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Wer an die Auferstehung von Banken glaubt, ist naiv

von Lukas Sustala / 05.04.2015

Als die US-Bank Lehman Brothers pleiteging, riss sie andere Banken und ganze Finanzmärkte mit sich. Nun müssen Banken Testamente erarbeiten, um auf ihren Untergang vorbereitet zu sein. Doch das Instrument ist unerprobt, umstritten und oft unglaubwürdig.

Seit kurzem müssen sich Großbanken laufend mit ihrem Tod auseinandersetzen und Testamente verfassen. Es war eine zentrale Lehre aus der großen Finanzkrise 2008, als die US-Investmentbank Lehman Brothers Pleite ging. Wenn eine Bank scheitert, dann bricht sie nicht einfach in sich zusammen. Sie reißt ein schwarzes Loch in die Märkte, in denen sie aktiv ist, das auch andere zu verschlucken droht.

Als Lehman kollabierte, dauerte es nur einen Tag, ehe die Krise die Geldmarktfonds erreichte, die in den USA eine Art Sparbuchersatz sind. Weniger als 24 Stunden später muss die US-Regierung zudem 85 Milliarden Dollar in die Hand nehmen, um den Versicherungskonzern AIG zu retten. Lehman zeigte: Wenn eine große Bank geht, geht sie nicht alleine. Dass auch übrige Investmentbanken strauchelten und gerettet werden mussten, erklärt sich dabei fast von selbst.

Ausweg Testamente?

Die Testamente sollen das ändern: In ihren „Living Wills“ sollen die Banken genau aufschlüsseln, wie sie im Krisenfall abgewickelt werden können. Dazu müssen sie festhalten, welche Teile etwa als schnell verkäuflich eingeschätzt werden, wo überall Spareinlagen oder Derivatepositionen liegen. Die Konzernstruktur soll zudem mit „Sollbruchstellen“ versehen werden, damit die Bank von der Aufsicht mit der Einsicht zerstückelt werden kann.

Wie hätte das im Fall Lehman aussehen können? Die schlechten Teile der Bank, die etwa im Geschäft mit Hypotheken Milliarden versenkten, wären pleitegegangen. Die übrigen wären Tage, Wochen oder Monate nach der Aufspaltung aus der Lehman-Asche wiederauferstanden. Vielleicht hätte so ein Testament auch bei der Hypo Alpe Adria geholfen, die 2009 verstaatlicht wurde und erst Jahre später zerschlagen und abgewickelt wurde. Die Aufseher beklagten lange, dass sie auf die immer neuen Leichen im Keller nicht vorbereitet waren.

Die „Living Wills“, die manchmal auch als Patientenverfügung bezeichnet werden, sind heute fixer Bestandteil der europäischen Bankenunion. Auch in Österreich sind die Testamente Teil der aufsichtsrechtlichen Werkzeugkiste. Bereits 2011 gab die Finanzmarktaufsicht zusammen mit der Oesterreichischen Nationalbank ein Maßnahmenpaket inklusiver der Testamente bekannt, um die österreichischen Banken in Osteuropa zu stärken:

Zusätzlich werden die Institute – als Vorsorge für eine etwaige Krisenbewältigung – der Aufsicht entsprechende ,Living Wills‘ und „Resolution Schemes“ vorlegen müssen.

Skepsis bei Ökonomen und selbst bei Behörden

Allein, so einfach ist es dann doch nicht. „Es ist äußerst schwierig, sich im Krisenfall eine geordnete Zerschlagung vorzustellen. Wenn die Krise einmal einen Teil der Bank erfasst hat, wird sie auch die übrigen erfassen“, sagt Guntram Wolff, Leiter der Brüsseler Denkfabrik Bruegel, der sich als Ökonom auch mit der europäischen Bankenunion als Antwort auf die jüngste Finanzkrise beschäftigt. Er ist skeptisch, dass Aufseher rechtzeitig eine Bank in Schieflage vor dem Umfallen bewahren können, sie zerschlagen und die guten Teile dann weiterleben. Denn wer wisse, dass im Immobiliengeschäft einer Bank ein Milliardenloch klafft, wird wohl auch keine Fonds von ihr kaufen oder Depots bei ihr halten – geschweige denn Spareinlagen.

Zuletzt haben auch wieder US-Behörden bezweifelt, dass die Testamente der Banken im Krisenfall wirklich funktionieren würden. US-Behörden haben die Pläne einiger Banken als unglaubwürdig zurückgewiesen. Die Geldinstitute rechnen ihre eigene Abwicklung zu schön, lautet ein Vorwurf. Ein anderer, dass sie die Auswirkungen von Problemen in einem Bereich der Bank auf andere Geschäftsfelder unterschätzen.

Nicht sterben ist besser als mit Testament sterben

Wenn aber der Glaube an die Auferstehung naiv ist: Wie lassen sich Bankkrisen sonst bewältigen? Tatsächlich muss man als Aufseher nicht an die Auferstehung glauben. Man kann auch an Stoßdämpfer glauben. Ökonomen wie Martin Hellwig fordern vehement, dass die Banken zu jedem Zeitpunkt mit genügend Eigenkapital ausgestattet sind. Es ist quasi der Stoßdämpfer im Krisenfall.

Die Europäische Bankenaufsicht hat zuletzt analysiert, wie gut Europas Banken auch mit Kapital ausgestattet sind. Die gute Nachricht: Die Eigenkapitalquoten sehen gut aus und sind deutlich gestiegen. Doch die Banken sind weiter anfällig, wie etwa die einfache Verschuldungskennzahl („Leverage Ratio“) zeigt. Sie stellt einen Zusammenhang zwischen den Risikopositionen und dem Kapital einer Bank her. Ein Wert von fünf Prozent zeigt an, dass eine Bank 20-mal so viele Papiere und Kredite hält, wie sie Eigenkapital hat; ein Wert von drei Prozent, der sich als Mindestvorschrift durchgesetzt hat, dass sie 33-mal so viele hat.

Wie dick ist der Stoßdämpfer bei Europas Banken? Die Leverage Ratio als Maßstab
Wie dick ist der Stoßdämpfer bei Europas Banken? Die Leverage Ratio als Maßstab

Im Falle von Europas Banken zeigt sich, dass die Leverage Ratio noch immer nicht sehr hoch über dem Mindeststandard ist, kritisiert Wolff. „Die erste Verteidigungslinie gegen Bankenkrisen ist noch nicht sehr solide, aber immerhin besser als noch vor wenigen Jahren.“ Wollen Europas Aufseher aber das Bankensystem noch sicherer machen, sollten sie eher an der Kapitalquote schrauben als die Banken immer komplexere Testamente schreiben zu lassen.