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EZB mit neuen Daten

Was die Europäer reich – und arm – macht

von Claudia Aebersold Szalay / 21.10.2015

Iren, Spanier, Deutsche und Österreicher sind von der Krise ganz unterschiedlich betroffen. Besonders die volatilen Immobilienmärkte führen zu heftigen Schwankungen von Einkommen und Vermögen in der Währungsunion, wie NZZ-Wirtschaftskorrespondentin Claudia Aebersold Szalai berichtet. In Österreich stagnierten die Einkommen, die Vermögen stiegen.

Dass die Krise in den Geldbörsen der Europäer ihre Spuren hinterlässt, mag wohl niemanden so richtig erstaunen. Doch wie genau sie sich auf deren Einkommen und Vermögen auswirkt und wie unterschiedlich sie in den einzelnen Ländern der Währungsunion zu spüren ist, überrascht doch. Die Statistiker der Europäischen Zentralbank (EZB) haben die makroökonomischen Daten der nationalen Statistiken der Euro-Zone erstmals zusammengefasst und so aufbereitet, dass sie vergleichbar sind. In einer soeben erschienenen Übersicht zeigen sie auf, wie sich Einkommen und Vermögen in ihrer Größe und vor allem auch in ihrer Zusammensetzung während der Krise verändert haben.

Geplatzte Blasen und Träume

Das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen hat während der Krise stark gelitten, in den Jahren 2010 bis 2013 ist es auf realer Basis gar geschrumpft. Seither hat es sich zwar wieder erholt, die Wachstumsraten der Vorkrisenzeit erreicht es aber bei weitem nicht mehr. Während das Einkommen vorher durch stetig steigende Löhne, aber auch durch üppige Erträge aus Immobilien sowie aus selbständiger Tätigkeit getrieben war, hat es in der Krise unter eben diesen Posten gelitten.


Credits: EZB, NZZ-Infografik/lea

Die „normalen“ Erwerbseinkommen wachsen seit der Krise weit weniger stark als vorher. Die Transferleistungen wie etwa das Arbeitslosengeld haben hingegen während der Baisse zugenommen und dadurch den Einbruch beim Einkommen etwas abgefedert. Besonders akzentuiert waren die Einkommensschwankungen in jenen Ländern, in denen die Finanzkrise und/oder die Staatsschuldenkrise die Wirtschaftsleistung besonders stark beeinträchtigt hat. Dazu zählen Zypern und Griechenland, aber auch Italien, Slowenien und Spanien. So richtig zugelegt haben die Einkommen in den vergangenen vier Jahren lediglich in den baltischen Ländern sowie in Deutschland.

Vom Traum zum Albtraum

Auch die Zunahme der Nettovermögen, also der Differenz zwischen Vermögen und Schulden der Haushalte, ist seit Ausbruch der Krise in vielen Euro-Ländern deutlich zurückgegangen. Hier hatten die Korrekturen an den Immobilienmärkten den größten Einfluss. Finanzanlagen wie beispielsweise Aktieninvestments haben sich mit Ausnahme der Jahre 2008 und 2011 hingegen positiv auf die Vermögenslage der Bürger ausgewirkt. Bei der Vermögenssituation haben besonders jene Länder gelitten, in denen vor Ausbruch der Krise Spekulationsblasen die Immobilienpreise getrieben hatten und die entsprechend während der Krise einen ebenso heftigen Einbruch der Immobilienpreise erfahren haben. Dazu zählen Irland, Griechenland, Spanien und Zypern. Der Traum vom Eigenheim dürfte während der Krise für manch einen Bürger dieser Länder zum Albtraum geworden sein.


Credits: EZB, NZZ-Infografik/lea.

Waren sie in der Zeit davor dank preisbedingten Wertzuwächsen ihrer Immobilien Jahr für Jahr „reicher“ geworden, ist diese „Reichtumsquelle“ mit dem Platzen der Spekulationsblase am Immobilienmarkt auf einmal versiegt. Einen klar positiven Beitrag leistete das Hauseigentum in den vergangenen vier Jahren lediglich in Belgien sowie in Deutschland und in deutlich geringerem Ausmaß auch in Österreich und Finnland. In diesen Ländern war die Hausse bei den Immobilienpreisen in den Vorkrisenjahren aber nicht besonders akzentuiert gewesen.

Das Finanzvermögen machte im selben Zeitraum vor allem die Bürger der Niederlande, von Irland, Belgien und Frankreich reicher, was teilweise auch auf deren Rentensysteme zurückzuführen ist. Während die staatliche umlagefinanzierte Altersvorsorge in der Statistik der EZB nicht enthalten ist, sind die private Vorsorge und die Lebensversicherungen berücksichtigt. Länder, in denen die private gegenüber der gesetzlichen Vorsorge ausgeprägt ist, weisen nach dieser Logik ein höheres Nettovermögen aus als Staaten, in denen die staatliche Vorsorge dominiert.

Differenz als Fluch und Segen

Die unterschiedlichen Reaktionen der Euro-Mitgliedsländer auf die schwierige Konjunkturlage in den vergangenen Jahren zeigen, wie heterogen der Währungsraum ist. Nicht nur verlaufen die Zyklen etwa am Immobilienmarkt in den einzelnen Ländern ganz unterschiedlich, auch strukturelle Gegebenheiten wie beispielsweise die Wohneigentumsquote eines Landes oder die unterschiedlichen Altersvorsorgesysteme führen dazu, dass jedes Land auf ganz unterschiedliche Weise anfällig auf Krisen ist.

Diese Heterogenität macht eine einheitliche Geldpolitik für den gesamten Euro-Raum schwierig, denn die EZB legt nur einen einzigen Leitzins für den gesamten Währungsraum fest. Naturgemäß ist dieser bei derart unterschiedlichen nationalen Entwicklungen für das eine Land zu niedrig und für das andere zu hoch.

Andererseits federt diese Diversität aber möglicherweise Einbrüche auch besser ab, in dem Sinne, als beispielsweise nicht die gesamte Währungsunion auf einmal in eine Immobilien- oder Finanzmarktkrise schlittert, wenn nicht alle Länder zur selben Zeit „Boom and Bust“-Phasen durchlaufen.