Wie Banken zu manipulieren versuchten

von Gerald Hosp / 12.11.2014

Devisenhändler sollen zumindest versucht haben, Wechselkurse zu manipulieren. Wie geschah dies? Chat-Protokolle zeichnen ein teilweise infantiles Verhalten der Händler, berichtet der NZZ-Wirtschaftsredakteur Gerald Hosp.

Die Behörden ziehen im Fall der Manipulationen des Devisenmarktes eine feine Linie: Die Bussen werden nicht direkt wegen der Beeinflussung der Devisenkurse verhängt, sondern aufgrund des Verhaltens der Händler sowie des ungenügenden Risikomanagements und ungenügender Kontrolle in den Banken. Die Verfahren ergaben, dass über einen Zeitraum von fünf Jahren bis Oktober 2013 Devisenhändler zumindest versucht haben, Referenzwerte für Währungspaare zu manipulieren sowie durch gezieltes Auslösen von Stop-Loss-Aufträgen den eigenen Profit zu maximieren. Zudem wird den Banken vorgeworfen, Kundeninformationen ausgetauscht und sich am Markt abgesprochen zu haben – zum Schaden der Kunden und anderer Marktteilnehmer.

Devisenspothandel im Fokus

Im Mittelpunkt der Untersuchungen lagen der Devisenspothandel sowie die Devisen-Referenzwerte von WM/Reuters und der Europäischen Zentralbank. Bei einem Spotgeschäft liefert der Verkäufer innerhalb von zwei Tagen den vereinbarten Gegenwert. In den vergangenen Jahren wurde der Devisenhandel immer mehr elektronisch und automatisiert abgewickelt. Grössere Aufträge aber flossen beispielsweise bei der UBS laut der Finma direkt ins Handelsbuch des jeweils zuständigen Spothändlers.

Warum sind nun die Referenzwerte ins Visier geraten? Devisen werden rund um die Uhr gehandelt, einen Schlusspunkt gibt es nicht. Manche Kunden wie Vermögensverwalter, Pensionskassen oder Fondsgesellschaften möchten aber einen Schlusskurs zu einer bestimmten Zeit, um ihr Portfolio einheitlich bewerten zu können. Dafür werden Referenzwerte verwendet, einer der bekanntesten ist der WM/Reuters, der um 16 Uhr Londoner Zeit ermittelt wird. Dabei gibt der Benchmark einen Durchschnitt aller Handelsgeschäfte in einem Zeitraum von einer Minute an. Der Handel beginnt dreissig Sekunden vor jeder halben oder ganzen Stunde und endet dreissig Sekunden nach diesem Zeitpunkt.

Wenn der Kunde der Bank den Auftrag erteilt, eine Währung zu einem Referenzwert zu erwerben, übernimmt auch die Bank ein Risiko, indem sie den Referenzkurs garantiert. Dadurch kann das Finanzinstitut ein Interesse an einem hohen oder niedrigen Referenzwert haben, je nach eigener Position. Devisenhändler können bereits vor dem „fixing“, der Eruierung des Referenzwertes, die Positionen mit denjenigen anderer Banken, die jedoch gegenläufig ist, netto „auflösen“. Damit ist beiden Banken gedient, sie machen weder einen Gewinn noch einen Verlust. Diese Praxis wird nicht beanstandet.

Den Referenzwert beeinflussen

Händler machten jedoch Absprachen, nicht um die Positionen aufzulösen, sondern um diese zu verstärken, um den Referenzwert in eine gewünschte Richtung zu schieben. Dabei wurden beispielsweise die Positionen der einzelnen Banken so hin- und hergeschoben, dass ein Händler mehr Volumen bekam, um seine Strategie besser auszuführen.

Zudem soll es zum beabsichtigten Auslösen von Stop-Loss-Aufträgen von Kunden gekommen sein. Mit solchen Aufträgen möchte sich ein Kunde durch einen im Voraus fixierten maximalen oder minimalen Kurs gegen Verluste absichern. Auch „front running“, das Ausnutzen des vertraulichen Wissens um die Handelsstrategie eines Kunden, soll betrieben worden sein.

Infantile Chats

Dreh- und Angelpunkt der Untersuchungen sind dabei Gesprächsprotokolle der Online-Chat-Systeme. Solche Chats wurden etwa ab 2007 intensiv von Händlern genutzt, um sich auszutauschen. Dabei tauschten die Banker auch Informationen mit Händlern in anderen Instituten aus. Zunehmend wurden manche Chat-Gruppen geschlossene Gemeinschaften, die sich zum Teil überhebliche Namen wie «Das A-Team» oder «Die drei Musketiere» gaben. Laut der Finma fühlten sich manche Händler bei den Handelspositionen mehr der Chat-Gruppe als dem eigenen Arbeitgeber und den eigenen Kunden verpflichtet.

Die Gespräche sind zum Teil infantil und gespickt mit Slang. Sie deuten auf einen ungezwungenen Umgang mit Kundeninteressen und auf das Vertrauen, auch mit fragwürdigem Verhalten durchzukommen, hin. Die Finma zitiert unter anderen diese Beispiele:

UBS-Händler A an UBS-Händler B (Interner Chat): «das sind geile hunde da am pm desk. krank ist das was die da treiben haha». UBS-Trader B: «1.1 mio up auf den tag, schoen». UBS-Händler A: «hohohoho».

UBS-Händler: «thanks vm my friend [?] du chasch das frontrunne wie d wotsch, up to you».

Im Zug der Aufdeckung des Skandals um den Referenzzins Libor 2012 nahm die Teilnahme an solchen Chats ab. Banken untersagten oder schränkten die Nutzung dieses Kommunikationsmittels ein. Den Behörden stiess sauer auf, dass diese Chats offenbar nicht ausreichend kontrolliert wurden. Das Volumen der Mitteilungen war jedoch auch enorm.