Sergei Karpukhin / Reuters

Privatisierung

Wer bekommt Russlands schwarze Perle?

von Benjamin Triebe / 31.08.2016

Das Geschäft für Russlands Erdölkonzerne hellt sich auf. Durch die Privatisierung von Bashneft droht der Branche trotzdem eine Neuordnung – mit grosser ordnungspolitischer Bedeutung.

Auf der Suche nach einer Perle in der russischen Erdölindustrie führt kein Weg an Bashneft vorbei. Der Konzern aus der Teilrepublik Baschkortostan nahe dem Ural gehört nicht zu den grössten, aber zu den profitabelsten Vertretern der Branche. Jetzt meldete er für das erste Halbjahr einen nahezu unveränderten Gewinn von umgerechnet 452 Mio. $, und das trotz dem Erdölpreiszerfall und einem Umsatzrückgang zum Vorjahreszeitraum um knapp 8% auf 273 Mrd. Rbl. (4,2 Mrd. $). Wäre ein unerwarteter Währungsverlust nicht gewesen, hätte sich die von Analytikern gehegte Erwartung steigender Gewinne erfüllt. Bashneft wächst: Mit 425 000 Fass Rohöl pro Tag förderte das Unternehmen im zweiten Quartal ein Zehntel mehr als vor einem Jahr und über die Hälfte mehr als Anfang 2010.

Ansprüche von allen Seiten

Bashneft ist eine Perle, die eigentlich zum Verkauf stehen sollte. Der russische Staat hat versprochen, seinen Anteil von knapp über 50% am Aktienkapital zu reduzieren. Er war erst Ende 2014 nach einem umstrittenen Gerichtsprozess und dem Zwangsverkauf eines Altaktionärs in grossem Stil bei dem Unternehmen eingestiegen. Doch in der Wirtschaftskrise braucht der Staatshaushalt Geld, und nach dem gelungenen Teilverkauf des Diamantenkonzerns Alrosa im Juli galt Bashneft als nächster Posten auf der Liste. Allerdings wurde der Verkauf jüngst auf Anweisung der Regierung auf unbestimmte Zeit verschoben.

Als ein Grund wird die Unzufriedenheit des Gouverneurs von Baschkortostan genannt. Die mit der Schätzung beauftragten Buchprüfer von Ernst & Young veranschlagen den Wert der zu verkaufenden Aktien auf zwischen 297 Mrd. und 315 Mrd. Rbl. (bis zu 4,8 Mrd. $). Das soll dem Gouverneur zu wenig sein. Ausserdem fordert er anhaltend hohe Dividenden und Ausgaben von Bashneft für soziales Engagement und Förderprogramme in seiner Region. Baschkortostan hält ein Aktienpaket von 25% zusätzlich zum zu privatisierenden Anteil des Zentralstaates. So hat sich wieder bestätigt, dass in Russland keine Privatisierung sicher ist, bis sie wirklich vollzogen wurde.

Damit bleibt auch die Frage noch unbeantwortet, ob bei dem Teilverkauf überhaupt im engeren Sinne privatisiert würde. Neun Unternehmen haben sich dem Vernehmen nach für Bashneft interessiert, aber nur zwei führten ernsthafte Verhandlungen. Dabei handelte es sich um die beiden grössten Branchenvertreter, Rosneft und Lukoil. Anders als die private Lukoil ist Rosneft zu fast 70% in Staatsbesitz und wird von dem eng mit Präsident Wladimir Putin verbundenen Manager Igor Setschin geleitet. Ob der Staatskonzern Rosneft an dem Bashneft-Verkauf teilhaben darf, hat in der Regierung für Diskussionen gesorgt. Ein endgültiger Entscheid ist offen. Setschin ist bekannt für sein Streben nach Expansion; ein Interesse am Bashneft-Konzern wird ihm seit dessen Teilverstaatlichung nachgesagt.

Rosneft verzeichnete im ersten Halbjahr einen Umsatz von umgerechnet 35,1 Mrd. $, 14% weniger als in der Vorjahresperiode. Aber der Trend zeigt nach oben: Weil der Ölpreis sich seit dem Tief im Januar erholt hat, hat sich die Rechnung jüngst aufgehellt, wie der Konzern Mitte August mitteilte. Der Erlös legte vom ersten zum zweiten Quartal um 18% zu, und der Gewinn explodierte von 0,2 auf 1,4 Mrd. $, weil Rosneft auf die Kosten achtete und bei den Investitionen hinter dem eigenen Plan zurückblieb. Die Erdölförderung soll 2016 auf Vorjahresniveau bleiben. Derzeit sind es 3,7 Mio. Fass Rohöl pro Tag. Rosneft ist mit einem Anteil von über einem Drittel der grösste russische Produzent.

Rosnefts Abstand zu der privaten Lukoil, die 1,6 Mio. Fass pro Tag förderte, ist damit bereits erheblich. Und er wird grösser. Lukoil hat ein Problem mit seinen alten westsibirischen Ölfeldern, die immer schneller erschöpft sind. Die Produktion liegt um knapp 5% unter Vorjahresniveau, die Zahl neuer Bohrungen geht noch stärker zurück. Lukoil musste im ersten Halbjahr einen Gewinnrückgang um 37% auf 1,6 Mrd. $ hinnehmen, wie der Konzern am Montag meldete. Aber auch hier sehen die Zahlen für das zweite Quartal bereits deutlich besser aus als für das erste.

Mittel- und langfristig allerdings würde vor allem ein Kauf von Bashneft das Unternehmen markant stärken, nicht nur wegen der wachsenden Reserven, sondern auch wegen der höheren Raffineriekapazitäten. Für diese Überlegungen spielt der relativ tiefe Erdölpreis, der die noch im Jahr 2014 gesehenen Höhen von rund 100 $ je Fass der Sorte Brent so schnell nicht wieder erreichen wird, kaum eine Rolle: Die russischen Förderkosten sind tief, und durch das Steuersystem leidet der Staat mehr unter der Preisschwäche als die Konzerne.

Staatskapitalistische Logik

Sowohl Rosneft wie auch Lukoil besitzen trotz den westlichen Sanktionen das nötige Kleingeld, um beim allfälligen Teilverkauf von Bashneft einen Aufschlag zum Marktpreis zu zahlen – wobei Rosneft nach Ansicht der Analytiker der Investmentbank Aton die grössere Prämie lockermachen könnte. Ordnungspolitisch wäre der Verkauf an die staatliche Rosneft höchst fragwürdig, aber dem Kreml geht es weniger um eine liberale Wirtschaftsordnung als vielmehr um das Geld: Eigentlich steht später nämlich auch ein Verkauf von knapp 20% von Rosneft auf dem Programm, wodurch Moskau die absolute Aktienmehrheit an dem Riesen behalten würde. Wenn Rosneft zuvor die Mehrheit an Bashneft kauft und so den eigenen Unternehmenswert steigert, könnte der Teilverkauf der neuen Rosneft mehr erlösen als der alten. Das zumindest soll die Argumentation von Rosneft-Chef Setschin sein, die er Präsident Putin dem Vernehmen nach unterbreitet hat. Ob er sich durchsetzt, bleibt abzuwarten.