Warum Monsanto an Syngenta interessiert ist

von Sergio Aiolfi / 13.05.2015

Die Agrochemiebranche leidet unter einem zyklischen Abschwung. Gravierender jedoch ist der Mangel an technischen Lösungen für das Problem pestizidresistenten Unkrauts. Die Unternehmen suchen ihr Heil in Akquisitionen, berichtet NZZ-Wirtschaftsredakteur Sergio Aiolfi.

Die Agrochemiebranche hat schon bessere Zeiten erlebt. Zwar sind die langfristigen Geschäftsaussichten nach wie vor gut; solange die Schwellenländer prosperieren und der Proteinbedarf der Weltbevölkerung stetig zunimmt, wird auch die Nachfrage nach Technologien zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Effizienz steigen. Das heißt allerdings nicht, dass konjunkturelle Störungen diesen säkularen Aufwärtstrend nicht hie und da unterbrechen – so, wie es gegenwärtig der Fall ist. Hauptursache für die seit 2013 zu beobachtende Verflachung der Wachstumskurve am Agromarkt sind die gesunkenen Weltmarktnotierungen etwa für Mais, Soja und Weizen (vgl. Grafik). Die niedrigeren Preise schmälern die Einkommen der Landwirte und reduzieren deren Neigung zur Investition in Agrobusiness-Produkte. Hatte das Wachstum 2014 noch stagniert, dürfte der Markt nach Meinung von Branchenanalytikern im ersten Quartal 2015 geschrumpft sein.

Fallende Rohstoffpreise
Fallende Rohstoffpreise
NZZ-Infografik. Quellen: Bloomberg, Geschäftsberichte, ZKB

Unkraut verdirbt nicht immer

Das generell negative Bild lässt sich etwas nuancieren, wenn man die Währungseinflüsse berücksichtigt. Farmer, die im Dollarraum wirtschaften und deren Kosten in US-Valuta anfallen, haben bei sinkenden Agrarpreisen mit einem größeren Margendruck zu kämpfen als beispielsweise Bauern in Brasilien oder Argentinien; die lateinamerikanischen Landwirte können den preisbedingten Druck auf die Gewinnspannen dank den schwachen Landeswährungen, in denen ein großer Teil ihrer Produktionskosten anfällt, einigermaßen wettmachen. Daraus könnte man schließen, dass ein relativ hoher Schwellenländer-Anteil am Umsatz, wie ihn vor allem der Schweizer Agrokonzern Syngenta aufweist, einen Vorteil darstellt. Der Nachteil ist allerdings, wie der Basler Konzern im vergangenen Jahr erfahren musste, dass bei der Umrechnung der Leistungsdaten von weichen Währungen in harte Dollars die operative Marge stark in Mitleidenschaft gezogen wird.

Nebst diesen eher konjunkturellen oder zyklischen Marktdeterminanten gibt es auch Einflussfaktoren struktureller Natur. Was die Branche derzeit vor allem beschäftigt, ist die wachsende Resistenz von Unkraut gegen herkömmliche Herbizide. Besonders gravierende Auswirkungen hat diese Widerstandsfähigkeit auf das Breitband-Herbizid Glyphosat, das unter einer Reihe verschiedener Markennamen – Roundup (Monsanto) oder Touchdown (Syngenta) – während Jahrzehnten in der Landwirtschaft eingesetzt wurde und den Status eines Blockbusters erreicht hatte. Inzwischen sind die Patente abgelaufen, und der Glyphosat-Markt wird von chinesischen Herstellern dominiert. Das hat zur rapiden Erosion der Margen geführt, die mit dem Produkt erzielt werden können, was beispielsweise Syngenta 2014 dazu bewogen hat, sich schrittweise aus dem Geschäft zurückzuziehen.

Zu viel GVO ist ungesund

Eine Alternative, die als Realersatz für Glyphosat dienen könnte, ist derzeit nicht in Sicht. Ein Grund dafür dürfte sein, dass dem Gebiet Pflanzenschutz in der Vergangenheit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Die branchenweiten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend auf den Saatgut-Bereich konzentriert – und dabei zu einem guten Teil auf gentechnisch veränderte Organismen (GVO); derweil wurde der Pflanzenschutz ins zweite Glied verwiesen.

Das Ei des Kolumbus

Der daraus resultierende Mangel an technologischen Lösungen für das Resistenz-Problem hat, wie Martin Schreiber, Analytiker bei der Zürcher Kantonalbank, meint, bei den Unternehmen einen akuten Handlungsbedarf geschaffen. Aus seiner Sicht stellt der Plan von Monsanto, Syngenta zu übernehmen, eine der Möglichkeiten dar, das Problem zu lösen. Der US-Konzern ist wohl im Saatgut-Geschäft umsatzmäßig und technologisch führend, spielt aber im Pflanzenschutz eine untergeordnete Rolle; Letzteres ist die Domäne von Syngenta. Die Hypothese ist deshalb nicht abwegig, dass Monsanto den Schweizer Konkurrenten akquirieren will, um mithilfe von dessen breitgefächertem Pestizid-Portfolio eine neue Generation von Unkrautvertilgern zu kreieren. Auf dieser Basis könnten Produkte entstehen, die sich sodann auch mit neu entwickeltem Saatgut kombinieren ließen.

Die Zukunft ist biologisch

Ob die Zukunft der Agrartechnologie in jedem Fall über GVO gehen wird, ist alles andere als gewiss. Der bisherige Protagonist auf diesem Gebiet, Monsanto, hat unlängst damit begonnen, Methoden zur Effizienzsteigerung zu erforschen, die nicht auf Chemie oder Gentechnologie beruhen, sondern auf Biologie. 2014 ist der Konzern eine Partnerschaft mit dem dänischen Unternehmen Novozymes eingegangen, bei der es um die Entwicklung von neuartigen „Microbials“ geht; das sind Wirkstoffe, die aus Bakterien oder Pilzen gewonnen werden, und die den Wachstumsprozess von Pflanzen fördern oder den Schutz vor Krankheiten verbessern. Mit der Technik, so nimmt man an, ließe sich der Einsatz von Pestiziden verringern. Auch andere große Vertreter der Industrie setzen auf Biologie; BASF etwa hat ein Bio-Fungizid im Sortiment. Es könnte also sein, dass die Branchenbezeichnung Agrochemie dereinst nicht mehr ganz angemessen sein wird.

Monsanto und Syngenta: Globale Player
Monsanto und Syngenta: Globale Player
NZZ-Infografik. Quellen: Bloomberg, Geschäftsberichte, ZKB