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Online-Börse

Wetten auf Amerikas nächsten Präsidenten

von Christiane Hanna Henkel / 28.09.2016

In den USA können Investoren mit der Politik Geld verdienen, nämlich an der Online-Börse PredictIt. Die Gewinnerin des politischen Investierens ist allerdings jemand ganz anderes: die Wissenschaft.

Für ein paar tausend Investoren war die am Montag abgehaltene Debatte zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten mehr als ein von Popcorn und Bier begleitetes TV-Spektakel: Für die Anleger an der politischen Wettbörse PredictIt war es eine Gelegenheit, ihr Portfolio politischer Investitionen zu adjustieren. Wie würden sich die Kontrahenten Trump und Clinton in der Debatte schlagen, und wie schlägt sich der Verlauf der TV-Debatte auf das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen vom 8. November nieder?

Der Debatten-Effekt

Bereits vor der TV-Debatte waren die Investoren in Stellung gegangen. Offenbar erwarteten sie mehrheitlich, dass Trump von dem politischen Gefecht profitieren würde. Seit Freitag war die an der PredictIt-Börse gehandelte Trump-„Aktie“ um 6 Cent auf 39 Cent gestiegen; damit setzten die Investoren die Wahrscheinlichkeit, dass Trump Präsident wird, bei 39% an.

Clinton hingegen würde, so die Annahme vor der Debatte, im Verlauf des Fernsehduells ihre Chancen auf das Präsidentenamt leicht verschlechtern: Die Clinton-„Aktie“ verlor und landete bei 61 Cent. Am Montag ist das Handelsvolumen dann auch in die Höhe geschossen: Es wurden 56 000 Clinton-Aktien und über 80 000 Trump-Aktien gehandelt; an normalen Tagen dümpelt das Handelsvolumen bei einigen wenigen tausend Aktien vor sich hin. Glücksspiel ist in den USA eigentlich verboten, von einigen Ausnahmen abgesehen. Politische Wettbörsen gab es bisher nur im Ausland wie etwa die britische Betfair. Amerikanern allerdings ist die Teilnahme dort versagt.

PredictIt hat vor zwei Jahren die Zulassung von der Marktaufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission als politischer Wettmarkt erhalten, und zwar auch unter der Bedingung, dass die Investitionssumme oder der Wetteinsatz auf 850 $ pro Teilnehmer begrenzt wird.

An den diversen Märkten von PredictIt sind rund 20 000 Interessierte aktiv. Gewettet werden kann auf mehrere Dutzend politische Ereignisse in den USA und im Ausland, etwa auf den Ausgang von regionalen Wahlen oder das Ergebnis der Kongresswahlen. Auch können die Investoren darauf setzen, ob der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva noch in diesem Jahr im Gefängnis landen wird (derzeit 25 Cent) oder ob Bundeskanzlerin Merkel nächstes Jahr wiedergewählt wird (derzeit 54 Cent).

Alles oder nichts

Generell gilt das „The winner takes it all“-Prinzip: Die „Aktionäre“, die derzeit auf Trump setzen, würden im Falle seiner Wahlschlappe alles verlieren, während die „Anteilscheine“ von Clinton in Falle ihres Wahlsieges einen vollen Dollar wert sein würden – oder eben umgekehrt.

Entstanden ist der Wettmarkt aus einem an der Victoria University of Wellington, Neuseeland, aufgegleisten wissenschaftlichen Projekt heraus. Und mit vornehmlich wissenschaftlichen Zielen wird der Wettmarkt auch weiterhin geführt. Mehrere Dutzend amerikanische Universitäten bzw. Wissenschafter aus Fachbereichen wie Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Politische Wissenschaften, Mathematik, Statistik und Computerwissenschaften erhalten Zugang zu den an den diversen PredictIt-Märkten generierten Daten. In den USA betreibt überdies noch die University of Iowa seit 1988 mit dem Iowa Electronic Market einen elektronischen Wettmarkt; dort sind aber nur sehr wenige Teilnehmer aktiv, und die Benutzeroberfläche richtet sich an ein Fachpublikum.

Fundgrube für die Wissenschaft

PredictIt ist offenbar für die Wissenschaft eine wichtige Fundgrube für Erkenntnisse, das gilt aber auch für die breitere Öffentlichkeit. So vertritt PredictIt selbst die These, dass die über die diversen Märkte gemachten Aussagen präziser seien als jene von etwa über Meinungsumfragen erworbenen Daten. Umfangreiche telefonische Umfragen etwa sind immer schwieriger zu bewerkstelligen, da die Anzahl der Festnetzanschlüsse in den USA weiterhin rapide abnimmt. Auch ist anzunehmen, dass die Aussage eines Traders fundierter ist als eine in einer Meinungsumfrage erhobene Aussage; schliesslich riskiert der Trader sein eigenes Geld. Ausserdem sind Meinungsumfragen immer nur eine Momentaufnahme, während die Wettmärkte sofort über das Handeln der Teilnehmer aktuelle Entwicklungen sofort aufnehmen können.

So etwa am Montagabend. Die Kursbewegungen während der Debatte zeigten, dass sich die Händler verspekuliert hatten. Die „Aktien“ von Trump verloren 5 Cent und notieren derzeit bei 34 Cent, jene von Clinton legten um 6 Cent auf 67 Cent zu.