Gewinn, Firmenwertabschreibung und wohl ein steigender Anteil fauler Kredite in Russland.

In jedem Fall fehlt der RBI ein wesentlicher Eckpfeiler in der Profitabilität. Denn in den vergangenen fünf Jahren war Russland so etwas wie der Garant für Gewinne im Raiffeisen-Konzern.

Während andere Beteiligungen immer mehr Probleme machten, etwa in Ungarn oder der Ukraine, ist Russland bis 2014 ein Fels in der Brandung gewesen. Eigenkapitalrenditen jenseits der 25 Prozent vor Steuern hätten auch den ehemaligen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann neidisch gemacht:

Doch die Situation wäre nicht so vertrackt, wenn die RBI nicht an beiden Seiten des aktuellen Konflikts betroffen wäre. Die RBI ist in der Ukraine mit ihrer Tochter Aval engagiert. 2014 hat sie zunächst den Verkauf geprüft, dann aber die Bank behalten. Die Situation in dem osteuropäischen Land war wesentlich dafür verantwortlich, dass die Bank die Vorsorgen für faule Kredite im Vorjahr massiv nach oben geschraubt hat:

Die Rechnung für die RBI ist dabei so einfach wie schmerzhaft. Weil sich die Wirtschaftslage zusehends verschlechtert, muss die Bank mehr Geld für faule Kredite auf die Seite legen: Das belastet die laufenden Geschäfte. In den ersten neun Monaten musste die Bank 327 Mio. Euro an Kreditrisikovorsorgen in der Ukraine bilden. Und es dürfte noch mehr werden.

Eine kapitale Frage

Doch die Probleme in der Osteuropabank Raiffeisens enden nicht mit dem Jahr 2014 und dem Ukraine-Russland-Konflikt. An den Finanzmärkten ist das Misstrauen gegenüber der Eigenkapitalausstattung groß. Im Jänner haben Investoren und Analysten (auch von der Ratingagentur S&P) nachrangige Anleihen aus dem Raiffeisenkonzern auf Talfahrt geschickt.

Das Misstrauen hat sich damit durch die Kapitalstruktur zu fressen. Nachrangige Anleihen sind zwar Schuldscheine, aber die Zahlung der Zinsen hängt auch vom Geschäftserfolg der Bank ab. Aufseher können der Bank zudem untersagen, gewisse Wertpapiere zu bedienen, wenn sie ein Kapitalloch vermuten.

RBI-Vorstandsvorsitzender Karl Sevelda hat Aktionäre auf hohe Verluste bei der Osteuropabank vorbereitet und verordnete der RBI eine Schrumpfkur.

Das RBI-Management hat Ende Jänner – also nur kurz vor der Veröffentlichung der vorläufigen Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr – mit einer Aussendung und einem Conference Call auf die Sorgen der Investoren und Aufsicht reagiert. Man fühle sich gut kapitalisiert, hieß es vom Wiener Stadtpark, gleichzeitig kündigte man aber an, gut 20 Prozent der risikogewichteten AktivaGemäß des Regelwerks Basel III bewerten Banken ihre Forderungen und Wertpapiere nach ihren Risiken. Papiere mit hohem Risiko müssen dabei mit mehr Kapital unterlegt sein als sichere Papiere.  abzubauen.

Eine Bank kann auf zwei Arten ihre Kapitalisierung stärken, die im Regelwerk Basel III als Verhältnis aus Kapital und Risiken definiert ist: entweder frisches Eigenkapital aufnehmen (was die RBI schon 2014 getan hat und was sie aktuell ausschließt) oder die Bilanzrisiken verkleinern. Bei Raiffeisen hat man sich für Letzteres entschieden. Heute oder morgen bei einer Pressekonferenz und der anschließenden Telefonkonferenz mit Analysten könnte die Bank wohl Hinweise darauf geben, aus welchen Geschäftsbereichen man sich zurückziehen will.

Auch der Schweizer Franken wird sich bei der RBI niederschlagen. Die polnische Tochter Polbank hat 2,9 Mrd. Euro an Frankenkrediten ausstehen. Dazu kommen noch dünnere Franken-Kreditbücher in Rumänien (360 Mio. Euro) und Kroatien (270 Mio. Euro). Abseits der Osteuropa-Tochter könnten auch die heimischen Raiffeisen-Banken die steigende Last des Franken spüren, denn der teurere Franken könnte auch hierzulande die Ausfallsquoten ansteigen lassen.

Aufräumen, schwer gemacht

Selbst Analysten, die der RBI durchaus positiv gesonnen sind, erwarten, dass die dreigliedrige Struktur (Raiffeisenbanken/Raikas – Raiffeisenlandesbanken – RZB/RBI) künftig aufgeräumter sein muss. Das könnte etwa durch Fusionen und Konsolidierungen im Sektor geschehen – wie es etwa bei den Volksbanken geschehen ist. Am Ende ist es für Analysten auch wichtig, dass die RBI flexibler wird, wenn es darum geht, drohende Kapitallöcher über die Ausgabe neuer Aktien zu stopfen.

Doch die Struktur der Bankengruppe ist jedenfalls keine Maßnahme, die schnell aus dem Ärmel geschüttelt werden kann. Zumal der Handlungsspielraum eher enger wird. Die Landesbanken, selbst angewiesen auf Dividenden der RBI, werden dieses Jahr – und geht es nach Analysten auch nächstes – auf Gewinnausschüttungen vergeblich warten.