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Warum Wirtschaftsprognosen oft daneben liegen und die Politik sie trotzdem braucht

von Leopold Stefan / 24.10.2015

Auf der Prognose, wie sich das Bruttosozialprodukt entwickeln wird, basieren wichtige politische und wirtschaftliche Entscheidungen. Obwohl auch die besten Konjunkturforscher häufig danebenliegen, sind wir auf ihre Dienste angewiesen. Wer vernünftig planen will, muss sich aber der Stärken und Schwächen von Wirtschaftsprognosen bewusst sein. 

Vorhersagen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Dieses geflügelte Wort wird berühmten Persönlichkeiten wie Niels Bohr, Winston Churchill oder Mark Twain zugeschrieben, und es durfte nicht fehlen, als diese Woche das Institut für höhere Studien (IHS) zur Podiumsdiskussion über den Sinn und Unsinn von Wirtschaftsprognosen einlud. Im Gegensatz zu Meteorologen kämpfen Ökonomen damit, dass nicht nur die Zukunft ungewiss ist. Auch die Daten aus der Vergangenheit, auf denen die Schätzungen beruhen, müssen laufend revidiert werden.

In Deutschland betrage die Abweichung von dem erstmals veröffentlichen BIP-Wachstum bis zum endgültigen Wert durchschnittlich 0,4 Prozentpunkte, erklärt Professor Roland Döhrn vom Rheinisch Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Die Abweichung für das österreichische BIP-Wachstum vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und IHS von der ersten Prognose im Winter für das übernächste Jahr bis zum mehrfach revidierten Ergebnis im Herbst des Folgejahres betrugen von 2012 bis 2014 durchschnittlich 1,3 Prozentpunkte. Bei dem schwachen durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von etwa einem Prozent in den vergangenen vier Jahren ist diese Abweichung beträchtlich.

Krisen krempeln Konjunkturprognosen um

Konjunkturausblicke richten sich stark danach was bisher geschah. In Krisenzeiten, wenn plötzliche Trendbrüche auftreten, verfehlen Prognosen meist das Ziel. Bei manchen Indikatoren ist die statistische Hebelwirkung besonders stark.

Ein wichtiger Faktor, der zur Bemessung der Wirtschaftsleistung beiträgt, ist die Investitionsfreude von Unternehmen. Ökonomen erwarten, dass Firmen jedes Jahr zumindest den abgeschriebenen Wertverlust ihrer Ausrüstung ausgleichen. Was darüber hinaus in Maschinen, Fuhrpark und sonstiges Gerät fließt, deutet auf zukünftige Profiterwartungen hin.

Die österreichischen Wirtschaftsinstitute schätzten die Entwicklung der hiesigen Ausrüstungsinvestitionen in den vergangenen Jahren jeweils viel zu optimistisch ein. Trotz niedriger Finanzierungskosten, ist die Investitionslaune der Unternehmen in Folge der Eurokrise verflossen. Für die Jahre 2012 bis 2014 wurden die Wachstumsschätzungen der Ausrüstungsinvestitionen im Schnitt um -4 Prozent revidiert.

Eine Vergleichsstudie von Konjunkturprognosen für Österreich der OeNB für den Zeitraum von 1998 bis 2006 hat ergeben, dass in Zeiten der Hochkonjunktur zurückhaltend und bei Abschwüngen zu optimistisch vorhergesagt werde. Dadurch glätten sie die Konjunktur.

InvestitionsschwächeII

Auch wenn die Ergebnisse nicht immer genau eintreten, ist für die Planung von Investitionen oder politischen Maßnahmen der Trend entscheidender, als die exakte Kennzahl zu treffen. Die Vorzeichen zu erkennen, sei das relevanteste für die Wirtschaftspolitik meint Marcus Scheiblecker, Vize-Chef des Wifo. Wichtig sei außerdem die Narrative von Prognosen: das Gefühl, man habe die Zukunft im Griff.

Ob sich eine Blase bilde, könne man durch Auswertung der Daten durchaus frühzeitig erkennen, bestätigte Nationalbankgouverneur Ewald Nowotny am Podium. Wann genau die Blase platzt, ist allerdings fast unmöglich vorherzusagen. Während einer Krisensituation, in der Zeitreihenschätzungen unverlässlich sind, sollten Wirtschaftspolitische Akteure historische Lehren berücksichtigen. Es sei ein Glücksfall gewesen, dass bei Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 mit Ben Bernanke ein Ökonom am Ruder der US-Notenbank Fed stand, der sich in seiner Laufbahn sehr genau mit der Krise der 1930er befasst hatte, sagt Nowotny. 

Wer die Grenzen von Wirtschaftsprognosen – besonders in Krisenzeiten –kennt, plant besser voraus. Die laufenden Revisionen sollten das Vertrauen nur bestärken. Schließlich handelt es sich nicht um Irrtümer, sondern Präzisierungen. Vorausgesetzt, die Vorhersagen sind über einen langen Zeitraum unverzerrt, schlagen also in beide Richtungen aus.

Die Politik darf nicht mitmischen

Damit man mit Prognosen in ruhigen wie in turbulenten Zeiten etwas anfangen kann, ist nicht nur wichtig zu verstehen, wie die Daten zustande kommen. Die Auswertung muss über jeden Verdacht erhaben sein, ein politische Ziel zu verfolgen.

In Österreich setzt die Regierung bereits seit den 1960ern auf ausgelagerte Institute. In Deutschland darf die Prognose der Bundesregierung nicht zu stark von der Gemeinschaftsprognose der Forschungsinstitute abweichen.

Trotzdem ließen sich zum Beispiel bei den Meldungen der nationalen BIP-Erwartungen an die EU-Kommission, die den Stabilitäts- und Wachstumspakt überwacht, einige Muster herauslesen, die nicht statistisch begründet waren.

Laut Döhrn hätten sich grob drei Gruppen gebildet: Zum einen gab es die Optimisten, wie Frankreich, die der Kommission meist das obere Ende der Schwankungsbreite ihrer BIP-Prognosen lieferten. Somit konnten die französische Regierung großzügige Budgetausgaben rechtfertigen.

Eine zweite Gruppe waren Pessimisten wie die Niederlande oder Finnland, die sich am unteren Ende ihrer Konjunkturausblicke orientieren. Vielleicht habe das mit protestantischer Selbstgeißelung zu tun, spekuliert Döhrn.

Zur dritten Gruppe, der normativen, zählte Deutschland. Die Bundesrepublik schickte BIP-Erwartungen an die EU, die klar auf die Lohnverhandlungen im eigenen Land abzielten. Soll die Volkswirtschaft die prognostizierte Entwicklung erreichen, müssen dementsprechende politische Maßnahmen durchgesetzt werden, lautet die Botschaft.

Die Kommission hat die abgelieferten Werte anhand dieser Gepflogenheiten bereinigt. Seit 2005 führte die EU aber einheitliche Richtlinien für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein, die 2011 nochmals überarbeitet wurden. Seither ist der Spielraum der Mitgliedstaaten bei den Konjunkturmeldungen eingeschränkt.

Wie wird die Zukunft klarer?

Zwar ist es wichtig, dass Wirtschaftsinstitute untereinander konkurrieren, um eine best practice bei den Methoden zu entwickeln, aber der Feinschliff an der Theorie würde die Treffsicherheit kaum verbessern, erklärt Döhrn. Problematisch sei nämlich der Zielkonflikt zwischen Schnelligkeit und Genauigkeit. Die Forderungen nach raschen Auswertungen mehren sich. Die EU-Statistikbehörde Eurostat könnte schon bald erste nationale BIP-Zahlen 30 Tage nach Quartalsende verlangen, statt wie bisher nach 45 Tagen.

Präzisere Daten würden die Prognosen wahrscheinlich verbessern, aber das wichtigste sei ein früherer Zugriff auf Daten. Die zunehmende Bedeutung des Dienstleistungssektors in den europäischen Volkswirtschaften erschwert das Prognosehandwerk. Die stärkere Regulierung der Industrie hat den positiven Nebeneffekt, dass mehr konkrete Daten für die Statistiker anfallen.

Der Soziologe Werner Reichmann von der Universität Konstanz bezweifelt überhaupt, das es möglich sei, den Wahrheitsgehalt von Wirtschaftsprognosen jemals zu kennen. Schließlich wisse man nie, welchen Effekt die Prognose selber, auf die Volkswirtschaft ausgeübt hat. Das ist aber auch nicht schlimm. Prognosen hätten weniger mit der Zukunft als mit der Gegenwart zu tun. Sie bieten der Gesellschaft einen Kompass, ohne den sie verloren wäre, egal wie gut er funktioniert.