Startup300

Gründerland

Was Start-ups in Österreich wirklich brauchen

von Elisabeth Oberndorfer / 20.12.2015

Mit Startup300 geht ein neues Netzwerk an Angel-Investoren, das Start-ups mit Geld und Know-how unterstützt, an den Start. Eigentlich sollte es ein international vergleichbarer Accelerator werden, doch dann kam man doch zu einer eher österreichischen Lösung: Ein Business-Angel-Netzwerk mit bekannten Gesichtern.

Die Ziele waren – wie in der Start-up-Szene verpflichtend – leicht übertrieben: Der Accelerator für die österreichischen Start-ups wollten sie werden. Als das „YCombinator of Austria“ beschrieben sie ihr Projekt noch im November in der Pitch-Präsentation, die NZZ.at vorliegt. Letztendlich ist das, was die beiden Unternehmer und Investoren Michael Eisler und Bernhard Lehner mit dem Projekt Startup300 geschaffen haben, ein „Business-Angel-Netzwerk für Start-ups“. „Wir sind mit dieser These auf den Markt gekommen“, sagt Lehner über die damalige Vorstellung, „und das ist dabei herausgekommen.“ Erzählen wollten sie von dem Projekt erst im Januar, doch erste Details sickerten diese Woche schon durch.

Eine These, die der Markt nicht braucht

Aber von vorne: Accelerator sind mehrmonatige Programme, in denen erfahrene Gründer und Investoren Start-ups auf die nächste Phase vorbereiten. Die üblichen Modelle sehen vor, dass diese Einrichtungen für ihre Leistungen Anteile an den jungen Unternehmen erhalten. In den USA zählen YCombinator, Techstars und 500 Startups zu den gefragtesten Accelerator-Programmen. In Österreich ist das Konzept allerdings noch nicht angekommen, weshalb das Austria WirtschaftsService – die wohl wichtigste Förderbank für heimische Start-ups – im Sommer dafür eine eigene Förderung eingerichtet hat. Seither werden auch hierzulande ähnliche Initiativen überlegt.

Eine GmbH mit 84 Gesellschaftern

Startup300 sollte eine solche Institution werden. Die Idee kam von dem Linzer Unternehmer Michael Eisler, der mit seiner ersten Software-Firma bereits einen erfolgreichen Exit hinter sich hat und mit der Cloud-Anwendung Wappwolf erfolgreich gescheitert ist, sowie Bernhard Lehner, bis vor einem Jahr Partner von Wiens erstem Inkubator i5invest. Die Idee sah vor, die Start-ups bis zu 300 Tage zu betreuen und dafür 10.000 Euro Cash und einen Wert von 90.000 Euro in Form von Leistungen passender Mentoren zu investieren. Doch davon verabschiedeten sich die beiden schließlich: „Wir haben bei unseren Gesprächen gemerkt, dass es eigentlich keinen wirklichen Bedarf an solchen Programmen gibt. Was die Start-ups hingegen brauchen, sind Kontakte in ein großes Netzwerk an Angel-Investoren und Beratern.“

Dieses haben er und Eisler jetzt geschaffen, und zwar mit einer eher ungewöhnlichen Struktur. Startup300 ist in seiner jetzigen Form ein Netzwerk mit 84 Mitgliedern, die zugleich Gesellschafter der GmbH sind. Lehner bezeichnet diese Organisation selbst als „Experiment“, es sei aber alles rechtlich und steuerlich abgeklärt worden. Die sogenannten Members halten unterschiedliche Anteile und werden sich auch auf verschiedene Weisen aktiv einbringen. Oder auch nicht. Denn die Initiatoren rechnen damit, dass ein Teil des Netzwerks sich proaktiv einbringen und die Startup300-Zöglinge untersützen, der andere eher passiv sein wird.

Bekannte Gesichter und privates Geld

Wer aller bei der Startup300 GmbH beteiligt ist, wird erst in einigen Wochen im Firmenbuch aktualisiert werden. Bekannt ist bereits, dass mit Hansi Hansmann und Michael Altrichter die zwei wichtigsten Business-Angels des Landes involviert sind. Hansmann konnte sich dieses Jahr mit Runtastic und Shpock bereits über zwei Exits freuen. Seriengründer und NEOS-Politiker Niko Alm hat sich ebenfalls angeschlossen, außerdem Jajah-Mitgründer Roman Scharf und Selma Prodanovic, Mitinitiatorin der Interessenvertretung Austrian Angel Investors Association (AAIA). Diese sieht Lehner übrigens als Pendant zu Startup300, „denn wir sind die Interessensvertretung der Gründer“. Mit Speedinvest-Geschäftsführer Oliver Holle, dessen aktueller Fonds eben auf 90 Millionen aufgestockt wurde, hat das Netzwerk einen Partner, der wegen möglicher „Interessenskonflikte“ kein Gesellschafter ist.

Wie viel Geld die 84 Unternehmer in die private Start-up-Förderung stecken, will der Betreiber nicht öffentlich sagen, nur: „So viel, dass wir in den kommenden drei Jahren 30 Start-ups unterstützen wollen und dabei auch uns erhalten.“ Im Gegensatz zu den etablierten internationalen Accelerator-Programmen wird es auch vorerst keine fixe Vorgehensweise geben, sondern individuelle Lösungen: „Wir investieren in der Regel fünfstellige Beträge. Das können 10.000 oder auch 60.000 Euro sein. Dafür nehmen wir eine Beteiligung im einstelligen Bereich, in Ausnahmefällen vielleicht im niedrig zweistelligen Prozentbereich.“ Es könne durchaus sein, dass man in einem halben Jahr ein standardisiertes Modell einrichten werde, die Manager gehen davon jedoch nicht aus.

Das Budget komme jedenfalls nur aus privater Hand, betont der Geschäftsführer. Eine Förderung habe Startup300 nicht in Anspruch genommen. Offiziell starten Lehner und sein Partner ihre Arbeit erst im Januar mit sechs Start-ups. Diese erhalten vom Startup300 Beratung und Hilfe bei der Finanzierungssuche. Spätestens nach den 300 Tagen sollen die Unternehmen „market-ready“ oder „investment-ready“ sein, erläutert Lehner. Und wie kommt das Business-Angel-Netzwerk an die zehn Start-ups, die jedes Jahr begleitet werden sollen: „Es wird auf unserer Website ein Bewerbungsformular geben. Aber wir bekommen vieles auch durch unser Netzwerk und Weiterempfehlungen.“ Auf die Größe und die Industrie kommt es den Startup300-Managern dabei nicht an: „Wir nehmen sowohl Unternehmen in der Frühphase als auch etablierte.“ Denkbar sei auch, dass Präsenzen in den Landeshauptstädten die Suche nach neuen Talenten erleichtern soll.

Bestehende und fehlende Initiativen

Ein Büro für seine Programmteilnehmer hat Startup300 nicht: „Dafür gibt es derzeit keinen Bedarf. Die meisten sitzen eh in Coworking-Spaces.“ Eisler und Lehner selbst haben in der Tabakfabrik in Linz einen Arbeitsplatz gemietet. Während sich Eisler bereits jetzt vollzeit um Startup300 kümmert, betreut Lehner noch Unternehmen aus seinem Portfolio und betreibt mit „Mint“ seit einem Jahr eine Agentur für digitale Kommunikation. In den nächsten Monaten will aber auch er sich vollzeit auf das Investorennetzwerk konzentrieren. Mit i5invest war Lehner übrigens 2008 Mitbegründer der ersten Anlaufstelle für Start-ups. Heute positioniert sich i5invest mit dem neuen Geschäftsführer Herwig Springer als M&A-Boutique, Gründer Markus Wagner konzentriert sich seit 2014 im Silicon Valley auf den US-Markt. Auf die Frage, ob Startup300 nicht eine ähnliche Einrichtung wie der damalige Inkubator sei, antwortet Lehner: „Sowas hätte i5invest eigentlich sein sollen.“

Durch die Aussage, eine Interessenvertretung für die Gründer zu sein, könnte sich zudem der Verein „Austrian Startups“ leicht auf den Schlips getreten fühlen. Denn der versteht sich eigentlich als die Plattform der Community. In Gesprächen mit Gründern hat man außerdem nicht das Gefühl, dass ein echter Accelerator überflüssig wäre. Immerhin brach diesen Sommer ein Hype um YCombinator unter den heimischen Start-ups aus.

Mit Startup300 haben die beiden Unternehmer jedenfalls ein Netzwerk mit Personen geschaffen, die schon jetzt einen Großteil des Geldes und der Start-up-Szene kontrollieren. Das wirkt dezent wie die in Österreich bekannte Freunderlwirtschaft. Ob das Netzwerk tatsächlich einen Nutzen hat, werden die teilnehmenden Start-ups nach spätestens 300 Tagen bewerten können.