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E-Mobilität

Warum Wiener nicht Elektroauto fahren

von Leopold Stefan / 10.01.2016

Wer in Wien ein Elektroauto fährt, muss lange nach einer Ladestation suchen. Im öffentlichen Raum gibt es praktisch keine, und das mit Absicht: Die grüne Verkehrspolitik hat im Namen der Effizienz jeglichem motorisiertem Individualverkehr den Kampf angesagt. Ob die Vision aufgeht, bleibt offen. Fest steht, dass der Markt für Elektroautos darunter leidet und die Stadt im europäischen Vergleich zurückfällt. 

Wer vom Amsterdamer Flughafen Schiphol ein Taxi in die Innenstadt sucht, kommt als Erstes zu einer Schlange von Elektrotaxis – Brennstoffmotoren dürfen nicht in der Poleposition warten. Seit letztem Jahr wurde die Flotte um 168 Tesla, Modell S, ergänzt, die einen gewichtigen Anteil der rund 1.600 täglichen Fahrgäste transportieren, die in die Stadt müssen. In Amsterdam angekommen, steht dem Besucher eine voll elektrifizierte Carsharing-Flotte zur Verfügung und das weltweit dichteste Netzwerk an öffentlich zugänglichen Ladestationen. Ziel der Stadtregierung ist, bis 2040 beinahe den gesamten Verkehr auf Elektroantriebe, die aus grüner Energie gespeist werden, umzustellen.

Auch die Wiener Landesregierung unter der Ägide der grünen Vizebürgemeisterin Maria Vassilakou verfolgt eine Elektromobilitäts-Strategie, die neben dem öffentlichen Verkehr die Förderung des elektrischen Individualverkehrs vorsieht. Allerdings führt die dezidierte Ablehnung des städtischen Automobilverkehrs der Grünen zu einer gespaltenen Politik, mit der sich Wien im Vergleich zu anderen Orten isoliert: Im öffentlichen Raum werden keine für Private zugänglichen Ladestationen genehmigt. Wer in Wien mit einem Elektroauto fährt, muss zum Aufladen ein Fast-Food-Restaurant mit Parkplatz, eine Parkgarage oder ähnliche semi-öffentliche Orte ansteuern.

Damit blockiert die Wiener Stadtregierung den Aufstieg von Elektroautos, kritisieren Branchenvertreter. Für Michael-Viktor Fischer, Geschäftsführer des Ladestationsanbieters Smatrics, ist dieser dogmatische Schwarz-Weiß-Ansatz der Vizebürgermeisterin nicht nachvollziehbar. Schließlich würde ein flächendeckender Umstieg auf Elektroautos neben den reduzierten CO2-Emissionen auch den unliebsamen Feinstaub und die Lärmbelästigung in Zaum halten, ohne auf Maßnahmen wie eine angedachte 30er-Beschränkung auf dem Gürtel notwendig zu machen.

Wien fährt anders

Auch in Österreich steht Wien mit der Ablehnung eines privat nutzbaren Ladenetzwerks alleine da. Das spiegelt sich im Anteil der Elektroautos am gesamten PKW-Bestand wider. Obwohl sich Elektroautos gerade für kurze Strecken in Städten eignen, sind die Wiener, neben dem Burgenland, Schlusslicht bei deren Anschaffung. Auf ein Elektroauto kommen in Wien rund 2.000 Verbrenner.

Kärnten hat vergleichsweise früh Förderungen für Elektroautos eingeführt, erklärt Matthias Köchl, Grünen-Sprecher für Nachhaltigkeit. Damals im Gemeinderat in Klagenfurt im Jahr 2010 setzte sich Köchl dafür ein, dass Elektroautos in der Stadt gratis parken dürfen. Zu der Zeit waren in ganz Kärnten nur 120 Elektroautos zugelassen. Seither haben viele Städte in Österreich ähnliche Förderungen eingeführt, teils mit gemischtem Erfolg. In Graz parkt man mit Elektroauto auch gratis, in Innsbruck beendete man 2012 eine Testphase.

Ladestation in Amsterdam
Credits: Niels Blekemolen

In Kärnten finanzierten die Landesregierung und der Energiekonzern Kelag auch den Ausbau von Ladestationen im öffentlichen Bereich. Auch der Strom wird teilweise gratis zur Verfügung gestellt. Die Situation sei in den Ländern aber nicht mit Wien vergleichbar, betont Köchel. Der gut ausgebaute öffentliche Verkehr und die beschränken Parkmöglichkeiten in der Bundeshauptstadt verlangen ein alternatives Verkehrskonzept.

Wien sticht aber auch im Vergleich mit dichter besiedelten urbanen Zentren Europas heraus. Das Amsterdamer Netzwerk an Ladestationen steht jedem zur Verfügung. Je nach Auslastung wird es stets erweitert. Wer ein neues Elektroauto anschafft, bekommt schneller einen Parkplatz. Die Stadt fördert dann auch die Errichtung einer Ladestation, sollte eine fehlen. Mit knapp 2.000 Einwohnern pro km2 ist die Bevölkerungsdichte in der niederländischen Hauptstadt jedoch deutlich niedriger als die 4.400 Bewohner pro km2 in Wien.

Doch auch die mit Abstand dichtestbesiedelte Stadt in der EU hat ein umfangreiches Netzwerk an Ladestationen: Paris, mit über 20.000 Einwohnern pro km2 hat allein im Vorfeld der Klimakonferenz 120 neue Schnellladestationen aufgestellt – ungefähr so viele gibt es in ganz Österreich. Das öffentliche Carsharing-Angebot „Autolib“ besteht aus einer rein elektronischen Flotte. Über 90.000 Mitglieder nutzen dieses Angebot. Das flächendeckende Netzwerk an Ladestationen ist für alle Elektroautos zugänglich. 

Vorrang für Öffis

Auf Anfrage bei der Wiener Vizebürgermeisterin Vassilakou bestätigt die zuständige Magistratsabteilung ihren Umgang mit Ladestationen im öffentlichen Raum: Man müsse auf Funktionalität und die Verträglichkeit mit dem Stadtbild bei der Errichtung der Ladeinfrastruktur Rücksicht nehmen. Konkret heißt das, man baue sehr wohl auch öffentliche Ladestationen, nur seien diese ausschließlich für „spezielle Mobilitätsservices“, wie ein Pilotprojekt mit E-Taxis und Carsharing. Grundsätzlich habe die Abwicklung des öffentlichen Verkehrs einen höheren Stellenwert.

Außerdem würden Elektrofahrzeuge ohnedies dort geladen, wo sie längere Zeit abgestellt werden, nämlich am Wohnort oder am Arbeitsplatz. Wer also eine eigene Garage hat oder einen Parkplatz auf dem Firmengelände, kann sich selber eine Ladestation aufstellen. Für alle Wiener, die mit Parkpickerl ihr Auto auf der Straße abstellen, ist der Umstieg auf ein Elektroauto demnach undenkbar.

Demnach geht der Anspruch der grünen Verkehrspolitk in Wien über die Reduktion von Abgasen, Feinstaub und Lärm hinaus. Das Ziel ist, die Gesamteffizienz im Transportwesen zu steigern. Ob die Hoffnung der Grünen aufgeht, die Wiener Autofahrer dazu zu bringen, ganz auf ihr eigenes Fahrzeug zu verzichten, bleibt offen.

Erstes E-Taxi in Wien
Credits: MANFRED DOMANDL/TAXI 40100

Obwohl viele Ökonomen der Förderung von Elektroautos sehr skeptisch gegenüberstehen, ist der stark verzerrte E-Mobilitätsmarkt eine Realität. In diesem Umfeld ist eine selektive Förderung von Elektroautos bei gleichzeitiger Einschränkung privater Anbieter mit hohen Kosten verbunden. Allein die Umrüstung auf ein E-Taxi fördert die Stadt Wien mit 8.000 Euro pro Wagen. Zusätzlich erhalten die E-Taxis gratis Strom und eigene Ladestationen. Die Freigabe der Nutzung dieser Stationen für Private, die für den Strom zahlen müssten, würde keine zusätzlichen Kosten verursachen, aber wesentlich zur Infrastruktur beitragen.

Inzwischen steigen nicht nur immer mehr Holländer auf Elektroautos um, Amsterdam entwickelt sich zu einem Zentrum für Unternehmen im Bereich der E-Mobilität aus der ganzen Welt, wie Tesla, oder den führenden Anbieter von Elektromotorrädern Zero. Davon profitiert nicht nur die Umwelt, sondern auch die Wirtschaft. Aber der Elektrozug ist in Wien wohl abgefahren.


In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass es gar keine Ladestationen im öffentlichen Raum in Wien gebe. Allerdings existieren vereinzelt Ladestationen, die im öffentlichen Parkraum nutzbar sind. Zum Beispiel am Brahmsplatz vor dem Büro von „Österreichs Energie“, der Interessensvertretung der E-Wirtschaft.