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Walkthrough

Was Sie über Chinas Chaos wissen müssen

von Lukas Sustala / 07.01.2016

China erschüttert die Börsen zu Jahresbeginn mit einem neuen Crash – was dahintersteckt. Warum der Arbeitsmarkt das wirtschaftspolitische Sorgenkind in Österreich bleibt und welche Risiken es noch gibt. Und der Konflikt hinter dem jüngsten Ölpreis-Rutsch. Ein Walkthrough im Phänomen Geld.

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Chinas Crash. Chinas Behörden bekommen in Sachen Wirtschaftspolitik zusehends ein Glaubwürdigkeitsproblem. Nach dem Crash im August des vergangenen Jahres wurden eine Reihe von Sicherheitsbarrieren geschaffen, um eine derart grassierende Marktpanik zu verhindern. Doch heute haben diese automatischen Handelsunterbrechungen („Circuit Breakers“) dazu beigetragen, dass nach bereits 28 Minuten Handel und herber Verluste in Shanghai Schluss war (NZZ.at). Die Leitbörsen fielen so stark, dass der Handel vollständig ausgesetzt wurde.

Es ist wenig überraschend, dass auch andere – europäische – Märkte daraufhin tief in die roten Zahlen gerutscht sind. Der deutsche Leitindex Dax fiel unter die Marke von 10.000 Punkten (–3,5 Prozent), der österreichische ATX um 4,1 Prozent auf 2.265 Punkte (Kurse per 12.45).

Gemessen am MSCI AC World, dem Weltaktienindex, ist 2016 bereits der schlechteste Start ins noch kurze Börsenjahr seit 2000.

Warum ist das so? Die Sorgen um die Konjunkturentwicklung in China haben schon 2015 die Investoren und Ökonomen fest im Griff gehabt. Der Indikator dafür ist der chinesische Renminbi, die Währung des aufstrebenden Landes. Gegen den US-Dollar wertet China seit 2015 sukzessive ab. Dahinter vermuten viele Analysten, dass die Zentralbank mit einer schwächeren Währung auch die lahmende Wirtschaft ankurbeln will:

Investoren wie der Hedgefondsmanager George Soros, der mit seiner Wette gegen das britische Pfund Weltruhm erlangte, sehen für China trotz der jüngsten Versuche, sich gegen die wirtschaftliche Abschwächung und den Aktienmarktcrash zu stellen, schwarz (Bloomberg). „China has a major adjustment problem. I would say it amounts to a crisis. When I look at the financial markets there is a serious challenge which reminds me of the crisis we had in 2008.“ Allerdings muss man bei allen Warnungen auch betonen, dass Chinas Behörden viel, wenn auch schrumpfenden, Spielraum für Interventionen haben. Die Währungsreserven liegen bei knapp 3,33 Billionen Dollar.

Für Anleger ergibt sich aus der chinesischen Story ein differenziertes Bild. Niedrigere Kurse sind eher Kauf- als Verkaufskurse und der chinesische Aktienmarkt bleibt ein von Privatanlegern und Politik dominierter Markt, der gerne mal nach oben und nach unten ausreißt (NZZ.at).

Österreichischer Ausblick in Podcast-Form. Die chinesische Kursimplosion lässt für den österreichischen Ausblick zunächst nicht das Beste erahnen. Trotz der Steuerreform bleibt die heimische Wirtschaft auf starke Exportnachfrage angewiesen, auch sollten Unternehmen kräftig investieren, damit sich die von Ökonomen errechneten Prognosen bewahrheiten. Angesichts des drohenden Gezerres um (Pensions-)Reformen und Heta-Schuldenrückkauf zur Immunisierung Kärntens gegen Milliardenforderungen von Gläubigern hängen über der heimischen Wirtschaftspolitik gleich zwei Damoklesschwerter (NZZ.at).

Der österreichische Arbeitsmarkt bleibt auf Sicht ein Sorgenkind. Denn das Wachstum reicht nicht aus, um das steigende Arbeitskräfteangebot aufzunehmen. Viele ältere Arbeitnehmer, Zuwanderer und Frauen, die wieder auf den Arbeitsmarkt wollen, drängen in Beschäftigung, doch die Wirtschaft kann so viele Stellen ohne mehr Wachstum schlicht nicht schaffen. Dafür ist nicht zuletzt auch die Politik selbst mit ihrem oft verunsichernden, zaghaften Reformkurs mitverantwortlich (NZZ.at): „Die wichtigste strukturelle Ursache für die wachsende Arbeitslosigkeit in Österreich liegt allerdings in der Politik begründet. Die seit 2007 regierende Koalition von SPÖ und ÖVP bringt es nicht zustande, notwendige Strukturreformen anzupacken – vom Rentensystem über eine Verwaltungsreform bis zum Föderalismus. Als Folge hat sich in den letzten Jahren ein Schleier des Missmuts über das Land gelegt.

Wirtschaftswachstum, dringend gesucht. Apropos Reformen. Die sind ohne ausreichendes Wirtschaftswachstum kaum genug, warnt der Ökonom Ewald Walterskirchen im aktuellen „Policy Brief“ für die Österreichische Gesellschaft für Europapolitik: „Ohne Wirtschaftswachstum werden wir unser System der sozialen Sicherung nicht aufrechterhalten können.“

Saudi-Arabien vs. Iran, auch auf dem Ölmarkt. In den vergangenen Tagen dominiert kaum ein Konflikt das geopolitische Machtgeflecht so wie der aufkeimende Streit zwischen dem Iran und Saudi-Arabien (NZZ.at). Die beiden ölreichen Regionalmächte gehen aber nicht nur militärisch und diplomatisch gegeneinander vor. Ein Blick auf den Ölmarkt zeigt, dass Saudi-Arabien mit seiner Politik des offenen Ölhahns nicht nur versucht, die Preise für US-Schieferölproduzenten unattraktiv niedrig zu halten, sondern auch für den regionalen Wettbewerber Iran. Öl war jedenfalls am Donnerstag so billig wie seit 2004 nicht mehr.

Inspirationen – Food for Thought

Was man von staatlichen Interventionen auf dem Aktienmarkt halten kann, in .gif-Form.

OECD-Experte Christopher Prinz empfiehlt Österreich die Pensionsautomatik (Der Standard).

Das IHS hat als Wirtschaftsforschungsinstitut in der Berichterstattung massiv an Bedeutung verloren (Die Presse).

Netflix, gemessen am Aktienkurs eines der erfolgreichsten Unternehmen 2015, biete nun in den wichtigsten Ländern der Welt seinen Streaming-Dienst an: außer in China (Handelsblatt).

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