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Wirtschaftswachstum und Wohlstand

Was die Wachstumskritiker nicht verstanden haben

Meinung / von Leopold Stefan / 21.02.2016

„Qualität geht vor Quantität“: Mit dieser Binsenweisheit ziehen Kritiker gegen das Wirtschaftssystem ins Feld, das einzig auf die Steigerung des Bruttosozialprodukts abziele – ohne Rücksicht auf schwindende Ressourcen. Wirtschaftswachstum erfasst aber nicht den Verbrauch, sondern die Wertschöpfung. Wachstum und Nachhaltigkeit schließen einander nicht aus.

Angesichts der schleppenden Konjunkturentwicklung in Österreich – mit Steigerungsraten von weit unter einem Prozent in den vergangenen Jahren – mag es verwundern, sich mit der Bedrohung durch Wachstum auseinanderzusetzen. Doch gerade in Krisenzeiten erhalten Wachstumskritiker Rückenwind, wie der Wirtschaftsökonom Felix Butschek vergangene Woche bei der Diskussionsrunde anlässlich seines neu erschienen Buches zum Thema erklärte.

Grenzen des Wachstums

Wachstumskritiker haben seit jeher ein Kernargument: Der Fokus auf permanentes Wachstum sei ein Systemfehler des Kapitalismus, der zu einem schonungslosen Verbrauch von Ressourcen führe und daher im Desaster mündet. Stattdessen müssten ein ökonomisches und ökologisches Gleichgewicht gefunden werden, in dem die Gesellschaft in Wohlstand verharren kann.

Diese Kritik am Wachstum stammt nicht nur von einzelnen IntellektuellenButschek befasst sich vor allem mit historischen Wachstumskritikern wie Werner Sombart und den Club-of-Rome-Ökonomen sowie den zeitgenössischen Thesen von Robert und Edward Skidelsky und Tim Jackson. , sondern auch internationalen Organisationen wie der Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien und den Pazifik der Vereinten Nationen, die sich für eine Abkehr vom quantitativen Wachstum aussprechen und stattdessen einen fünfteiligen Kriterienkatalog anführen (PDF).

Eine unscharfe Kategorisierung von vermeintlich verschiedenen Wachstumsarten verleitet dazu, die Erfolge des historischen Wachstums zu nivellieren, ohne praktikable Alternativen parat zu haben.

BIP – eine Erfolgsgeschichte

Modernes Wirtschaftswachstum und wie es gemessen wird, geht weit über einen Tunnelblick auf Quantität hinaus. Um den Wohlstand von Nationen einzuschätzen und vergleichen zu können, hat sich aber die Erfassung der produzierten Wirtschaftsleistung bewährt.

Abgesehen von Pythagoräern fasziniert der rechte Winkel auch Wirtschaftshistoriker, die sich mit der Entwicklung des weltweiten BIPs befassen.

Seit der Gründung der ersten Hochkulturen nahm der globale Wohlstand über Jahrtausende kaum zu. Was in guten Zeiten erwirtschaftet wurde, ging in schlechten fast gänzlich verloren.

Plötzlich, vor rund 200 Jahren, explodierte dank technischer und institutioneller Innovationen das weltweite Wachstum derart, dass es grafisch dargestellt beinahe rechtwinkelig verläuft.

Parallel zur Wirtschaft expandierte die Weltbevölkerung. Darin besteht tatsächlich ein quantitatives Wachstum, das im gleichen Ausmaß mit zusätzlichen Menschen auch mehr Ressourcen verbraucht. Verdoppelt sich die Bevölkerung, verdoppelt sich das BIP automatisch, wenn alle das Gleiche machen wie vorher.

Heute sieht man den reinen Zahlen-Effekt etwa in den prognostizierten Wachstumsraten durch die Flüchtlingswelle: Allein aufgrund der Versorgung von 90.000 zusätzlichen Asylwerbern, die im vergangenen Jahr nach Österreich kamen und noch weit davon entfernt sind, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, rechnet die OeNB für 2016 mit einem positiven Impuls für das BIP von 0,3 Prozentpunkten.

Qualität bereits inbegriffen

Für UtilitaristenUtilitarismus ist eine zweckorientierte Ethik, die den maximalen Nutzen oder das meiste Glück für die größtmögliche Anzahl an Menschen anstrebt. ist ein rein quantitatives Wachstum bereits ein gesellschaftlicher Gewinn. Ökonomen interessiert aber verstärkt, was die Relation von Bevölkerung und Wirtschaftsleistung über die Verwertung von knappen Ressourcen aussagt. Denn seit dem Jahr Eins hat sich die Erdbevölkerung zwar verdreißigfacht, aber das Welt-BIP ist im selben Zeitraum fast um das 400-Fache gestiegen.

Die Pro-Kopf-Einkommen im Herzen des römischen Imperiums, des damals reichsten Gebiets der antiken Welt, war lediglich doppelt so hoch wie die Durchschnittseinkommen in den ärmsten Regionen wie Japan, England oder Australien. Bis zum 18. Jahrhundert hat sich dieses Verhältnis zwischen den ärmsten und reichsten Weltregionen kaum verändert. Heute beträgt der kaufkraftbereinigte Unterschied zwischen den Durchschnittseinkommen der ärmsten und reichsten Länder jedoch fast das Einhundertfache.

Hinter den unterschiedlichen Pro-Kopf-Einkommen steckt folglich mehr als ein purer Skaleneffekt. Durch stete Innovation gelang es im Schnitt jedem Einzelnen, mehr zu erwirtschaften und den Lebensstandard zu erhöhen.

Alles muss ein Ende haben

Selbstverständlich folgte auf steigenden Wohlstand auch ein höherer Ressourcenverbrauch. Das wird sich kaum ändern.

Für Wachstumskritiker besteht genau darin das Problem. Sie sehen in der historischen Produktivitätssteigerung gleichzeitig den Untergang des Wirtschaftssystems, wenn die notwendigen Ressourcen, wie Erdöl oder Kupfer, ausgehen, oder die Nebenwirkungen auf die Umwelt so eklatant sind, dass die Lebensqualität drastisch sinkt.

Vielfältiges Wachstum

Diese Bedenken sind nicht unberechtigt, aber das gängige Wachstumsmodell ist der falsche Adressat für die Kritik.

Erstens erfasst das BIP jeden offiziell im Wirtschaftssystem produzierten Wert. Wer Geld investiert, um Ressourcen einzusparen, trägt genauso zum Wachstum bei wie jemand, der sich die Haare schneiden lässt. In den entwickelten Ländern wird ein immer größerer Teil der Wertschöpfung durch Dienstleistungen erbracht, deren Wert oftmals nur darin besteht, dass einfach Zeit investiert wurde, wie bei einem Beratungsgespräch oder einer Yogastunde. Wirtschaftswachstum ist nicht zwangsläufig auf zunehmende Ressourcenausbeutung angewiesen.

Zweitens: Je knapper eine Ressource ist, desto teurer wird sie – zumindest in einer freien Marktwirtschaft. Dadurch sinkt der Verbrauch automatisch, ohne dass der verbuchte Wert zurückgehen muss. Steigen beispielsweise die Energiepreise um 20 Prozent, könnte der Verbrauch um 10 Prozent schrumpfen, aber das BIP steigt trotzdem. Ein schonender Umgang kann sich daher positiv im Wachstum niederschlagen.

Drittens leben weltweit weiterhin fast eine Milliarde Menschen in existenzbedrohender Armut, die ohne Wirtschaftswachstum keine Chance auf ein besseres Leben haben. 2012 mussten rund 13 Prozent der Weltbevölkerung mit weniger als 1,90 Dollar am Tag auskommen. Allerdings ist der Anteil um 44 Prozent geringer als noch 1981.

Die Halbierung der Armut auf der Welt, eines der Entwicklungsziele der UNO für 2015, wurden zum Großteil nur erreicht, weil die zwei bevölkerungsreichsten Länder, China und Indien, durch marktwirtschaftliche Reformen rekordhohe Wachstumszahlen erzielten.

Kein Wohlstand ohne Wachstum

Nichts spricht dagegen, neben der Wirtschaftsleistung andere Wohlfahrtsfaktoren zu erheben. Einkommensverteilung, Umweltverschmutzung und Sicherheit sollten alle zur gesellschaftlichen Lagebeurteilung beitragen.

Eine Abkehr von einer quantitativen Messung des Wirtschaftswachstums wäre aber der falsche Weg. Mit schwammigen Begriffen wie „qualitatives Wachstum“ werden Tür und Tor für ideologisch motivierte Eingriffe ins Wirtschaftsleben geöffnet.

So sprach sich Friedrich Klug, Leiter des Instituts für Kommunalwissenschaften an der Uni Linz bei einer Podiumsdiskussion für eine Abkehr vom rein quantitativen Wachstum aus. Dahinter stünden unnötige Konsumausgaben, die von der Werbeindustrie befeuert würden. Stattdessen bräuchte es einen Fokus auf das qualitative Wachstum in Form von mehr Staatsausgaben „von der Wiege bis zur Bahre“.

Dazu kann jeder stehen, wie er will. Qualität liegt im Auge des Betrachters. Quantitativ betrachtet zählte Österreich historisch natürlich zu den großen Gewinnern. Die hiesigen Pro-Kopf-Einkommen sind fast viermal höher als der weltweite Schnitt.

Das rapide Wirtschaftswachstum, vor allem im „goldenen Zeitalter“ der fünfziger und sechziger Jahre, schuf die Grundlage für den Wohlfahrtsstaat, der heute genau darunter leidet, dass die heimische Wirtschaft quantitativ nicht genug wächst, damit der Staat kräftig umverteilen kann. Wer die Augen vor der prekären Situation verschließt, indem er Wachstum schlicht umdefiniert, wird am Ende trotzdem nicht besser von der öffentlichen Hand versorgt.

Das Bruttosozialprodukt bleibt die wichtigste Kennzahl für Wohlstand. Wachstum und Nachhaltigkeit schließen einander nicht aus. Wohlstand und Stillstand aber sehr wohl.

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