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Negativzinsen

Warum Sie „Zeit ist Geld“ vergessen können

von Lukas Sustala / 13.02.2016

Auf den ersten Blick ist die Sache einfach. Wenn eine Notenbank die Wirtschaft ankurbeln möchte, senkt sie die Zinsen. Das hat die Europäische Zentralbank so weit gemacht, dass sie unter die Nulllinie gegangen ist. Doch die Politik negativer Zinsen könnte nach hinten losgehen, wie das aktuelle Chaos auf dem europäischen Kapitalmarkt zeigt. 

Kennen Sie NIRP? Sie ist die Nachfolgerin von ZIRP.

Weil auf den Finanzmärkten Zeit bekanntlich Geld ist, werden viele Abkürzungen und Akronyme verwendet. Nach der globalen Finanzkrise verfolgten alle großen Zentralbanken eine Nullzinspolitik (Zero Interest Rate Policy, ZIRP). Weil das aber nicht reicht und in den Lehrbüchern der Notenbanker steht, dass tiefere Zinsen eben die Wirtschaft ankurbeln, dominieren jetzt „ Negativzinsen„Negativzinsen“ sind natürlich ein furchtbarer Euphemismus, beschreiben aber, dass die Zentralbanken die Leitzinsen so stark gesenkt haben, dass Banken auf ihre Reserven und Einlagen bei der Notenbank Strafzinsen zahlen müssen. Wer sich Geld borgt, wird bezahlt, wer Geld auf die Seite legt, muss dafür löhnen. “ (Negative Interest Rate Policy, NIRP).

Damit aber werden ganz zentrale Regeln des Wirtschaftens aufgehoben. Den Satz „Zeit ist Geld“ etwa können Sie gleich vergessen. Nicht nur der Kanton Zug will bereits von seinen Steuerbürgern das Geld lieber später als früher, weil der Kanton die Mittel zu negativen Renditen anlegen müsste. Wenn die negativen Zinsen weiter um sich greifen, wäre es nur logisch, dass es künftig teurer ist, seine Wohnungseinrichtung gleich zu bezahlen als in einem Jahr. Zeit ist dann nicht mehr Geld. Warten ist Geld.

„Die finanzielle Situation wird damit auf den Kopf gestellt. Schulden machen soll sich bezahlt machen, Sparen wird aber bestraft“, sagt Peter Brezinschek, Chefanalyst der Raiffeisenbank International. Vieles deutet darauf hin, dass die Europäische Zentralbank die Kapitalmärkte noch länger auf dem Kopf stehen lässt und die Politik der Negativzinsen im März noch einmal verschärfen wird. Der Zinssatz für die Einlagen von Geschäftsbanken bei der EZB in Frankfurt könnte dann bei 0,4 oder gar 0,5 Prozent unter der Nulllinie liegen. Aktuell liegt er bei 0,3 Prozent unter Null.

Wie kann das überhaupt sein?

In den ökonomischen Lehrbüchern steht es klar und einfach. Es gibt einen „Nullzinsgrenze“, den „Zero Lower Bound“. Negative Zinsen galten lange als sehr unrealistisch. Denn wenn die Zentralbank versucht, einen Strafzins durchzusetzen, könnten alle Bürger einfach in Cash umschichten. Bargeld zahlt zumindest immer null Prozent Zinsen. Und wer wäre schon derart von Sinnen, in so einem Umfeld seinem Ersparten beim Schrumpfen zuzusehen? Es ist daher kein Wunder, dass ausgerechnet jetzt, angesichts von negativen Zinsen in der Eurozone, der Schweiz oder Schweden auch die Debatte über ein Verbot von Bargeld in der EZB geführt wird.

Doch ganz so einfach, wie das die Lehrbücher suggerieren, ist die Sache dann doch nicht. Denn nicht jeder kann sein Erspartes so einfach in Bargeld umschichten und unter der Matratze horten. Stellen Sie sich etwa den Treasurer, also den Schatzmeister, eines börsenotierten ATX-Konzernes vor. Die Liquidität kann hier schnell viele Millionen Euro erreichen. Diese Summen als Bargeld in Tresorräumen zu bunkern, hat aber auch seinen Preis. Diese Lagerkosten sind daher ebenso zu berücksichtigen wie das Faktum, dass mit der hohen Bargeldhaltung natürlich auch ein gewisses Sicherheitsrisiko verbunden wäre. Auch Banken können sich den Negativzinsen der Notenbanker entziehen. Und so versuchen sie sie so gut sie können weiterzureichen.

Bei Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Bankaufseher und Abwickler

Das gelingt aber eher schlecht als recht. Negativzinsen bringen für Europas Banken massive Nebenwirkungen. Banken verdienen schließlich einen erheblichen Teil ihres Gewinns aus Fristentransformationen. Sie borgen sich kurzfristig – und meist zu niedrigen Zinsen – Geld aus und leihen es langfristig und zu höheren Renditen. Der Unterschied ist die „Zinsmarge“, so etwas wie das „Brot-und-Butter-Geschäft“ österreichischer und deutscher Banken. Wenn aber die gesamte Zinskurve, von ganz kurz bis lang laufenden Krediten abflacht, dann machen die Banken ein schlechtes Geschäft.

There are two difficulties facing banks: non-performing exposures (NPEs), which are quite high in a number of European countries, and the risk to profitability because of the low interest rates. Our top supervisory priority for 2016 is therefore to make sure that banks review their business models to ensure that they are fully sustainable.

Antonio Garcia Pascual, Ökonom von der britischen Investmentbank Barclays Capital, warnt daher: „Je länger die Zinsen negativ sind, desto länger wird die Profitabilität von Banken unter Druck kommen, solange es nicht zu einem kräftigen Aufschwung in der Eurozone kommt.“ Und davon sind immer weniger Analysten überzeugt, wie der dramatische Rückgang bei Europas Bankaktien zeigt, die in den vergangenen zwölf Monaten wieder um knapp 40 Prozent von ihrem Höchststand gesunken sind. Die Banken stecken aktuell in einem Dilemma, warnt Brezinschek. Die Europäische Zentralbank verlangt als Regulator von den Geldinstituten eine bessere Eigenkapitalausstattung. Als oberste geldpolitische Instanz aber macht sie den Geldhäusern das Geschäft mit der Zinspolitik zunichte. Und trägt damit dazu bei, dass Investoren selbst einer Deutschen Bank nicht mehr vertrauen, wieder profitabel zu werden. Das merkt man auch in Frankfurt, identifiziert doch die oberste EZB-Bankaufseherin Daniele Nouy die niedrigen Zinsen als große Gefahr für die Profitabilität der Geldhäuser.

Negativzinsen als psychologisches Warnsignal

Ein weitere Nebenwirkung ist psychologischer Natur. Denn negative Zinsen laden nicht nur zum Schuldenmachen und Investieren ein, wie viele Notenbanken hoffen. Denn sie sind eine Notmaßnahmen, die verunsichert. Und so können die sinkenden, gar negativen Zinsen vielleicht sogar zu einer höheren Sparquote führen, wie der Ökonom Daniel Gros etwa schreibt. Dann nämlich, wenn Sparer angesichts der Negativzinsen derart verunsichert sind, dass sie ihren Konsum noch weiter einschränken, um für später vorzusorgen, könnten Negativzinsen auch für den Konjunkturverlauf zum Hindernis werden. Vor allem in Ländern, die über hohe Sparvermögen verfügen, könnte dieser Effekt zu beobachten sein.

In Wirklichkeit sind die Negativzinsen eine Antwort auf die nach wie vor gegebene Überschuldung in vielen Volkswirtschaften. Die hohen Schulden von Privaten, Banken und Staaten werden durch die negativen Zinsen langsam und allmählich entwertet. Weil Europa nicht den Weg gegangen ist, die maroden Banken, Unternehmen und Haushalte zu sanieren, wird nun der Weg von negativen Zinsen beschritten.

Die strukturelle Überschuldung wird also statt mit einem kurzen Notfall, etwa einer Insolvenzwelle und Restrukturierung von Europas Problembanken, mit einem Dauer-Notfall gelöst. Negative Zinsen lösen aber ein Schuldenproblem nur sehr langsam, während die beschriebenen Nebenwirkungen zu neuen Krisenerscheinungen führen können.


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