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Bargeld

Wer große Banknoten verbieten will, schafft kein Vertrauen ins System

Meinung / von Beat Kappeler / 15.02.2016

Bargeld einzuschränken oder die 500-Euro-Note zu verbieten, scheint den Finanzministern der EU notwendiger denn je. Der wahre Grund bleibt allerdings im Hintergrund. Vorgegeben wird heute die Terrorismusbekämpfung, noch vor kurzem stand die Steuerhinterziehung im Vordergrund.

Doch im Hintergrund stecken die wahren Motive – die Banken wanken, und die Geldexpansion der Europäischen Zentralbank (EZB) blieb erfolglos.

Wie nach der Geldschwemme durch Japans Notenbank hat auch die großmaulig angekündigte Geldexpansion der EZB mittels Käufen von Staatsanleihen zwar die Zinsen gegen null gedrückt. Doch die Unternehmen nahmen kaum neue Kredite auf, das Wachstum der Wirtschaft ist blutleer, außer in Deutschland und Spanien sowie in den meisten Ländern, die nicht im Euro stecken – zum Hohn für die EZB.

Nun erwägen diese zwei Notenbanken, auf ihren Konten immer tiefere Negativzinsen für die großen Guthaben der Banken zu verlangen. Das Geld soll so endlich in Kredite für was auch immer gescheucht werden. Kühne Rechnungen werden gemacht: Die Grenze für Negativzinsen liegt bei den Kosten der Banken für das Horten von Gold, also bei gegen 4 Prozent der Konten. Denn von diesem Negativsatz an fliehen alle ins Gold. Bis zu 4 Prozent könnte man also mit Negativzinsen amputieren – jährlich. Doch vorher fliehen natürlich alle schon bündelweise ins Bargeld, in große Noten. Man muss also die Barauszahlungen einschränken, große Noten verbieten, dann liegt die tatsächliche Grenze negativer Zinsen erst bei den Kosten der Flucht ins Gold.

Nun aber kommt ins Spiel, dass die europäischen Banken fast allesamt schwach auf der Brust sind. Das Publikum, die großen Anleger trauen ihnen nicht mehr. Die Banken in der EU haben über 6 Prozent ihrer Bilanz in faulen Krediten festgefroren, Italiens Banken sogar 16 Prozent. Weiter stecken in diesen Bilanzen durchschnittlich 10 Prozent Staatsanleihen von Staaten, die sich immer weiter verschulden und nur durch die Nullzinspolitik der EZB über Wasser gehalten werden. Sollen diese Bankbilanzen flott gemacht werden, zeigen sich neue Erschütterungen. An der Stelle von Bankenrettungen durch den Staat verlegten sich die Politiker schlaumeierisch auf eine Haftungskaskade bei Bankenkrisen – zuerst verlieren die Aktionäre ihren Einsatz, dann die Obligationäre, dann die Einleger über 100.000 Euro. Nun hat Portugal auf diese Weise Banken gerettet, aber vor allem die großen Gläubiger gerupft. Der geschädigte Fonds Pimco nennt dies „inkonsistent, unfair, amateurhaft“. In Italien wurden Obligationäre einiger Banken zur Kasse gebeten, aber das geschockte Publikum verkaufte für 75 Milliarden Euro Obligationen der anderen Banken. Vertrauen verloren haben auch die verlustreiche Deutsche Bank und die CS. Letztere nahm im Dezember den Aktionären neues Kapital von 6 Milliarden Franken ab, nur um damit im Februar 3,8 Milliarden Franken faule Posten abzuschreiben. Das war entweder dumm, falls die CS-Leitung nichts davon wusste, oder dreist, weil sie es wusste und die neuen Aktionäre prellte.

Solche Vertrauensrisse aber veranlassen die jetzt haftenden größeren Einleger zum Sturm auf schwankende Banken, und dann auch auf die gesunden. Der Aktienspezialist Peter Böckli findet dazu Worte wie „hohe Entgleisungsgefahr“ oder „Schockwelle“.

Vertrauensverlust und schwache Bilanzen haben nun mit Negativzins und Bargeldverbot zu tun. Eingeschränktes Bargeld macht schon geringere Negativzinsen schmerzlich für die Banken, und soll sie zu billigen Krediten verleiten. Mit eingeschränktem Zugang zu Bargeld können Bürger und Firmen auch der Haftungskaskade nicht ausweichen.

Terrorismus erweist sich als modisches Motiv gegen das Bargeld. Terroristen benützen auch Autos, und sie essen. Will man das auch verbieten, um sie auszuhungern?

Nein, es bleibt dabei: Die Banken verwalten das Geld der Anleger nicht treuhänderisch und lenken es nicht in sinnvolle Anlagen, wie Vermögensverwalter und Privatbanken es tun. Sondern sie nehmen die Einlagen großer und kleiner Kunden in ihre eigene Bilanz herein und geben ein Mehrfaches an Krediten darauf aus. Das System ist grundsätzlich instabil. Jedes Konto auf einer Bank ist ein Kredit an die Bank, für welchen die ihrerseits längerfristige Kredite erteilt. Wollen alle das Geld wieder, sind solche Banken illiquid; sind die Kredite auch noch faul, sind sie bankrott. Und wenn schwankende europäische Banken und überschuldete europäische Staaten ineinander verschränkt sind mit wechselseitigen Stützungen und die EZB das ihrerseits mit ihrer aufgeblasenen Papierbilanz stützt, dann ist dem Publikum der Griff nach Bargeld und Gold nicht zu verdenken. Man achte auf die neue Banknotenserie der Schweizerischen Nationalbank – noch ist eine 1.000-Franken-Note geplant. So soll es sein.