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Visionär

Wie David Bowie den Niedergang der Musikindustrie vorhersah

von Werner Grundlehner / 11.01.2016

Der Popstar war nicht nur ein innovativer Musiker, sondern bescherte dem Finanzmarkt auch ein neues Instrument. Doch dieses galt schon bald als „toxisch“.

David Bowie hat mit seinen innovativen Würfen nicht nur die Popmusik revolutioniert, auch an den Finanzmärkten führte er Neues ein. Der britische Musiker lieh sich 1997 zu seinem 50. Geburtstag von Privatleuten 55 Millionen Dollar – dies über die Emission einer Anleihe mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Die Anleihe wurde zu 7,9 Prozent verzinst, US-Staatsanleihen warfen damals 6,37 Prozent ab. Dieser verhältnismäßig tiefe Spread lässt sich damit erklären, dass der Musikkonzern EMI für Einspielergebnisse in Höhe von 30 Millionen Dollar bürgte. Der Bond wurde bei der Emission mit einem Rating von „A3“ bewertet.

Ein Riesending in der City

Ein Schweizer Bondhändler, der damals in London arbeitete, erinnert sich, dass der Deal trotz der bescheidenen Größe für die City „ein Riesending“ gewesen sei. Typisch für David Bowie war auch, dass er selbst diese Finanzmarkt-Transaktion ins Geheimnisvolle tauchte. So gab es am Markt Gerüchte, dass hinter EMI noch eine weitere Partei stehe, die den kompletten Deal absichere. Außergewöhnlich war auch, dass die Anleihe vollständig durch den britischen Versicherer Prudential Life gezeichnet wurde.

Pullmann pusht

Der Bowie-Bond wurde als Rollenmodell von zahlreichen Künstlern, die nicht jahrelang auf die Einspielergebnisse ihrer Tonträger warten wollten, aufgegriffen. Rod Stewart, die Heavy-Metal-Band Iron Maiden, „Sexmachine“ James Brown und zahlreiche andere Künstler emittierten ebenfalls Musiker-Anleihen. Treibende Kraft war wie bei der Bowie-Obligation meist der Investmentbanker David Pullman, sodass diese Anleihen auch öfter „Pullman Bonds“ genannt wurden.

Den Boom initiiert

Dieses Geschäft mit Asset-backed-Securities-Wertpapieren, die durch zukünftige Zahlungsströme gesichert wurden, befand sich Ende der neunziger Jahre gerade im Aufschwung. Das Volumen mit Asset-backed Securities (ABS) betrug 1996 global 165 Milliarden Dollar. Doch die Wertpapier-Klasse setzte gerade zu einer Welttournee an. Britische Pubs verbrieften ihre zukünftigen Umsätze und italienische Autobahnen die Maut-Einnahmen der kommenden Jahre.


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Allein in Europa betrug das ABS-Emissionsvolumen 2007 über 700 Milliarden Dollar, in den USA war das Volumen noch weit größer. Nach dem Ausbrechen der Subprime-Krise in den USA im Jahr 2007 hatten ABS, also forderungsbesicherte Wertpapiere, einen immensen Imageverlust zu verzeichnen. Viele Marktteilnehmer sahen später in dem Konstrukt einen der Hauptauslöser oder zumindest einen „Brandbeschleuniger“ der dramatischen Entwicklung an den Märkten, ABS galten fortan als „toxic papers“.

Goldman gibt auf

Mittlerweile hat sich der Ruf etwas erholt – die Europäische Zentralbank hat die Papiere auch in ihr Rückkaufprogramm aufgenommen. Die Investmentbank Goldman Sachs versuchte sich im Jahr 2011 nochmals mit der Emission eines Musiker-ABS. Als Sicherheit sollten die Einnahmen aus den Songs von Bob Dylan und Neil Diamond dienen. Die Ausgabe der Anleihe wurde aber zuerst aufgeschoben und dann abgesagt. Internetdienste wie Spotify, iTunes oder Google Music hatten das traditionelle Musik-Lizenzgeschäft schon schwer beschädigt.


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Nur noch Tourneen

Bereits im Jahr 2004 wurden die Bowie-Bonds wegen Umsatzschwächen in der Musikindustrie auf „Baal“ zurückgestuft. Der wandelbare Künstler erwies sich damit nicht nur in der Musik als Visionär. 1997 setzte das Internet zu seinem Siegeszug an. Der Filesharing-Dienst Napster gewann an Popularität (mittlerweile wurde diese Art des Teilens untersagt). David Bowie erkannte, dass sich durch den traditionellen Verkauf von Schallplatten und CDs für Musiker nicht mehr viel Geld verdienen ließ. In einem Interview wenige Jahre nach der Emission „seines“ Bonds meinte er: Musik werde bald wie Wasser oder Strom gekauft. Namhafte Einnahmen würden Künstler zukünftig hauptsächlich noch auf Tourneen einspielen können.