KEYSTONE/Jean-Christophe Bott

Nachhaltigkeitsberichterstattung

Wenn sich Schweizer Firmen als Wohltäter darstellen

von Christoph G. Schmutz / 26.12.2015

Tue Gutes und berichte darüber. Konzerne stellen sich zunehmend in Nachhaltigkeitsberichten als Wohltäter gegenüber Natur und Angestellten dar. Kosten und Nutzen sind schwierig eruierbar.

Der Zementhersteller Holcim hat im vergangenen Jahr 1,6 Milliarden Franken Gewinn erzielt. Das geht aus dem Geschäftsbericht hervor. Darin steht aber auch, dass pro Million Arbeitsstunden 1,6 unfallbedingte Absenzen zu beklagen waren, nach 1,3 im Vorjahr. Die Großbank UBS wiederum hat 3,6 Milliarden Franken Gewinn erwirtschaftet und 0,18 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente verbraucht, 7 Prozent weniger als im Vorjahr. Beim Uhrenhersteller Swatch Group gab es einen Gewinn von 1,4 Milliarden Franken , und der Konzern finanzierte unter anderem wissenschaftliche Forschung zum Schutz der Unterwasserwelt. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Gerade große Unternehmen berichten neben den traditionellen Finanzkennzahlen gerne auch über ihre positiven Anstrengungen zugunsten von Personal und Umwelt.

Taten zählen

In der Schweiz gibt es dazu richtigerweise keine gesetzlichen Vorschriften. Entsprechend können Firmen publizieren, was ihnen auch immer beliebt. Ein Unternehmen, das Nachhaltigkeits-Themen nach eigenem Gutdünken und nicht nach einem bestimmten Regelwerk darstellt, ist Swatch Group. Sie berichtet auf einem knappen Dutzend Seiten über Kunst und Philanthropie, Umweltschutz- und Sozialpolitik. Man kommuniziere das, was hoffentlich für den Leser Sinn ergebe und aufschlussreich sein könnte, schreibt die Firma dazu. Man wolle die Adressaten informieren, dass Taten zählten und nicht Worte und dass man in allen Bereichen wo möglich den besten Beitrag zur Nachhaltigkeit leiste. Wenig Verständnis hat man beim Uhrenkonzern dagegen für voluminöse Berichte nach bestimmten Standards, die von großen Spezialistenteams vorbereitet und dann farbig gedruckt in die ganze Welt versandt werden.

Christian Leitz, der Verantwortliche für den Bereich Corporate Responsibility Management bei der UBS, betont, dass die Berichterstattung zur Nachhaltigkeit freiwillig sei. Entsprechende Informationen erscheinen im Internet und im Geschäftsbericht in dem jeweils auf den ersten Seiten abgedruckten Aktionärsbrief von Verwaltungsratspräsident und Konzernchef. Ferner erklärt die Firma auf weiteren 25 Seiten, was sie unter verantwortungsvoller Unternehmensführung versteht und wie man in die Mitarbeiter investiert. Die UBS richtet sich dabei im Gegensatz zu Swatch Group am von der Global Reporting Initiative (GRI) veröffentlichten Standard aus.

Wachstum – auf niedrigem Niveau

Weltweit und in der Schweiz ist der GRI-Ansatz für die Berichterstattung zur Nachhaltigkeit das am weitesten verbreitete Regelwerk. Laut einer Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY hielten sich 2014 von den 110 größten Unternehmen, die einen Bericht zur Nachhaltigkeit vorlegten, 76 Prozent an die GRI-Regeln. In absoluten Zahlen publizierten 107 Firmen einen GRI-Bericht. Das entspricht 8 Prozent der knapp 1.300 Schweizer Gesellschaften mit mehr als 250 Mitarbeitern und 0,02 Prozent der total gut 560.000 hiesigen Unternehmen. Das Angebot solcher Berichte wächst also – wenn auch von einem niedrigen Niveau aus.

Für die UBS ist die Nachhaltigkeitsthematik einerseits für die Kommunikation mit Anspruchsgruppen relevant, andererseits für das Geschäft selbst. Anhand einer Materialitäts-Matrix werden die Themen, die Regierungen, Investoren, Medien, Regulatoren, das Personal und andere interessieren, mit der Einschätzung der Bank abgeglichen. Dabei zeigt sich, dass wenig überraschend sowohl intern als auch extern Themen wie finanzielle Stabilität, Betrugsprävention, Kundenschutz und Einhaltung von Gesetzen am stärksten gewichtet werden. Beim Bankgeschäft schreibt die Firma etwa, dass die „gesellschaftliche“ Performance einer Investition Teil jedes Kundengesprächs werden soll, und selbstverständlich bietet die Bank auch entsprechende Investitionsvehikel an.

Nutzen schlecht bezifferbar

Was die Berichterstattung kostet, das wollen die Firmen nicht beziffern. Laut einer im Rahmen des Geschäftsberichte-Ratings 2013 veröffentlichten Erhebung der Universität Zürich gibt der größte Teil (39 Prozent) von 60 befragten Firmen zwischen 50.000 Franken und 200.000 Franken für Nachhaltigkeits-Reports aus. Die typischen Motive für solche Berichte sind demnach eine Erhöhung des Vertrauens der verschiedenen Anspruchsgruppen, Stärkung der Reputation und interne Gründe.

Der Nutzen lässt sich noch schlechter messen als die Kosten. Trotzdem zeigten sich 84 Prozent der befragten Firmen überzeugt, dass sich die Berichte ausbezahlten. Christian Hoffmann, Forschungsleiter am Liberalen Institut in Zürich, nennt – neben dem Kontakt zu Anspruchsgruppen – eine höhere Transparenz am Kapitalmarkt, Bereitstellung von Daten für sozial und ethisch orientierte Fonds und Prävention möglicher Regulierungen als potenziellen Nutzen. Auch in zahlreichen wissenschaftlichen Studien wurde der Zusammenhang zwischen „Nachhaltigkeit“ in irgendeiner Ausprägung und finanziellem Erfolg untersucht. Laut einem Bericht der Universität Oxford und Arabesque Partners, einem auf Nachhaltigkeit spezialisierten Vermögensverwalter, zeigt eine Mehrheit von 80 Prozent bis 90 Prozent von 190 untersuchten Studien, dass Firmen, die „nachhaltig“ operieren, tendenziell geringere Kapitalkosten haben, mehr Gewinn erzielen und an der Börse besser abschneiden als die Konkurrenz.

Jüngst haben aber Katja Rost von der Universität Zürich und Thomas Ehrmann von der Universität Münster in einem Artikel gezeigt, dass einiges auf eine gewisse Verfälschung der wissenschaftlichen Resultate hinweist. Der positive Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und finanziellen Ergebnissen werde nämlich eher überschätzt. Das liege unter anderem daran, dass Forscher anderslautende, gesellschaftlich unerwünschte Resultate tendenziell nicht veröffentlichten bzw. damit bei wissenschaftlichen Zeitschriften auf wenig Interesse stoßen.

Adressaten wenig interessiert

Auch Investitionen in Firmen, die als besonders „nachhaltig“ eingeschätzt werden, sind offenbar nicht zwingend lohnender (vgl. Grafik). Martin Hüsler, Aktienanalytiker der Zürcher Kantonalbank, bezweifelt denn auch, dass Nachhaltigkeitsberichte kurzfristig einen Einfluss auf den Kurs hätten. Das sei nur dann der Fall, wenn die mit Nachhaltigkeit verbundenen Leistungswerte eine Auswirkung auf die Erfolgskennzahlen oder auf das Risikoprofil hätten.

Im Gegensatz zu den Firmen selbst schätzen die Adressaten der Berichte die Informationen zur Nachhaltigkeit also als weit weniger wichtig ein. Diesen Befund stützen auch Aussagen von Peter Leibfried, Professor für Audit und Accounting an der Universität St. Gallen, in einer Publikation zum Geschäftsberichte-Rating 2013. Er führte Gespräche mit 22 Analytikern, Medienschaffenden und professionellen Investoren. Dabei fand er heraus, dass den Nachhaltigkeitsberichten in diesen Kreisen offenbar eine geringe Bedeutung zugemessen wird und sie praktisch nicht zur Entscheidungsfindung benutzt werden. Sie seien zu komplex, zu verwirrend und nicht vergleichbar. Negativ wahrgenommen wird aber, wenn Firmen aus bestimmten Branchen gar keinen Bericht publizieren.