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Finanzkrise

Warum Investoren eine neue Krise fürchten – allen Geldgeschenken zum Trotz

von Lukas Sustala / 09.02.2016

An den Finanzmärkten geht derzeit die Sorge vor einer Rezession, ja vielleicht sogar vor einer Finanzkrise um. Was hinter den Ängsten steckt, wie realistisch sie sind und warum das billige Geld der Notenbanken diesmal wenig zu helfen scheint.

Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn die PR-Teams einer Großbank ausrücken müssen, um die Finanzmärkte wegen der vermeintlichen Zahlungsunfähigkeit zu beruhigen. Doch so geschah es am Abend des 8. Februar. Noch dazu nicht bei irgendeiner Minibank, sondern bei der Deutschen Bank. Die Deutsche Bank ist tatächlich nicht irgendein Institut, sondern eine der ganz großen systemrelevanten Banken, also „too big to fail“, zu groß, um pleitegehen zu dürfen, da sie die Finanzwelt mit in den Abgrund reißen würde. 1.719 Milliarden Euro ist die Bilanz von Deutschlands größtem Geldhaus schwer.

Und um diesen „Big Player“ scheinen sich Investoren an den Finanzmärkten zusehends zu sorgen. Darauf deuten etwa die kräftig gestiegenen Prämien hin, die Anleger für sogenannte Kreditversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) zahlen müssen. Sie spiegeln die Ausfallswahrscheinlichkeit wider.

Doch bei der Unsicherheit um die Deutsche Bank geht es nicht um eine „Pleite“ im herkömmlichen Sinn, oder gar im Hypo-Alpe-Adria-Sinn. Es geht darum, dass die Bank in Frankfurt zu wenig verdienen könnte, um gewisse Anleihen zu bedienen. Die Banken haben in der Vergangenheit immer mehr Schulden ausgegeben, die nur dann vollständig bedient werden, wenn die Geschäftslage gut genug ist. Und relativ neue Papiere, sogenannte „CoCos“Diese Contingent-Convertible-Bonds werden im Falle einer zu niedrigen Eigenkapitalquote automatisch von Fremd- in Eigenkapital umgewandelt. , könnten angesichts der vielen Probleme bei der Deutschen Bank ausfallen, fürchten Investoren. Zu teuer ist die Restrukturierung des Geldhauses, etwa der Verkauf der Postbank. Zu lahm läuft das wichtige Geschäft mit Anleihen, Rohstoffen und Währungen in der Investmentbank der Deutschen Bank, der wohl wichtigsten Einheit.

Bankaktien sind kräftig abgestürzt

Die Deutsche Bank ist aber ein Symptom, nicht Auslöser, der jüngsten Unsicherheit, die auch österreichische (Bank-)Aktien erfasst hat.

Ausgelöst wurde die zuletzt gestartete Turbulenz an den Finanzmärkten eigentlich vom Ölmarkt. Der massive Zerfall des Ölpreises von mehr als 110 Dollar pro Fass 2014 auf nur noch 30 Dollar hat vor allem die Aktien und Anleihen von Energiekonzernen unter Druck gesetzt. In den USA werden Fracking-Unternehmen durch die günstigen Ölpreise an den Rand ihrer finanziellen Existenz getrieben, während große Ölmultis hunderte Milliarden Dollars an Investitionen in neue Förderkapazitäten gestoppt haben und Milliarden abgeschrieben haben, wie auch die heimische OMV.

Der Ölpreis hat aber längst über den Energiesektor hinaus ausgestrahlt. Die Befürchtung, dass die niedrigen Energiepreise auch ein Symptom der schwachen Wirtschaftsentwicklung sind, setzt sich zunehmend durch. Und das bringt die fragilen Banken der Eurozone nach gerade einmal zwei Jahren der Erholung schon wieder unter Druck. Denn nicht nur die monetären Mülldeponien in der Eurozone, die Bad Banks, sorgen für Verunsicherung – denn nach wie vor ist nicht klar, wer die Kosten der Beseitigung der Altlasten in Form fauler Kredite aufbringen soll. Auch Großbanken, die aktuell restrukturieren müssen – neben der Deutschen Bank fällt da natürlich auch die italienische UniCredit ein, die in Österreich auch die Bank Austria umstrukturieren will – sind unter Druck. Der Aktienkurs der UniCredit hat sich im vergangenen Quartal fast halbiert.

Der jüngste Kursrutsch ist aber nur ein weiterer Schritt nach unten. Man darf nicht vergessen, dass Aktionäre von Banken ein Vierteljahrhundert nichts verdient haben. Die strengere Regulierung des Sektors spielt dabei ebenso eine Rolle wie nun möglicherweise riskante Kredite an Energieunternehmen oder Schwellenländer.

Mr. Bond: Ziemlich durchgeschüttelt

Die Anleihenmärkte signalisieren jedenfalls viel Ungemach. Die Investoren flüchten in Staatsanleihen und lassen Bonds mit Kreditrisiken, vor allem Unternehmensanleihen, links liegen. Das zeigt sich an zwei Phänomenen: Erstens sind die Zinsen für sichere Staatsanleihen zuletzt wieder drastisch gefallen, und das weltweit in den Industrienationen. Niedrige langfristige Zinsen signalisieren aber nicht nur die Geldflut der Zentralbanken. Sie werden auch als Hinweis auf die niedrigen Inflations- und Wachstumserwartungen der Märkte gesehen. In Japan rutschten heute Morgen nicht nur die Aktienkurse ab, sondern auch die zehnjährigen Staatsanleihenzinsen unter null Prozent.

Zweitens haben sich die Risikoaufschläge ausgeweitet. Investoren verlangen von riskanteren Schuldnern also eine deutlich höhere Verzinsung als noch vor wenigen Wochen. Bei einigen Ramschanleihen nimmt das bereits das Ausmaß von Wucher an. Sogenannte Hochzinsanleihen mit einem schlechten Rating von CCC bieten aktuell eine durchschnittliche Verzinsung von 20 Prozent. Vor einem Jahr verlangten Investoren von diesen wackeligen Schuldnern nur acht Prozent. Doch auch solide Unternehmen müssen jetzt wohl tiefer in die Tasche greifen, um an den Kapitalmärkten zu Geld zu kommen. Unternehmen mit einem A-Rating, aktuell verfügt etwa der globale Minenkonzern BHP Biliton über so eine Bonität, zahlen für lang laufende Anleihen nun knapp doppelt so hohe Zinsen wie noch 2014. Das alles signalisiert die gestiegene Gefahr einer Kreditkrise.

Was diesmal anders als 2008 ist

Daher werden Vergleiche mit dem Krisenjahr 2008 aktuell häufig herumgereicht. Schließlich sind die Schulden vielerorts hoch. Einzig das Epizentrum der Schuldenkrise ist diesmal einfach woanders. 2008 war es der US-Immobilienmarkt, 2011 Staatsschulden in Südeuropa, 2015/16 sind es Energiesektoren und Schwellenländer.

Ein neues Phänomen bringt die jüngste Unsicherheit aber doch mit sich, denn sie passiert just zu einem Zeitpunkt, da die Zentralbanken alle Schleusen bereits weit geöffnet haben. Normalerweise reagieren die Zentralbanken erst auf Unsicherheit auf den Finanzmärkten mit einer Geldflut. Diesmal aber fallen Europas Bankaktien justament zu einem Zeitpunkt ins Bodenlose, da die Europäische Zentralbank die Zinsen so tief gedrückt hat wie noch nie. Zwar betont EZB-Präsident Mario Draghi immer wieder, dass man sich auch in Frankfurt noch Pulver trocken gehalten habe, um auf eine Krise reagieren zu können. Allerdings darf nach fast acht Jahren, in denen sich die Notenbanken nun schon mit der Geldflut gegen Rezessionen stützen, bezweifelt werden, dass noch viel Pulver trocken ist.