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Wie arm ist Europa? Eine Frage der Definition

von Christoph Eisenring / 28.10.2015

Jeder vierte EU-Bürger befinde sich in prekären Verhältnissen, sagt die Bertelsmann-Stiftung. Stellt man jedoch allein auf schwere materielle Entbehrung ab, ist es nur noch jeder Zehnte. NZZ-Wirtschaftskorrespondent Christoph Eisenring berichtet.

Sind in der EU 122 Millionen Menschen armutsgefährdet, darunter 26 Millionen Kinder und Jugendliche? Diese Schlagzeile machte am Dienstag eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Das wäre ein Viertel aller Bürger. Um zu beurteilen, ob es so dramatisch ist, muss man sich die Definition ansehen: Als von Armut oder sozialem Ausschluss bedroht gilt, wer weniger als 60 Prozent des typischen Einkommens (Median) in einem Land hat oder unter gravierenden materiellen Entbehrungen leidet. Nun ist aber das Einkommen in Deutschland viel höher als in Bulgarien. Die Situation für einen Deutschen, der 60 Prozent des typischen Einkommens hat, ist deshalb viel besser als jene für einen Bulgaren an der gleichen Position der Einkommensverteilung. Wer mit Armut das Existenzminimum verbindet, sollte sich jedenfalls nicht auf relative Maße einlassen.

Viel grau, wenig schwarz

Legt man das Augenmerk allein auf die schwere materielle Entbehrung, sieht es sogleich weniger schlimm aus. Dabei wird je Land ermittelt, wie viele Personen sich von neun Dingen – eine Woche Ferien, unerwartete Ausgaben, Telefon, Auto, Waschmaschine, Fernseher, Heizung, Miete, Fleisch jeden zweiten Tag – mindestens vier nicht leisten können. Nimmt man dieses Maß, das die Studie auch ausweist, sind in der EU zehn Prozent der Bevölkerung von schwerer Entbehrung betroffen.

Kinder leiden mit elf Prozent häufiger darunter als Pensionierte mit sieben Prozent. Größer als die Unterschiede zwischen Jung und Alt sind diejenigen zwischen den Ländern. In Ungarn, Rumänien und Bulgarien liegen die Quoten für Kinder bei einem Drittel oder mehr, in Skandinavien und Deutschland unter sechs Prozent.

Auch hier ist nicht einfach alles schlecht: So lag diese Quote beim Schlusslicht Bulgarien vor sieben Jahren noch bei 58 Prozent– 20 Prozentpunkte höher als 2014. Unverkennbar ist dagegen die Verschlechterung in den Krisenstaaten: In Griechenland hat sie sich von zehn auf 24 Prozent mehr als verdoppelt. Auch in Irland und Italien müssen mehr Kinder große materielle Entbehrungen ertragen als vor der Krise (Anstieg von jeweils acht auf 13,5 Prozent).

Je besser junge Erwachsene integriert sind, desto geringer ist ihr Armutsrisiko. Einen Hinweis gibt der Anteil der 20- bis 24-Jährigen, die weder in Ausbildung sind noch arbeiten. Besonders groß ist diese Gruppe in Italien mit einem Drittel. In Griechenland sind es 28 Prozent, wobei dieser Anteil vor der Krise bei 16 Prozent lag. In den meisten Ländern hat sich die Situation gegenüber dem Vorjahr immerhin leicht verbessert, und auf EU-Ebene ist der Anteil mit 18 Prozent auf dem Niveau von vor zehn Jahren. Deutschland schließt hier mit 9,5 Prozent vergleichsweise gut ab. Auch sonst finden sich in den Zahlen, wenn auch nicht unbedingt in den Ausführungen, mehr Grau- als Schwarztöne. Stark aufgehellt hat sich die Beschäftigungssituation für ältere Arbeitnehmer. In der Altersklasse der 55- bis 65-Jährigen waren 2014 in der EU 52 Prozent beschäftigt, vor zehn Jahren waren es erst 42 Prozent gewesen.

Kritik an Mindestlöhnen fehlt

Bei den Rezepten ist die Studie eher mutlos. Zwar wird erkannt, dass Jugendliche und Geringqualifizierte oft Schwierigkeiten haben, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Dass Mindestlöhne diese Situation verschärfen, liest man jedoch nicht. Überhaupt scheint eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes nicht die erste Wahl zu sein. Gefordert wird stattdessen – und damit wird die Studie niemandem weh tun –, dass die berufliche Ausbildung verbessert wird und die Anzahl der Schulabbrecher sinkt. Letzteres ist bereits im Gang, wie die Stiftung selbst konstatiert. So ist der Anteil der Schulabbrecher in der EU innert zehn Jahren von 16 auf 11 Prozent gefallen und liegt nicht mehr allzu weit vom Ziel von zehn Prozent entfernt.

Immerhin an einem Ort redet die Studie Klartext: Dabei geht es um die Rente mit 63 für langjährige Beitragszahler, die Deutschland letztes Jahr eingeführt hat. Solche Rentenreformen gingen deutlich auf Kosten der jüngeren Generation, kritisiert der Bericht.