Türkisches Werben

Welcome, Apple – goodbye, EU

von Marco Kauffmann Bossart / 01.09.2016

Bei Apple und der EU-Kommission hängt der Haussegen schief. Der türkische Wirtschaftsminister möchte die Gunst der Stunde nutzen und den Technologiekonzern an den Bosporus locken.

Den US-Konzern Apple erwartet unangenehme Post vom irischen Steueramt. Der Inselstaat wurde von der EU dazu verknurrt, bei Apple eine Nachzahlung von 13 Mrd. € zuzüglich Zinsen einzutreiben. Aufmunternde Zeilen erreichen den Handyhersteller nun aber aus der Türkei: «Apple sollte in die Türkei umziehen. Freuen uns, noch attraktivere Steueranreize zu gewähren», twitterte Vizeministerpräsident Mehmet Simsek. Ein elektronisches «Hos geldiniz» (Herzlich willkommen) aus Ankara.

Simseks Einladung erstaunt nicht. Das Schwellenland, das niedrige Steuersätze, einen grossen Binnenmarkt und kompetitive Arbeitskosten als Standortvorteile anpreist, steht in der Gunst internationaler Direktinvestoren nicht zuoberst. Fehlende Rechtssicherheit und die politische Instabilität belasten das Investitionsklima. Auch von Ärger mit dem Steueramt hört man in der Türkei immer wieder einmal – insbesondere von Unternehmen, die mit der allein regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) über Kreuz liegen.

Fragen wirft aber der dritte Satz von Simseks Kurznachricht auf. Apple müsste sich nach einem Wechsel an den Bosporus nicht länger mit der Brüsseler Bürokratie herumschlagen, insinuierte der ehemalige UBS-Banker. Aspiriert die Türkei nicht selber auf einen EU-Beitritt? Folglich wäre Apple gehalten, sich auch am Bosporus mit europäischem Recht anzufreunden. In Simseks Tweet offenbart sich offenkundig die Frustration über die schleppenden Verhandlungen.

Vor 29 Jahren hatte die Republik ihr Beitrittsgesuch deponiert. 1999 erhielt Ankara den Kandidatenstatus zugesprochen, der sechs Jahre später in offizielle Verhandlungen mündete. Dass sie in der Anfangsphase steckenblieben, führt die türkische Regierung primär auf Ressentiments gegenüber dem muslimischen Land zurück. Brüssel sieht das natürlich etwas anders. Unbestritten ist die magere Bilanz: Von 35 Verhandlungskapiteln ist bloss eines erfolgreich abgeschlossen. Nicht auszuschliessen, dass Simsek sich mit seiner Einladung an Apple von der EU verabschieden wollte.