Wie der draghische Kurswechsel eingeschätzt wird

von Daniel Hug / 25.01.2015

Ökonomen und Investoren debattierten in Davos, ob die Billionenspritze der EZB die Stagnation in der Eurozone beenden kann. Daniel Hug, NZZ-Wirtschaftsredakteur der NZZ am Sonntag, hat die Einschätzungen zusammengetragen. Für heimische Franken-Kreditnehmer besteht wenig Hoffnung auf einen steigenden Eurokurs. 

Die Schweizerische Nationalbank hat die Untergrenze zum Euro aufgegeben, doch der Schweizer Franken bleibt trotzdem vom Agieren der Europäischen Zentralbank (EZB) abhängig. Vergangenen Donnerstag hat sie eine historische Kursänderung vorgenommen: Ab März wird die EZB monatlich für 60 Mrd. € vorwiegend staatliche, aber auch private Anleihenpapiere aufkaufen, wie EZB-Präsident Mario Draghi bekanntgab. Das Programm, im Fachjargon als Quantitative Easing bezeichnet, soll bis September 2016 laufen, könnte aber auch länger andauern – so lange, bis die Inflation wieder in den Bereich von rund zwei Prozent gelangt, was dem gesetzlichen Mandat der EZB entspricht.

In mehreren Panels ist am Weltwirtschaftsforum WEF in Davos darüber debattiert worden, ob und wie dieser Plan Europas Wirtschaft aus der Stagnation führen könnte. Das wäre dringend nötig, denn die Wirtschaftsleistung der Euro-Zone liegt immer noch sechs bis acht Prozent unterhalb des Standes von 2007. Die Arbeitslosenquote ist etwa doppelt so hoch wie in den USA.

Gelddrucken auf europäisch

„Das Programm der EZB wird den Euro gegenüber dem Dollar und dem Schweizerfranken schwächen, die Investoren dazu anhalten, in risikoreichere Anlagen zu gehen, und generell mehr Liquidität schaffen“, urteilt Samir Assaf, Chef des globalen Banking bei der Großbank HSBC. Da mit den Anleihenkäufen die Renditen der Staatsanleihen nochmals deutlich nach unten gedrückt werden, müssen die Anleger andere Anlagen suchen.

Die meisten Experten in Davos gehen davon aus, dass der Plan der EZB etwas bewirken wird, wobei Ökonomen wie der Harvard-Professor Larry Summers darauf hinweisen, dass die Effektivität des Programms wohl nicht so hoch wie in den USA sein werde.

Der Schritt der EZB kam zu spät, aber er wird wirken

Das sagte Investoren-Legende George Soros am Donnerstagabend. Zudem erfolgt die Unternehmensfinanzierung in Europa zu 70% über Bankkredite, während sich US-Unternehmen vorwiegend über den Kapitalmarkt finanzieren, der direkter auf das Quantitative Easing reagiert.

Die EZB hat Zeit gekauft

„Wir können ein Umfeld schaffen, in dem es billiger wird zu investieren, aber die Leute müssen investieren wollen“, räumt Benoît Cœuré, Mitglied des EZB-Rates, ein. „Man gewinnt in erster Linie Zeit“, sagt Zurich-Konzernchef Martin Senn. Das Programm der EZB werde nur erfolgreich sein, wenn die politischen Reformanstrengungen in den einzelnen Ländern anhalten würden. Frankreich müsste zum Beispiel die übermäßig hohen Lohnnebenkosten, die höchsten im ganzen OECD-Raum, endlich beschneiden, sagt ein französischer Politikberater. Das würde das Land schneller und effektiver voranbringen als Draghis Geldschwemme.

Verstärkt das Quantitative Easing die Ungleichheit in der Gesellschaft, weil sich aufgrund der Geldschwemme die Aktienwerte und Immobilien tendenziell aufwerten – und davon vor allem die vermögenden Leute profitieren?

Jede Geldpolitik hat Verteilungswirkungen

Das stellte Mark Carney, Chef der englischen Notenbank, in Davos klar. „Aber ohne Quantitative Easing besteht das Risiko, dass viele Leute zu lange arbeitslos bleiben.“ Das ist mit hohen Kosten verbunden, weil sich dann auch ihre berufliche Fähigkeiten und Qualifikationen entwerten. „Man muss das Problem der unerwünschten Verteilungswirkungen mit entsprechenden politischen Instrumenten angehen“, so Carney. Aber zuerst müsse man die Grundlagen schaffen – und damit meint er: die Deflationstendenzen bekämpfen.

Der Schweizer Franken könnte wegen der EZB-Politik noch stärker werden

Der Euro könnte noch schwächer werden

Sicher ist, dass die EZB-Maßnahmen den Wechselkurs des Euro bis weit ins Jahr 2016 tief halten – auch wenn Cœuré am Samstag nochmals betonte, die EZB verfolge kein Wechselkursziel, sondern der Kurs sei bloß die Folge der beschlossenen Maßnahmen. Für die Schweiz dürfte die Lage nicht einfacher werden, weil die Nationalbank praktisch kein Mittel mehr hat, um gegen die Frankenaufwertung anzukämpfen. Die meisten Fachleute gehen in nächster Zeit von einer Parität zwischen Euro und Franken aus. Die Großbank HSBC rechnet bis Ende Jahr jedoch mit einer weiteren Aufwertung des Frankens – konkret mit einem Euro-Kurs von 95 Rappen.