AURORA PHOTOS / ALAMY

Melting Pot der Innovation

Warum im Silicon Valley die Zukunft entsteht

von Chanchal Biswas / 20.12.2015

Nirgendwo sonst werden so viele weltverändernde Ideen geboren. Nirgendwo sonst finden Jungunternehmer so leicht Kapital. Nirgendwo sonst wird so gezielt mit Innovationen Geld verdient wie im Silicon Valley. Warum das so ist – und warum sich der wahre Unternehmergeist auch beim Surfen zeigt. Chanchal Biswas, der stellvertretende Chefredakteur der NZZ am Sonntag, suchte in Palo Alto nach Antworten.

Fabian Hediger zwängt sich wieder in den Neoprenanzug. Das mit dem Surfen will bis jetzt nicht so recht klappen. Nebel hängt über dem Pacifica State Beach, wie fast jeden Tag, und das Wasser ist kühl, aber Hediger hat über eine Stunde durchgehalten. Mehrheitlich auf dem Brett liegend, zwischendurch irgendwo im Pazifik verloren, aber zwei-, vielleicht dreimal gelang es: ein kurzer Ritt auf den Wellen.

Hediger ist Gründer der Zürcher Technologiefirma Beecom. Der 45-Jährige reist seit Jahren immer wieder an die amerikanische Westküste, um ein Geheimnis zu ergründen. Was macht einen erfolgreichen Unternehmer aus? „Als ich nach dem Studium eine Firma gegründet habe, waren meine Eltern außer sich vor Sorge, und meine Freunde dachten, ich hätte den Verstand verloren“, sagt Hediger, der einen Abschluss der Universität St. Gallen hat. In dieser Gegend aber ist es normal, Unternehmer zu werden. Pacifica liegt etwa 40 Autominuten von Palo Alto entfernt. Dort ist das Herz des Silicon Valley, das Herz der Technologiewelt.

Was macht einen Unternehmer aus?

Gute Surfer sind risikofreudig, ausdauernd, ungeduldig und ein wenig paranoid. Wer so tickt, hat deshalb auch das Zeugs zum Unternehmer.

Eine Antwort verbirgt sich in den Wellen des Pazifiks. Davon ist Tim Sullivan, der Hediger in die Kunst des Surfens einführt, überzeugt. Er stammt aus der Region und hat zuerst im Finanzsektor viel Geld, dann in der Technologiebranche sehr viel Geld verdient. Heute investiert er mit seiner Firma Oceanic Partners in Ideen. Sullivan geht jeden Tag ins Wasser: „Entweder es hat guten Wind, oder es hat gute Wellen, also kann man immer kitesurfen oder surfen.“ Er sieht bei Hediger vielversprechende Ansätze – als Surfer, aber auch als Unternehmer. Denn eigentlich ist es das Gleiche. Surfer machen weiter, wenn andere aufgeben. Sie sind bereit, eine Technik über den Haufen zu werfen, wenn sie zwar funktioniert, aber eben nicht gut genug ist. Noch während sie vom Brett stürzen, sind sie mit dem Kopf schon bei der nächsten Welle. Gleichzeitig haben sie Angst vor der Macht der Wellen, aber auch Angst, die nächste Welle zu verpassen. Gute Surfer sind risikofreudig, ausdauernd, ungeduldig und ein wenig paranoid. Wer so tickt, hat deshalb auch das Zeugs zum Unternehmer. Während der Rest der Geschäftswelt golfen geht, treffen sich Tech-Unternehmer und -Kapitalgeber im Silicon Valley gerne auch am Strand. Wenn dann der Satz „He’s a good surfer“ fällt, dann ist man dabei.

Auch hier wird an der Zukunft gearbeitet: Facebook-Campus in Menlo Park.
Credits: THE NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF

Der nächste Schritt ist, eine Antwort auf die wichtigste Frage zu wissen. Raffael Marty, Unternehmer, 43 Jahre alt, in St. Gallen aufgewachsen, nippt an einem Glas Chardonnay auf der Terrasse des „Rosewood Sand Hill“, einem Hotel am Stadtrand von Palo Alto. Zu sagen, es liege verkehrsgünstig, wäre untertrieben. Im Hintergrund rauscht die Interstate 280, die San Francisco mit San Jose verbindet. Quer dazu verläuft die Sand Hill Road, an der einige der ganz großen Risikokapitalgeber der Branche residieren. Sie haben Namen wie Benchmark Capital, New Enterprise Associates oder The Founders Fund und werden VC genannt, kurz für Venture Capitalists. Marty ist 2003 mit dem ETH-Diplom in der Tasche nach San Francisco gezogen, um sein Glück als Firmengründer zu versuchen. Wenn ein Jungunternehmer an der Sand Hill Road bei einem VC eine Präsentation halten kann, muss er nicht viel mitbringen, um mit einem großen Check herauszugehen. Außer eben einer schlüssigen Antwort auf die Frage: Und wo ist der Milliardenmarkt?

„Ich bin buchstäblich die Sand Hill Road rauf- und runtergefahren und habe versucht, eine Finanzierung für meine erste Firma zu bekommen“, sagt Marty, „aber die Venture Capitalists sind Fleischfresser, die kennen keine Gnade.“ Er erzählt, wie er 2009 bei Andreessen Horowitz, einer Legende unter den Risikokapitalgesellschaften, sein Geschäftsmodell erklärte und wie er auf die alles entscheidende Frage offen und ehrlich antwortete, es gebe den Milliardenmarkt noch nicht. Das war das Ende des Gesprächs.

Trotzdem schwärmt auch Marty vom Gründergeist im Silicon Valley und einer Offenheit, wie man sie in der Schweiz nie erlebt. Es ist relativ einfach, einen Termin zu bekommen, bei anderen Unternehmern, bei Wagniskapitalgebern, bei Beratern. Jeder nimmt sich Zeit für ein Treffen, wenn man eine halbwegs überzeugende Idee hat. Oder wenn ein Bekannter ein gutes Wort einlegt. Anders als in Europa tüftelt man hier nicht in einem Geheimlabor an Erfindungen, die irgendwann als perfekt entwickelte Produkte den Weltmärkten präsentiert werden. Natürlich bemüht auch Marty das größte Klischee. Er berichtet davon, dass es hier als Auszeichnung gelte, wenn man mit seiner Firma scheitere – wenigstens habe man es versucht. Marty kann sich auch nicht vorstellen, in die Schweiz zurückzukehren. Er ist jetzt mit seiner neuen Firma Pixlcloud in einem Milliardenmarkt tätig. Und wenn die Zeit reif ist, will er sich wieder den Fleischfressern an der Sand Hill Road stellen.

Macht des Misserfolgs

Das Silicon Valley umfasst die südliche Hälfte der Bucht von San Francisco und erstreckt sich von San Mateo nach San Jose. Hier scheint immer die Sonne, das Klima ist perfekt für den Anbau von Früchten und Blumen. Hier wurde vor bald 60 Jahren mit der Entwicklung von Halbleitern aus Silizium (Silicon) der Grundstein für das Computerzeitalter gelegt. Und hier entstanden die meisten der Unternehmen, die in der Technologiebranche von Bedeutung sind. Das gilt nicht nur für Apple, Facebook, Google, die Giganten von heute. Das galt auch gestern, als Fairchild Semiconductor, Hewlett-Packard oder Intel die Großen waren. Es wird auch morgen gelten, weil eine Reihe von jungen Firmen bereits daran ist, weltweit Märkte zu erobern, Milliardenmärkte natürlich. Die jüngere Generation arbeitet bevorzugt in San Francisco, wo in den letzten Jahren ein Ableger des Silicon Valley entstanden ist (siehe Karte). Dazu gehören etwa die Aushängeschilder der Sharing Economy: Uber hat mit seinem Fahrdienst die Taxi- und die Logistikbranche im Visier, der Zimmervermittler Airbnb macht Hoteliers und Wohnungsvermietern das Leben schwer.

Dass ein wenige dutzend Kilometer langer Landstreifen über Jahrzehnte eine unternehmerische Erfolgsgeschichte nach der anderen hervorbringt, ist kein Zufall. Vereinfacht dargestellt, hat die Innovationsmaschinerie zwei Motoren: Serien-Unternehmer, die eine Firma nach der andern gründen, und Risikokapitalgeber, die eine Firma nach der andern finanzieren. Diese beiden Motoren laufen nahezu synchron. Erstens weil hier jeder mit jedem offen über seine Ideen spricht. Zweitens weil erfolgreiche Unternehmer zu Kapitalgebern werden. Drittens weil Erfolg eine starke Magnetwirkung hat. Das Silicon Valley zieht helle Köpfe aus der ganzen Welt an. Der Ausländeranteil in der Bevölkerung liegt über 30 Prozent, doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. Vor allem aus Asien wandern hungrige Unternehmer zu.

Es gibt nur eine Sache, in der das Silicon Valley noch besser ist als im Produzieren von Erfolg. Im Produzieren von Misserfolg. Man kann über das Geheimnis des Silicon Valley sprechen, mit wem man will, etwas hört man in jedem Gespräch: Scheitern ist gut, aus dem Scheitern lernen besser, das Scheitern überwinden und Erfolg haben am besten. Joe Kraus und seine Geschäftspartner bei Google Ventures finanzieren beides großzügig, Erfolg und Misserfolg. Sie haben 2 Milliarden Dollar in über 300 Unternehmen gesteckt, darunter Uber, das wertvollste privat gehaltene Unternehmen im Silicon Valley, darunter aber auch viele Nieten. Das Kalkül ist einfach: Wenn man einen Volltreffer landet und früh ein paar hunderttausend Dollar in eine Jungfirma wie Uber investiert hat, werden Milliarden daraus. Damit kann man sich dutzende von kleineren Misserfolgen leisten.

Google, aber ohne Rutschbahn

Es beginnt in der Talentschmiede des Silicon Valley, an der Stanford-Universität in Palo Alto. Wer hier studiert, bekommt vom ersten Tag an eingeimpft, dass eine Karriere bei Goldman Sachs, IBM oder Procter & Gamble zwar die sichere Wahl sei – aber auch die langweilige.

Bei Google Ventures wähnt man sich in einer Großbank. Es dominieren Beton, Stahl und Glas, alles wirkt betont kühl. Die Rutschbahnen, farbigen Kissen und weiteren Kindereien sind auf der anderen Straßenseite, im Hauptgebäude von Google in Mountain View. Google Ventures ist die Risikokapitalabteilung des Suchmaschinengiganten und operiert unabhängig von der Mutterfirma. „Das Scheitern einer Idee bedeutet nicht, dass die Person, welche die Idee hatte, gescheitert ist“, erklärt Joe Kraus. Vielleicht sei die Idee nicht gut genug, vielleicht stimme die Organisation der Firma nicht. Ein VC habe keine Mühe damit, einen Unternehmer zu finanzieren, der schon eine oder mehrere Firmen an die Wand gefahren habe. „Die Kultur hier belohnt es, Risiken einzugehen“, erklärt Kraus.

Das beginnt in der Talentschmiede des Silicon Valley, an der Stanford-Universität in Palo Alto. Wer hier studiert, bekommt vom ersten Tag an eingeimpft, dass eine Karriere bei Goldman Sachs, IBM oder Procter & Gamble zwar die sichere Wahl sei – aber auch die langweilige. Außenseiter wie Steve Jobs und Bill Gates gelten als Vorbilder. Unternehmer zu werden, eine Vision zu verfolgen und schon in jungen Jahren eine eigene Firma zu gründen, gilt als coole Wahl. Joe Kraus hat in Stanford studiert, die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin haben sich dort kennengelernt. „Larry und Sergey sind überzeugt davon, dass die größten Veränderungen in der Technologiebranche durch Menschen ausgelöst werden, die das Unmögliche versuchen. Und dass, wenn es ihnen gelingt, diese Innovationen positive Veränderungen im Leben aller Menschen auslösen“, sagt Kraus über die Motivation seiner Chefs.

Was geeignet ist, beim Europäer Stirnrunzeln auszulösen, ist ernst gemeint. Im Silicon Valley ist es erlaubt, groß zu träumen und darüber zu sprechen. Die Jungunternehmen sagen alle, dass sie mit ihrer Idee die Welt verändern und dabei reich werden sollten. Wer weniger anstrebt, ist fast schon unglaubwürdig. Wie also wählt Google Ventures unter den vielen Kandidaten aus, die alle eine Idee für die nächste globale Technologierevolution haben könnten? Kraus stellt sie wirklich, die Frage nach dem Milliarden-Dollar-Markt. Wer keine schlüssige Antwort wisse, habe nicht gründlich genug über das Produkt nachgedacht, den Kunden nicht gut genug verstanden oder den Mehrwert, den er schaffe, nicht klar genug definiert. Zudem versucht Kraus zu erkennen, ob Kandidaten etwas mitbringen, was die wirklich hervorragenden Unternehmer auszeichnet. Unternehmer wie Travis Kalanick, der als Meister der execution gilt.

Das Geld immer fest im Blick

Der Meister der execution: Travis Kalanick, Gründer von Uber.
Credits: JACK ATLEY / NYT / REDUX / LAIF

Das Wort „execution“ lässt sich mit Ausführung übersetzen, meint aber viel mehr, wie ein Vergleich zwischen den Fahrtenvermittlern Uber und Lyft zeigt. Beide Firmen wurden vor vier Jahren in San Francisco gegründet. Beide haben mächtige Investoren im Rücken und dringen mit vergleichbaren Diensten in denselben Milliarden-Dollar-Markt ein: die Taxibranche weltweit. Warum wird Uber heute mit über 50 Milliarden Dollar bewertet, Lyft aber nur mit knapp 3 Milliarden? Wegen Travis Kalanick, dem 39-jährigen Gründer von Uber. „Travis ist ein unglaublicher Anführer mit einer großen Vision, und er hat bewiesen, dass er ausführen kann“, sagt Joe Kraus von Google Ventures. Tim Sullivan, der surfende Investor von Oceanic Partners, sieht das anders. Er habe mit Travis Poker gespielt, als er noch auf der Suche nach Geld gewesen sei, sagt er. „Aber wir haben ihn aus unserer Runde geschmissen.“ Kalanick war ihm zu laut, zu risikofreudig, zu aggressiv. Das dürfte Sullivan hunderte von Millionen an Gewinn gekostet haben: Er investierte in Lyft.

Trotzdem meinen Sullivan und Kraus dasselbe: Man kann einen echten Unternehmer finden, der einen echten Milliarden-Dollar-Markt entdeckt hat, und trotzdem kann es schiefgehen, wenn die execution nicht klappt. Es geht um die Fähigkeit, sich im Wettbewerb durchzusetzen, einen Vorsprung nie aus der Hand zu geben, den Kunden und den Umsatz nie aus den Augen zu verlieren. Auch in dieser Beziehung ist das Silicon Valley einzigartig. Auf der ganzen Welt bringen Ingenieure Innovationen hervor, aber sie werden nirgendwo so konsequent zu Geld gemacht.

Während Lyft bis jetzt nur in den USA tätig ist und sich immer ans Gesetz hält, expandiert Uber mit seinem Fahrdienst so schnell wie möglich rund um den Globus. Kalanick ignoriert Unklarheiten in den jeweiligen lokalen Gesetzen, lässt seine Uber-Fahrer erst mal von der Leine und geht dann mit den Behörden auf Konfrontationskurs. Das gefällt vielen Risikokapitalgebern besser als das betont freundliche Geschäftsgebaren von Lyft.

Was das Resultat von execution konkret bedeutet, erzählt Michael während einer Fahrt von Palo Alto nach Menlo Park. Er ist studierter Informatiker, arbeitete 15 Jahre lang für den Telekommunikations-Riesen AT&T, hat aber in der letzten Entlassungswelle seinen Job verloren. Seither ist er mit seinem Toyota Prius als Uber-Fahrer unterwegs. Am Anfang sei das Geschäft großartig gewesen. Uber sollte so schnell wie möglich Marktanteile erobern, also lockte Kalanick Fahrer mit Prämien und verlangte nur 5 Prozent des Fahrpreises als Kommission. Umgekehrt kurbelte er mit Dumpingpreisen die Nachfrage der Passagiere an. Während eine Taxifahrt von San Francisco nach San Jose 300 Dollar kostet, bietet sie Uber für 80 Dollar an. Heute sei das Geschäft eine Katastrophe, sagt Michael, es habe zu viele Uber-Fahrer und die Kommission sei auf 25 Prozent gestiegen. „Ich muss 12 Stunden pro Tag arbeiten, damit es sich lohnt.“ Für Kalanick und seine Investoren dagegen geht das Spiel auf, Uber soll bald 70 Milliarden Dollar wert sein.

Auch Laura Borel, 28 Jahre alt, Waadtländer Wurzeln, kann erzählen, was wahre execution ist. Sie kennt sogar beide Seiten. Die Tochter von Logitech-Gründer Daniel Borel sitzt im Coupa Café, einem der beliebtesten Treffpunkte für Gründer und Investoren in Palo Alto. Sie erzählt von ihrer Bilderbuchkarriere im Silicon Valley. Borel studierte in Stanford und begann vor vier Jahren, mit ihrer Firma Nutrivise eine Ernährungs-App zu entwickeln. Der Milliardenmarkt? „Gesundheit.“ Die Vision: „den Branchen-Dinosaurier Weight Watcher’s erledigen“. Das Resultat? Borel verkaufte ihre Firma für einen zweistelligen Millionenbetrag an Jawbone, einen Hersteller von Fitness-Armbändern. Eigentlich ein perfekt ausgeführter Plan. Aber jetzt ist Borel Angestellte einer „beschädigten Firma“, wie sie erklärt. Die Firma hat ein Problem mit der execution. Jawbone kämpft mit Qualitätsmängeln in der Fertigung, hatte Probleme damit, neues Geld von Investoren zu bekommen, verlor an Geschwindigkeit. Konkurrent Fitbit ist Längen voraus. Laura Borel rührt in ihrem Kaffeebecher. „Klar, ich werde wieder eine Firma gründen“, sagt sie und schweigt. Es ist anzunehmen, dass ein vertraglich festgeschriebenes Konkurrenzverbot sie noch daran hindert.

Der Fast-Facebook-Erfinder

Coupa Café in Palo Alto: Ein beliebter Treffpunkt für Firmengründer und Kapitalgeber.
Credits: Eric Millette

Saeed Amidi findet solche Geschichten von Erfolg und Scheitern großartig. Am liebsten erzählt er sie selbst. So war er einmal an einer Firma beteiligt, die Studenten über das Web vernetzen wollte. Affinity Circle hatte die Zusagen von 280 Universitäten, Investoren hatten 14 Millionen Dollar eingeschossen, die Software funktionierte. Dann kam ein Jungunternehmer namens Mark Zuckerberg und machte Affinity Circle mit seiner Firma Facebook den Garaus. „Wir versuchten, über das Büro des Rektors an die Adressen der Studenten zu kommen, und Mark hat einfach auf jedem Campus hübsche Studentinnen als Facebook-Botschafter losgeschickt“, erklärt Amidi. „Wem hätten Sie Ihre E-Mail-Adresse geben, dem Rektor oder der Kommilitonin?“ Kurz darauf tätigte Zuckerberg einen weiteren meisterhaften Schachzug. Er holte Mitarbeiter ins Boot, die Erfahrung damit hatten, ein Produkt rasch und mit Erfolg auf den weltweiten Märkten auszurollen. „Facebook wäre nicht so erfolgreich, wenn Zuckerberg nicht reihenweise Google-Mitarbeiter abgeworben hätte, allen voran Sheryl Sandberg“, sagt Amidi.

In der Nähe von Palo Alto betreibt er das Plug And Play Tech Center. Das ist ein etwas in die Jahre gekommenes Bürogebäude, in dem Amidi gegen Miete oder eine Aktienbeteiligung Jungfirmen aufnimmt und hochzüchtet. Er sorgt dann für alles, Möbel, Verpflegung, ein Rechenzentrum und vor allem Coaching. Plug And Play investiert jedes Jahr in etwa 100 Startups in Kalifornien und bringt sie auch mit potenziellen Kunden und Investoren in Kontakt. Jeden Tag finden dutzende von Begegnungen statt. Auch die Swisscom, die SRG und die Schweizer Post haben sich schon bei Plug And Play nach passenden Startup-Ideen umgeschaut. Amidi lobt zwar, sie seien alle viel innovativer geworden in den letzten Jahren. Der Impact Hub der Swisscom für Jungunternehmer in Zürich gefällt ihm, die Möbel und das Design seien super. Aber Amidi sagt auch: „Das genügt leider nicht.“

Das Problem mit der Neutralität

Warum kann die Schweiz nicht auch zu einem Silicon Valley werden? Das Land hat hervorragende technische Universitäten, Kapital ist zur Genüge vorhanden, eine Firma zu gründen, ist einfach. Amidi lacht. „Klar, ihr bringt vieles mit. Aber es geht euch zu gut.“ Zudem habe sich die Neutralität tief in der Schweizer Mentalität festgesetzt. „Unternehmer sein, heißt Position beziehen und Risiken eingehen. Das liegt nicht in eurer Natur.“

Fabian Hediger versucht, sich am Pacifica State Beach aus dem Neoprenanzug zu schälen. Für diesen Nachmittag ist es genug mit dem Surfen. Wahrscheinlich würde er Amidis Einschätzung zustimmen. Aber er will etwas ändern und den Geist aus Kalifornien in die Schweiz tragen. Deshalb organisiert er im Januar die Konferenz Worldwebforum in Zürich. „Eine Haltung wie im Silicon Valley würde der Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz guttun“, sagt Hediger, „unser Wohlstand ist nicht gottgegeben.“ Er wolle, dass Misserfolge gleich akzeptiert seien wie Erfolge. Und dass unsere Kinder in einer Kultur aufwachsen, in der etwas Neues zu schaffen als cool gelte. Wenn sie dereinst eine Firma gründen, soll es ihnen nicht wie ihm ergehen, findet Hediger. Niemand soll sie für verrückt halten.