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Entwicklungsgelder

Warum Hilfe kosten soll

von Patrick Imhasly / 28.08.2016

Hilfsgüter erreichen arme Menschen am ehesten und bewirken am meisten, wenn diese eine angemessene Gegenleistung erbringen müssen.

Die Entwicklungshilfe steht in der westlichen Welt politisch unter Druck – die Verteilung von Hilfsgütern erfolge nicht effizient genug und sie bewirke zu wenig, lautet die gängige Kritik. Doch wie stellt man sicher, dass Medikamente, Güter des Alltags, Nahrungsmittel oder auch Geldbeträge jene Menschen erreichen, die sie wirklich benötigen und deshalb sinnvoll einsetzen können?

Ein Forscherteam um die Ökonomin Pascaline Dupas von der Stanford University ist in Kenya einen neuen Weg bei der Abgabe von Hilfsgütern gegangen und hat damit vielversprechende Erfahrungen gemacht. Wurde Chlor zur Desinfektion von Trinkwasser nicht direkt an die Menschen, sondern in Form von Bezugsgutscheinen abgegeben, erreichte die Hilfe die Bedürftigen viel gezielter und verschwand seltener in den falschen und manchmal sogar dubiosen Kanälen („Science“, Bd. 353, S. 889).

Durchfallerkrankungen wegen verseuchten Wassers sind eine der häufigsten Ursachen für Todesfälle unter Kindern – nicht nur in Kenya, sondern weltweit. Doch es gibt ein einfaches Mittel dagegen: Setzt man dem Trinkwasser eine verdünnte Chlorlösung zu, lassen sich die meisten der pathogenen Erreger abtöten, die den Durchfall auslösen. Mit der Abgabe von Chlorlösung kann die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern gemäss Studien um durchschnittlich fast 30 Prozent vermindert werden.

Zeit als Investitionsgut

Um sicherzustellen, dass Hilfsleistungen an die richtige Stelle gelangen, geben Hilfsorganisationen diese mitunter nur gegen ein kleines Entgelt ab. Die Idee dahinter: Wer ein Produkt nicht wirklich benötigt, gibt kein Geld dafür aus, auch wenn es nur wenig ist. Das Problem dabei ist, dass für wirklich arme Menschen selbst ein kleiner Betrag zu viel ist und sie auf die an sich benötigte Hilfe verzichten müssen. Pascaline Dupas und ihre Kollegen haben deshalb in einem Feldversuch im Westen Kenyas, wo die Kindersterblichkeit wegen Durchfalls besonders hoch ist, verdünnte Chlorlösung an insgesamt 1118 Menschen auf drei verschiedene Weisen verteilt.

Die erste Gruppe erhielt das Produkt gratis an der Haustüre in die Hand gedrückt. Die zweite Gruppe musste die Hälfte des in Kenya dafür handelsüblichen Preises bezahlen, die dritte Gruppe erhielt stattdessen einen Gutschein. Wenn sie diesen gegen die Chlorlösung eintauschen wollten, mussten die Menschen einmal jeden Monat den Weg zu einem Kiosk im Quartier auf sich nehmen – also eigene Ressourcen in Form von Zeit und Energie investieren.

Die Auswertung nach rund einem Jahr Versuchszeit ergab: Der Ansatz, armen Menschen beim Bezug einer Hilfsleistung eine kleine, aber für sie durchaus bedeutsame Bürde aufzuerlegen, funktioniert. In der Gruppe mit Gutscheinen wurde insgesamt 60 Prozent weniger Chlorlösung ausgegeben als bei den Gratisempfängern. Das Entscheidende: Die eigentliche Verwendung der Chlorlösung ging durch diese Massnahme kaum zurück. In der Gutscheingruppe setzten 32,9 Prozent der Haushalte die Chlorlösung tatsächlich ein, wie chemische Analysen des Trinkwassers ergaben. In der Gratisgruppe betrug dieser Anteil 33,9 Prozent, lag also lediglich um ein Prozent höher.

„Gutscheine reduzieren den Materialverlust dramatisch, während der effektive Gebrauch kaum zurückgeht“, hält der an der Studie nicht beteiligte Entwicklungsökonom Benjamin Olken vom Massachusetts Institute of Technology in einem Kommentar im Fachblatt „Science“ fest. Einen Preis zu erheben, hielt auf der anderen Seite jene Leute davon ab, die Chlorlösung einzusetzen, die das sonst wohl tun würden: In dieser Gruppe fand sich bloss in 12,5 Prozent der Haushalte Chlor im Trinkwasser.

„Die Idee, mithilfe von Kosten in Form von Zeit arme Menschen gezielter zu fördern, kann man nicht nur bei Gesundheitsprodukten anwenden“, erklärt Olken. Zeit sei ein Investitionsgut, über das auch die Bedürftigsten verfügten – ganz im Gegensatz zu Geld. Er selbst hat gute Erfahrungen bei einer ähnlichen Studie in Indonesien gemacht, wo Menschen zu einem Büro kommen mussten, wollten sie sich um eine monetäre Unterstützung bewerben. Unter dieser Anforderung präsentierten sich praktisch nur sehr arme Menschen. Wurde die Abklärung für Geldvergabe hingegen an der Haustüre gemacht, bewarben sich auch Bessergestellte darum. Der Gang zum Büro hätte sich in ihrem Fall nicht gelohnt, und das wussten die Leute im Voraus.

Zugeschnitten einsetzen

„Der Ansatz hat sich bewährt, bei der Vergabe von Hilfsgütern durch soziales Marketing eine Art Investoren-Situation zu schaffen“, erklärt Marcel Tanner, emeritierter Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts in Basel. Wichtig sei, das Konzept auf die jeweiligen kulturellen Umstände und das soziale Gewebe zugeschnitten einzusetzen. Genau das haben Tanner und seine Mitarbeiter in Tansania getan.

Malaria lässt sich am einfachsten mit der Abgabe von Moskitonetzen bekämpfen, welche die Menschen in der Dämmerung und nachts vor den Stichen der Anopheles-Mücken schützen, die den Erreger der Krankheit übertragen. Um Familien frühzeitig zu erreichen, haben die Basler Forscher die Moskitonetze für wenig Geld nur an schwangere Frauen abgegeben. „Hätten wir das Moskitonetz dem Mann als dem Oberhaupt des Haushalts überlassen, hätte er es für sich genommen und allein darunter geschlafen“, erklärt Marcel Tanner.

„In der Entwicklungszusammenarbeit ist es inzwischen eine Binsenwahrheit, dass Güter nicht gratis verteilt werden sollten“, sagt Jeremias Blaser, Leiter der Abteilung Entwicklungszusammenarbeit beim Hilfswerk Swissaid. „Solche Aktivitäten sind denn auch relativ selten geworden.“ Die Verteilung von Gütern – mit oder ohne Gutscheine – könne nur ein Zwischenstadium sein. Der Bevölkerung sauberes Trinkwasser zur Verfügung zu stellen, sei im Prinzip eine staatliche Aufgabe, von der man den Staat mit der Abgabe von Chlor nicht entbinden dürfe.