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AI

Wenn Computer hören, sehen und sprechen

von Krim Delko / 12.05.2016

Durch Fortschritte im Labor und erfolgreiche Kommerzialisierung ist künstliche Intelligenz im Silicon Valley wieder in aller Munde. Die Wall Street bleibt allerdings skeptisch.

Google hat jüngst einen Meilenstein in der Geschichte der Menschheit erreicht. So zumindest sehen es die Computerspezialisten des Internetkonzerns aus Mountainview in Kalifornien. Google hat mit einer Software einen der besten Spieler des asiatischen Brettspieles Go geschlagen. Go sei viel komplizierter als Schach und verlange daher eine neue Generation von künstlicher Intelligenz, die nun offenbar vorhanden sei. Der Sieg von AlphaGo, wie die Google-Software genannt wird, sei insofern verblüffend, als Go ein sehr komplexes Brettspiel sei mit unzähligen Variationen. Daher sei ein traditionelles Expertensystem, das die möglichen Spielzüge im Voraus berücksichtige, für diese Applikation nicht geeignet. Als Lösung haben die Google-Ingenieure eine modernere Form der künstlichen Intelligenz angewendet, wobei die Software „selber lernen“ kann und so mit der Zeit besser wird.

Es geht vor allem um Daten

AlphaGo ist Teil des sogenannten Deep-Mind-Projekts bei Google. Auch andere Technologieunternehmen sind stark an der neuen Form der künstlichen Intelligenz interessiert. Im Kern geht es dabei laut Andrew Ng, ehemaliger Stanford-Professor und nun Forscher beim chinesischen Internetunternehmen Baidu, um die Kombination von Algorithmen, Hardware und dem Zugang zu vielen Daten. Die Daten sind zentral, weil diese Systeme zum Lernen entwickelt werden. Nur wenn man genügend Daten hat, kann das System lernen und so mit der Zeit tatsächlich intelligente Entscheidungen fällen.

Ein gutes Beispiel dafür ist das selbstfahrende Auto. Tesla hat kürzlich eine Software installiert, die es den Fahrern des Elektroautos erlaubt, auf der Autobahn mit über 100 km/h vom Computer gefahren zu werden. Das Auto hält die Richtung, wechselt bei Befehl die Fahrbahn und bremst bei Bedarf. Laut Angaben von Tesla liegt der Vorteil darin, dass Tesla bereits „Millionen von echten gefahrenen Meilen“ hat. Dieser Satz im jüngsten Investorenbrief von Tesla ist laut Analytikern ein kleiner Seitenhieb gegen Google. Google hat zwar ebenfalls ein selbstfahrendes Auto, doch Tesla hat echte Kunden, die mit der Software herumfahren und so ein ständiges Lernen ermöglichen. Bei Google hat man das Gefühl, es handle sich bei dem Ganzen immer noch um ein Experiment, zumal die Software kommerziell noch nicht verfügbar ist.

Computer sehen und hören

Zentral am Erfolg der selbstfahrenden Autos sind laut Experten die Fortschritte, die in der Computervision gemacht worden sind. Computer sind in der Lage, Straßen, Schilder und andere typische Verkehrsobjekte zu erkennen. Dazu kommt, dass diese Erkenntnisse dank Hochleistungscomputern schnell verarbeitet werden. Nebst selbstfahrenden Autos wird Computervision auch bei Unternehmen wie Facebook oder Instagram angewendet, wo die Identifizierung von Fotos sehr nützlich ist. Auch im Bereich der Spracherkennung sind die neuesten Systeme sehr weit vorangekommen. Baidu hat dank der Arbeit von Andrew Ng und seinem Team ein Spracherkennungssystem entwickelt, das es erlaubt, Befehle per Sprache in ein Handy einzugeben. Das Problem sei vor allem in China sehr groß, wo viele Benutzer nicht tippen könnten. Baidu hat es laut eigenen Angaben geschafft, dem Benutzer ein funktionierendes Spracherkennungssystem zu liefern, so dass man in Zukunft mit dem Handy sprechen kann.

Mit Sprache befasst sich auch Microsoft. Der Softwareriese aus Redmond/Washington hat vor Jahren Skype gekauft und baut nun auf der Skype-Plattform ein Sprachübersetzungssystem auf. Laut CEO Satya Nadella wird man in Zukunft in der Lage sein, eine Telefonkonferenz mit Teilnehmern aus der ganzen Welt zu führen, wobei alle in der eigenen Sprache sprechen können und die Skype-Software dann simultan übersetzt. Eine weitere erfolgreiche kommerzielle Anwendung von künstlicher Intelligenz ist das Planungssystem beim Mitfahrdienst Uber. Laut Uber-Betriebsleiter Emil Michael versucht das Unternehmen, mit künstlicher Intelligenz Angebot und Nachfrage nach Mitfahrgelegenheiten besser zu schätzen, sodass es zu keinen Preisausschlägen kommt.

Anleger noch skeptisch

Die Wall Street hat sich bisher mit den kommerziellen Anwendungen von künstlicher Intelligenz allerdings eher schwergetan. Im Gespräch mit Fondsmanagern kommt zum Vorschein, dass die Anleger dem Ganzen noch nicht so recht trauen. Zum einen sei der Erfolg der Algorithmen noch nicht klar ersichtlich. Zum anderen stelle sich jedoch auch die Frage, wie die Unternehmen damit differenzierte Produkte und Dienstleistungen anbieten könnten. Wenn plötzlich alle Konkurrenten dieselbe Form der künstlichen Intelligenz anbieten, wird es schwer, damit Geld zu verdienen. Während die Wall Street also noch vorsichtig ist, haben die Benutzer bereits erste gute Erfahrungen mit der neuen Technologie machen dürfen.