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Migration und Arbeitsmarkt

Wer nach Österreich flüchtet, ist nicht in der EU angekommen

von Leopold Stefan / 25.08.2016

Europa braucht langfristig mehr Immigranten. Diese Einschätzung von Arbeitsmarktexperten beruht auf einem aktuellen Mangel an Arbeitskräften, der sich durch den demografischen Trend noch verschlimmert. Zukünftiges Wirtschaftswachstum und die Sozialsysteme sind ohne Bevölkerungswachstum in den kommenden Jahrzehnten gefährdet. Doch wie die Flüchtlingskrise offengelegt hat, stößt der vermeintlich gemeinsame Arbeitsmarkt der EU an seine Grenzen.

Klarerweise würde sich heute kein Politiker offen für Zuwanderung aussprechen. Denn der künftige Mangel an Arbeitskräften mag zwar statistisch für die gesamte EU gelten, passt aber nicht mit der erlebten Situation in vielen Mitgliedsländern zusammen: Vom Brexit-Votum gegen Binnenmigration, über wachsende Ressentiments gegenüber Flüchtlingen in Zentral- und Osteuropa bis zur Belastung der südlichen Krisenländer durch das brutale Schlepperwesen, offenbart sich ein Scheitern der Migrationspolitik.

Doch die Ankunft von über einer Million Flüchtlinge allein im Jahr 2015, von denen sich über 70 Prozent auf fünf Länder (Deutschland, Ungarn, Schweden, Österreich, Italien) aufteilen, hat lediglich eine strukturelle Schwäche der Union offengelegt, die es schon lange gegeben hat: Trotz eines gemeinsamen Arbeitsmarkts gibt es keine entsprechende Immigrationspolitik.

Paradoxe Situation am Arbeitsmarkt

Trotz Rekordarbeitslosigkeit in Österreich klagt die heimische Wirtschaft über einen Mangel an qualifizierten Mitarbeitern. Das in den Sozialen Medien populäre Schild eines Wirten in Oberösterreich mit der Aufschrift: „Heute geschlossen – kein Personal, aber 500.000 Arbeitslose“ brachte die Situation auf den Punkt.

Österreich ist mit der paradoxen Situation nicht alleine: In den meisten EU-Ländern bestehen gleichzeitig hohe Arbeitslosigkeit und einen Mangel an qualifiziertem Personal, wie eine Studie im Auftrag des Europäischen Parlaments festgestellt hat. Dabei gibt es in Europa dank anhaltender Immigration heute keinen Mangel an Menschen im arbeitsfähigen Alter. Allerdings kommen die meisten Zuwanderer nicht im Rahmen eines Anwerbeprogramms nach Europa, wie einst etwa die Gastarbeiter nach Deutschland und Österreich, oder heute die Inhaber der Rot-Weiß-Rot-Card.

Die meisten potenziellen Arbeitskräfte – zwischen zwei Drittel und drei Viertel – kommen als Flüchtlinge, wegen einer Ausbildung oder im Zuge der Familienzusammenführung in die EU, wie Daten der Europäischen Kommission zeigen. Viele wählen ihre Destination also nicht aufgrund konkreter wirtschaftlicher Überlegungen aus, beziehungsweise erhoffen sich mangels besseren Wissens über die Jobsituation, dass eine bestehende Community von Landsleuten, ein hoher Lebensstandard und staatliche Unterstützung bessere Zukunftschancen bieten.

Gesuchte Arbeitskräfte

Dass viele Menschen nicht primär wegen der Jobsuche einwandern, heißt aber noch nicht, dass es die „falschen“ für den europäischen Arbeitsmarkt sind. Die Autoren der EP-Studie treffen einen für österreichische Ohren vielleicht überraschenden Befund: Der mit Abstand größte Arbeitskräftemangel in der EU betrifft den niedrig qualifizierten Bereich. Vor allem im Baugewerbe und metallverarbeitenden Bereich, bei Maschinenarbeitern, persönlichen Dienstleistungen und in Handel und Verkauf werden händeringend Mitarbeiter gesucht.

Mittelfristig entspricht das Angebot an Arbeitskräften mit mittlerer Qualifikation (Lehre, Berufsschule etc.) der Nachfrage, wie die regelmäßigen Prognosen des Europäischen Zentrums für die Förderung der Berufsbildung zeigen. Hingegen steigt das Ungleichgewicht, die Lücke zwischen geeigneten Arbeitskräften und Jobs, bei Geringqualifizierten immer weiter.

Mehr zum Thema: →Kommen die Flüchtlinge nur wegen der Sozialleistungen?

Doch was für die gesamte Union gilt, trifft nicht auf alle EU-Länder zu. In  Deutschland, Österreich, Schweden, Belgien und Dänemark fehlen vor allem hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Unter anderem in Polen, Rumänien, der Slowakei und Ungarn soll die Nachfrage nach mittleren und gering qualifizierten Arbeitskräften hingegen zunehmen.

Obwohl viele Asylberechtigte auch höhere Abschlüsse haben, dürften viele allein wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht für höher qualifizierte Stellen infrage kommen. Jene Länder also, die am meisten Flüchtlinge aufgenommen haben, brauchen tendenziell nicht so viele gering qualifizierte Arbeitskräfte. Das Ungleichgewicht ist jedoch festgefahren.

Immobile Migranten

Bereits innerhalb Österreichs zeigt sich, dass es viele Migranten in Städte zieht, obwohl die Arbeitslosigkeit in anderen Landesteilen weitaus geringer ist. Das geschieht jedoch auf freiwilliger Basis. Auf EU-Ebene ist die Ungleichverteilung von Zuwanderern und offenen Stellen noch markanter. Die legale Mobilität von Drittstaatenangehörigen innerhalb der EU ist deutlich eingeschränkt.

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Eine gemeinsame Migrationspolitik in der EU, die versucht Einwanderung anhand regionaler Bedürfnisse am Arbeitsmarkt zu lenken, ist politisch undenkbar, weil sie den Nationalstaaten die Entscheidung abnähme, wer ins Land darf und wer nicht. Vorstöße in diese Richtung sind in der Vergangenheit regelmäßig gescheitert, selbst wenn es nur um hoch qualifizierte Arbeitskräfte ging, wie auch die EU-Kommission im Juni eingestand.

Modellen zufolge würden ohne Migration ab 2010 bis zum Jahr 2050 den EU-27-Ländern 87 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter fehlen. Mit der Osterweiterung haben die damaligen EU-15 noch den Bedarf an einer koordinierten Migrationspolitik erfolgreich hinausgezögert. Doch mit diesem Schritt stieß die Union vorerst sowohl an ihre politischen sowie geografischen Grenzen.

Dass ein zusammenhängender Arbeitsmarkt ohne koordinierte Migrationspolitik nicht funktioniert, offenbart sich in der aktuellen Flüchtlingskrise mehr denn je. Der gesellschaftliche Konflikt zwischen menschenrechtlicher Verpflichtung und Aufnahmekapazität wäre aber gar nicht nötig, würde man in der heilen Welt der aggregierten Daten leben, in der jeder Neuankömmling dazu beiträgt, die demografische Lücke zu schließen. Für Migranten aber ist der vielgepriesene europäische Arbeitsmarkt nicht einheitlich, sondern parzelliert.