Was Sie über Chinas „Wachstumsschwäche“ wissen müssen

von Matthias Müller / 19.10.2015

Der Strukturwandel der chinesischen Wirtschaft ist in vollem Gange. Die Wirtschaft ist zuletzt so langsam gewachsen wie in der Krise 2009. Die Dienstleister werden zwar immer wichtiger, doch sie können die Schwäche der Industrie nicht überdecken. NZZ-Korrespondent Matthias Müller zeigt, wie sich die Struktur von Chinas Wirtschaft verändert.

In China dürften sich derzeit manche Ökonomen an die Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 erinnert fühlen. Belief sich im ersten Quartal 2009 – dem absoluten Tiefpunkt zur damaligen Zeit – das Wirtschaftswachstum im Reich der Mitte auf 6,2 Prozent, sieht es im laufenden Jahr allein gemessen an den Veränderungsraten kaum besser aus. Die Wirtschaftsleistung legte im dritten Quartal 2015 um 6,9 Prozent zu, wie aus den Zahlen der nationalen Statistikbehörde (NBS) hervorgeht; im ersten und zweiten Quartal lag das Wachstum noch bei jeweils sieben Prozent.

Jenseits aller Diskussionen über die Verlässlichkeit der chinesischen Statistiken, die deutlich besser sind als ihr Ruf, spiegelt sich in den Daten jedoch der Strukturwandel, den das Reich der Mitte durchläuft. Das alte Wirtschaftsmodell, bei dem die Industrie die treibende Kraft hinter dem Aufschwung war, verliert an Bedeutung. An deren Stelle treten die Dienstleister. Deren Wirtschaftsleistung legte in den ersten drei Quartalen um 8,4 Prozent zu, das Wachstum der Industrie betrug sechs Prozent.

Staat hilft nach

Hand in Hand mit dieser Entwicklung verschieben sich die Gewichte in Chinas Wirtschaft. Der Anteil des tertiären Sektors an der Wirtschaftsleistung belief sich im dritten Quartal 2015 auf 51,4 Prozent, jener des verarbeitenden Gewerbes – sekundärer Sektor – auf 40,6 Prozent.

Vor zwanzig Jahren sah das chinesische Wirtschaftssystem noch gänzlich anders aus. Damals lag der Anteil der Industrie am Bruttoinlandprodukt (BIP) bei 47,7 und die Dienstleister steuerten 34,8 Prozent bei. Diese Umkehr zeigt sich auch in dem Investitionsverhalten der einzelnen Sektoren.

Allerdings kann China nicht allein auf den tertiären Sektor setzen, da die Industrie eine noch zu große gesamtwirtschaftliche Bedeutung hat. Diese leidet aber unter der schwächelnden Weltwirtschaft und vor allem unter der darbenden Immobilienbranche, weshalb die Regierung in den vergangenen Monaten darauf gesetzt hat, die Ausgaben für Infrastrukturprojekte zu erhöhen. Sie sollen den Stahl- und Zementproduzenten über die schwierige Phase hinweghelfen. Im Vergleich mit den ersten drei Quartalen 2014 legten die tatsächlich getätigten Staatsausgaben laut NBS denn auch um 20,5 Prozent zu.

Es verdichten sich die Anzeichen, dass Chinas Wirtschaft im vierten Quartal auch als Folge der staatlichen Programme ihre Erholung wird fortsetzen können. Wenn das Land eine Talsohle durchschritten hat, dann war es zu Beginn dieses Jahres. Die weltweite Aufregung um das Reich der Mitte gewann jedoch erst nach den Börsenturbulenzen sowie der neuen Wechselkursfixierung durch die People’s Bank of China an Fahrt – zu einer Zeit, als es mit der Wirtschaft bereits wieder aufwärtsging.

Konsum gewinnt an Bedeutung

Ein erklärtes Ziel der chinesischen Machthaber ist es, dass der Binnenkonsum gestärkt werden soll, um künftig weniger abhängig von Investitionen zu sein. In diesem Punkt ist das Reich der Mitte auf einem guten Weg. Der Beitrag der Konsumausgaben zum Wirtschaftswachstum lag in den ersten drei Monaten bei 58,4 Prozent; 9,3 Prozentpunkte mehr als in der Vorjahresperiode. Hinter dieser Entwicklung steckt das wachsende Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung, die sich dadurch ihre noch nicht befriedigten Konsumwünsche erfüllen kann. In den Städten legte das reale verfügbare Pro-Kopf-Einkommen um 6,8 Prozent zu, auf dem Land betrug der Zuwachs 8,1 Prozent.

Mit den höheren Wachstumsraten bei den Löhnen in den ländlichen Gebieten versucht China, die Zuwanderung in die Städte abzumildern. Wegen der demografischen Entwicklung – die Zahl der Erwerbspersonen sinkt bereits – dürfte auf dem Land jedoch die Zahl jener Arbeitskräfte, die für Jobs in den Städten infrage kommen, rückläufig sein. China unterscheidet sich in diesem Punkt von Indien, wo die Bevölkerung deutlich jünger ist als im Reich der Mitte und in den kommenden Jahren von der demografischen Dividende profitieren könnte. China hat diesen Trumpf bereits ausgespielt, was sich lange Zeit in niedrigen Lohnkosten und der Ansiedlung arbeitsintensiver Produktionsstätten zeigte.

Höheres Niveau

Die neuen Wachstumszahlen dürften wieder die Diskussionen über die Zukunft von Chinas Wirtschaft beflügeln. Eine Volkswirtschaft kann nur zweistellig wachsen, wenn sie ärmer ist und punkto Produktivität den reicheren Ländern hinterherhinkt. China hat in den vergangenen Jahren in diesen Aspekten aufgeholt, weshalb die nun niedrigeren Wachstumsraten ökonomisch nachvollziehbar sind. Allerdings könnte China wohl auch kräftiger wachsen als die anvisierten sieben Prozent. Als Japan und Südkorea vergleichbare Entwicklungsstufen wie China derzeit erreicht hatten, legten sie noch zwischen acht und neun Prozent zu.

Welche Entwicklung das Reich der Mitte in den vergangenen Jahren zurückgelegt hat, geht aus den gesamtwirtschaftlichen Zahlen hervor. Vor zwanzig Jahren betrug das BIP im dritten Quartal 4.282 Milliarden Yuan, Ende September dieses Jahres lag es bereits bei 48.777 Milliarden Yuan (rund 6.762 Milliarden Euro). Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat sich die Wirtschaftsleistung also um das 11,4-Fache erhöht. Als die Wirtschaft im dritten Quartal 1995 um 10,5 Prozent zulegte, hatte das eine weit geringere Wirkung als die nun publizierten 6,9 Prozent in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres, weil China inzwischen ein weit höheres Entwicklungsniveau erreicht hat.