REUTERS/Kai Pfaffenbach

Walkthrough

Wenn risikolose Zinsen zu zinslosen Risiken mutieren

von Lukas Sustala / 09.02.2016

Bankaktien sorgen aktuell für eine arge Achterbahnfahrt an den Finanzmärkten. Eine Studie belegt die gestiegene Unzufriedenheit der Österreicher mit ihren Arbeitsplätzen und der Bezahlung – dabei spielt der Staat auch eine große Rolle. Warum es kein europäisches Finanzministerium braucht und bei Tesla der Motor stottert. Ein Walkthrough im Phänomen Geld.

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Bankaktien sorgen für arge Aktienturbulenzen. An den Finanzmärkten setzt sich die Ausverkaufsstimmung fort. Die Schweizer Kollegen wählen ihren Titel zum „rabenschwarzen Dienstag“ aus gutem Grund (NZZ). Sehen Sie sich etwa den österreichischen Leitindex ATX an. Er rauschte mehr oder weniger ohne Unterlass in knapp zweieinhalb Tagen um zehn Prozent ab.

Zehn traurige Tage im Aktienindex ATX
Zehn traurige Tage im Aktienindex ATX
Angabe in Punkten
Credits: Factset

Woher kommt die heftige Abwärtsbewegung? Vor allem die Bankaktien sorgen in Europa aktuell für Verluste (NZZ.at). Wenn selbst unbestrittene Großbanken wie die Deutsche Bank an den Finanzmärkten einen Ausverkauf erleben, dann ist die Lage wahrlich verzwickt. Man könnte sagen, dass Finanzmärkte mittlerweile begreifen, dass nach Jahren der Nullzinspolitik nun aus dem vermeintlich sicheren Geschäft mit „risikolosen Zinsen“ für viele Banken „zinslose Risiken“ entstanden sind.

Dass der neue CEO John Cryan aufgrund der Marktturbulenzen einen Brief an die Belegschaft schickte, zeigt, wie außergewöhnlich die Sorgen der Finanzmarktakteure sind. Konkret geht es übrigens um CoCos, also Schuldscheine, die im Fall, dass die Eigenkapitaldecke der Bank zu dünn wird, automatisch in Aktien umgewandelt werden (FT). Diese relativ neue Form des Kapitals hat bei Investoren viele Begehrlichkeiten wegen der höheren Renditen ausgelöst – und sorgt jetzt eben auch für höhere Risiken.

Unterbezahlt? Überbesteuert. Die Österreicher fühlen sich neuerdings besonders unterbezahlt. Doch bevor Sie besonders knausrige Unternehmer hinter dieser schlimmen Meldung vermuten, heißt es innehalten. Denn der Grund des Missmuts liegt auf der Hand (NZZ.at). Die Umfrage der Allianz zeigt vor allem eines: In den vergangenen fünf Jahren ist die Steuerlast auf Einkommen noch einmal gestiegen, von hoch auf höher. Und damit ist eben auch der Missmut gewachsen. Die Steuerreform sorgt jetzt zumindest erstmals für eine Gegenbewegung.

Warum es kein EU-Finanzministerium braucht. Die Notenbankchefs Deutschlands und Frankreichs haben mit ihrem Vorschlag, ein gemeinsames EU-Finanzministerium zu schaffen, um die europäische Integration voranzutreiben, für viel Diskussion gesorgt. Dabei braucht es kein neues Ministerium, um die Konstruktionsfehler der Eurozone zu beseitigen, wie NZZ-Wirtschaftsressortchef Peter Fischer in seinem Kommentar zeigt: „Diese Art von Umbau ist allerdings zum Glück auch nicht nötig. Mit einer (Rück-)Besinnung auf das Subsidiaritätsprinzip lässt sich der Konstruktionsfehler der EU effektiver reparieren. Statt gemeinsamer Rettungsaktionen soll jeder für seine Entscheidungen haften. … Das „Projekt Europa“ braucht nicht mehr zentrale Steuerung, sondern eine bessere Aufgabenteilung.

Tiefer gelegte Tesla-Titel. Mitte 2015 notierten die Aktien des vom visionären und erfolgreichen Entrepreneur Elon Musk gegründeten Unternehmens noch nahe ihrem Höchststand. Seither haben sie rund ein Drittel ihres Wertes eingebüßt (NZZ). Vor allem die Schwierigkeiten beim Anlauf der Produktion des neuen „Model X“ stoßen so manchem Analysten und Anleger übel auf.

Österreich-Problem für UniCredit gelöst. Die Bank-Austria-Mutter UniCredit hat das Jahr 2015 mit einem auf 1,7 Milliarden Euro gesunkenen Nettogewinn abgeschlossen (Der Standard). 2014 hatte der Gewinn noch zwei Milliarden Euro betragen. Die „Probleme“ in Österreich und der Ukraine sieht der Bankvorstand in Mailand nun als gelöst an. Die Vorgabe bleibt aber klar, in der gesamten UniCredit-Gruppe und natürlich auch der Österreich-Tochter Bank Austria: „Wir arbeiten schnell und entschlossen an der Kostenreduzierung.“

Wird das Bargeld bald gestürzt? Allgemein heißt es ja, dass Cash „King“ ist. Doch die kontroverse Debatte über Bargeldtransaktionen in der EU und die Abschaffung der 500-Euro-Noten zeigt, dass die Regentschaft des Bargelds zu Ende sein könnte. Vor allem Strafverfolger fürchten, dass Kriminalität durch Bargeld floriert und verweisen etwa auf die große Zahl an 500-Euro-Scheinen in Europa (NZZ.at).

Inspirationen – Food for Thought

Als Addendum zum gestrigen Walkthrough und der Feststellung, dass negative Zinsen der ultimative Ausdruck von Zukunftsangst sind: Die zehnjährigen Zinssätze Japans sind erstmals unter null gefallen. Zehn Jahre lang also kein nominales Wachstum? Rosige Aussichten sehen wohl tatsächlich anders aus. (NZZ.at)

Die digitale Disruption sollte auch beim BIP ankommen (VoxEU).

Die Anlagetipps von Goldman Sachs für 2016 sind gelinde gesagt noch nicht besonders toll gelaufen:

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