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Was die extrem niedrigen Zinsen verkünden: Boom oder Bust?

von Lukas Sustala / 13.06.2016

Die Anleihenzinsen in Europa sind auf ein neues Tief gefallen. Schuld sind die neuen EZB-Milliarden für Unternehmenspapiere und Brexit-Sorgen. Angesichts wirklich gestiegener Risiken zeigt sich, dass die EZB ihr letztes Pulver verschossen hat.

I know that the UK Treasury, the Bank of England, the OECD club of rich nations and the International Monetary Fund have all produced studies purporting to show a severe economic impact of Brexit. The problem is that these studies rest on rather specific assumptions (…) — all of which are highly speculative and almost certainly wrong. And the British economy would eventually adjust to this new regime, just as it adjusted to the single market when it began more than 20 years ago.

Der Countdown läuft: 10 Tage noch bis zum britischen Referendum über den Verbleib in der Europäischen Union. An den Finanzmärkten stellt sich so etwas wie Nervosität ein. Lag das Remain-Camp noch vor wenigen Monaten weit vorne, gilt es mittlerweile nicht mehr als ausgemachte Sache, dass die Vorteile der EU-Mitgliedschaft für die Briten beim Referendum zu einem klaren proeuropäischen Votum führen werden.

Zumal viele Ökonomen und Kommentatoren die desaströsen Konsequenzen eines Brexit längst revidieren, wie etwa Wolfgang Münchau in der Financial Times. An den Finanzmärkten aber lautet die Devise „Helme aufsetzen“, selbst wenn Wettanbieter dem Austritt nach wie vor eher geringe Chancen einräumen. Derivate auf das britische Pfund suggerieren, dass der 23. Juni eine ähnlich große Volatilität produzieren wird, wie wir sie in der Finanzkrise 2008 erlebt haben.

Doch #Brexit ist nicht die einzige Sorge, die umtreibt. Neun Jahre nach dem Ausbruch der jüngsten Kreditkrise in den USA und in Europa warnt der Internationale Währungsfonds vor einer weiteren Kreditkrise. China müsse endlich die sich auftürmenden Unternehmensschulden angehen, mahnt der Vize-Chef des Fonds, David Lipton. Das asiatische Land hat sich schließlich mit aller Kraft – und einer Menge neuer Schulden – gegen die US-amerikanische Krise gestemmt. Die Unternehmen haben sich also kräftig verschuldet, um konjunkturell zu retten, was zu retten ist. Die Schuldenquote ist im Vergleich zum BIP um 60 Prozentpunkte gewachsen.

Während also in Großbritannien die Sorge vor einer „Brexit“-Kernschmelze umgeht und in China der hohe Schuldenstand bekämpft werden soll, hat die Europäische Zentralbank begonnen, Unternehmensanleihen aufzukaufen, um eben das zu fördern: Unternehmensverschuldung. Das neue Geld der Europäischen Zentralbank und die Sorge vor dem Brexit kommen bereits an den Finanzmärkten an. Die Zinsen in Deutschland sind de facto „verschwunden“. Wer dem Staat Geld borgen will, muss mittlerweile auf jeden Zins verzichten, beziehungsweise noch draufzahlen.

Was in Deutschland schon gilt, ist in den übrigen Ländern der Eurozone in Abstufungen auch schon Alltag. Die Staaten können sich immer günstiger rund um die Nulllinie finanzieren. Immer mehr Anleihen haben bereits derart niedrige Renditen, dass sie von der Europäischen Zentralbank gar nicht erst gekauft werden dürfen.

Brandbeschleuniger oder Löschwasser?

Was aber verkünden die extrem niedrigen Zinsen? Die Extremantworten sehen wie folgt aus. Antwort A: Die EZB erwartet steigende Kreditnachfrage, höhere Investitionen und einen Aufschwung. Antwort B: Niedrige Zinsen laden zu neuen Finanzrisiken und steigenden Schulden ein, sorgen für verschleppte Reformen und die nächste Finanzkrise.

Nach 8 Jahren Dauer-Krisenbekämpfung fällt es aber auch der EZB immer schwerer, klar die Antwort A zu geben. Die jüngste Verschärfung der Krisenbekämpfung hat aber nicht umsonst einiges an Kritik auf sich gezogen. Extrem niedrige Zinsen nehmen jeden finanziellen Anreiz, relevante und weitreichende Reformen auf staatlicher Ebene umzusetzen, auch wenn sie notwendig wären. Und sie lassen hoch verschuldete Unternehmen und Staaten trotz zweifelhafter Finanzen an neue Geldmittel kommen, was die Finanzprobleme nur in die Zukunft verschiebt.

So können niedrige Zinsen sogar als Brandbeschleuniger wirken. Sie laden gerade die Wackelkandidaten zu neuen Schulden ein und sorgen gleichzeitig im Finanzsektor für höhere Risiken.

Wie der Sachverständigenrat zu Recht erklärt hat, zählt die Beurteilung sämtlicher Konsequenzen geldpolitischer Entscheidungen zu den Voraussetzungen einer gelungenen Geldpolitik. Heute legt das Für und Wider dieser Konsequenzen nahe, dass die EZB mit ihrer Geldpolitik unbedingt umsteuern muss.

Eine österreichische Anleihe zeigt sehr schön, wie verrückt es wieder an den Anleihenmärkten zugeht. Die bereits hier besprochene 50-jährige Staatsanleihe der Republik ist in den vergangenen 12 Monaten um 22,2 Prozent gestiegen. 22 Prozent Kapitalgewinn in einem Jahr klingt eher nach einem Hedgefonds denn nach einer Staatsanleihe. Und es wirkt auf den ersten Blick seltsam, wieso eine extrem langfristige österreichische Staatsanleihe in der Unsicherheit um den Brexit gerade so boomen soll.

Aber lange Laufzeiten sind für Anleihen so etwas wie ein Turbo. Wenn das allgemeine Zinsniveau fällt, weil die Zentralbank die Zinsen senkt oder die ökonomischen Risiken hoch sind, geht es viel schneller nach oben. Der extrem hohe Preis für diese österreichische Staatsanleihe (sie zahlen immerhin 190 Euro für ein Papier mit 100 Euro Nennwert) birgt aber auch ein hohes Risiko auf künftige Kursverluste – im selben Tempo. Dass immer mehr Investoren auf diesen Turbo setzen und extrem lang laufende Anleihen kaufen, sollte jedem sicherheitsbewussten Notenbanker Sorgenfalten auf die Stirn treiben.

Tatsächlich müssten die Banken in der Eurozone wohl mehrere 100 Milliarden Euro an frischem Kapital aufnehmen, wenn sie die Risiken ihrer Staatsanleihen-Portfolios ehrlicher bilanzieren würden. Doch Vorschläge, für die Risiken von Staatsanleihen auch mehr Kapital zu verordnen, sind bis dato im Sand verlaufen.

Bumerang statt Boom

Die extrem niedrigen Zinsen sind jedenfalls ein Garant dafür, dass Versicherer, Pensionskassen und andere Investoren an ihre Substanz gehen müssen, um die Versprechen an ihre Versicherten zu erfüllen. Für weite Teile der Finanzbranche sind lange Phasen extrem niedriger Zinsen nichts anderes als ein „Tod durch 1.000 Schnitte“ oder ein „Selbstmord auf Raten“, wie es ein deutscher Bankaufseher nannte. Das Problem ist nur, dass das Pulver für den Fall des Falles (Brexit, China, Griechenland, you name it) schon weitgehend verschossen ist. Und die österreichische Langfristanleihe wird weiter wie wild schwanken, weil die berühmte „Hollywood-Regel“ angesichts immer neuer Experimente auch in der Finanzwelt Einzug gehalten hat: „Nobody knows anything“.