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Weihnachten wie damals

Gastkommentar / von Franz Schellhorn / 24.12.2015

Vieles scheint heutzutage schiefzulaufen. Der Ärger drüber ist nicht unberechtigt, verstellt aber den Blick auf die kleinen Wunder, die sich tagtäglich zutragen.

Früher war ja nicht alles schlecht. Zu Weihnachten lag verlässlich jede Menge Schnee, das Leben war beschaulich, die Menschen hatten noch Zeit und verbrachten selbige auch miteinander. Handys gab es nicht, dafür jede Menge Jobs. Junge Menschen konnten sich ihren Arbeitgeber noch aussuchen. Vollbeschäftigung, Aufstieg und Optimismus Und heute? Prekariat mit Doktorhut, sinkende Kaufkraft, Zukunftsangst.

In der Wissenschaft nennt man dieses Phänomen übrigens „Rosy Retrospection“. Das Idealisieren der Vergangenheit und das geschickte Ausblenden des Unerfreulichen. Wir kennen das aus der Schulzeit. War doch eh ganz in Ordnung, diese nicht enden wollenden Jahre in der spätkindlichen Vorhölle. Bei weitem nicht so schlimm wie heute, wo alles den Bach runterzugehen droht und – nach 40 Jahren ununterbrochenem Ausbau des Sozialstaates – ein paar Superreiche alles besitzen, während die Massen vor die Hunde gehen. So oder so ähnlich wird das von der Linken mehrmals täglich vorgetragen. Ganz „undogmatisch“, versteht sich.

Wie golden waren die goldenen Jahre? 

Aber geht es uns heute wirklich so viel schlechter als in den Jahren des Wiederaufbaus? Können sich tatsächlich immer mehr Menschen immer weniger leisten? Ganz im Gegenteil: Musste ein Arbeitnehmer in den 1960er-Jahren 350 Stunden für einen Farbfernseher arbeiten, reichen heute 13 Stunden für ein Gerät der jüngsten Generation. Konnte sich ein Durchschnittsverdiener mit seinem Weihnachtsgeld in den 1980er-Jahren gerade einmal eine Spiegelreflexkamera leisten, reicht heute ein Zehntel des 14. Gehalts zur Anschaffung eines deutlich besseren Geräts.

Das ist übrigens kein österreichisches Phänomen. In den USA konnte sich ein Haushalt vor 50 Jahren für 750 Dollar einen für die damalige Zeit tadellosen Fernseher leisten. Heute kann sich ein US-Haushalt für 5700 Dollar (das entspricht 750 Dollar inflationsbereinigt seit 1964) nicht nur einen Fernseher kaufen, sondern zusätzlich eine Tiefkühltruhe, einen Kühlschrank, ein Backrohr und eine Waschmaschine samt Trockner. Darüber hinaus ist auch noch ein iPhone 6 mit Zweijahresvertrag, ein iPod, eine Heimkino-Anlage, ein Laptop, ein Navigationsgerät und eine Kamera drinnen.

Das größte Massenwohlstandsprogramm der Geschichte 

Unerfreulicherweise gibt es immer noch zu viele Menschen auf dieser Welt, die in bitterer Armut leben. Aber auch hier gibt es einen positiven Trend: Noch nie lebte ein so geringer Anteil der Menschheit in Armut wie heute. Damit ist die Armut zwar noch immer nicht besiegt, aber das Elend verliert an Kraft. Dieser erfreuliche Trend lässt hoffen.

Das alles hat den Menschen übrigens nicht die Gewerkschaft oder das Christkind gebracht. Sondern das, was heute despektierlich Marktwirtschaft geschimpft wird. Das größte Massenwohlstandsprogramm in der Geschichte der Menschheit. Daran wird man sich möglicherweise in einigen Jahrzehnten wieder erinnern. Mit dem Zusatz, dass früher ja nicht alles schlecht war.