Wie der Wertzerfall des Rubels Russlands Nachbarn schadet

von Benjamin Triebe / 29.12.2014

Von Weißrussland bis Tadschikistan hinterlassen die Kapriolen des russischen Rubels Spuren. Mancherorts mag man eine günstige Einkaufstour unternehmen, doch es überwiegen die Nachteile, schreibt NZZ-Korrespondent Benjamin Triebe aus Moskau.

Für viele Weißrussen und Kasachen, die in der Nähe der russischen Grenze leben, sind die vergangenen Wochen ziemlich hektisch gewesen. Aus beiden Ländern ergoss sich ein Strom von Einkaufstouristen nach Russland, um sich dort so umfassend und günstig mit Waren einzudecken wie schon lange nicht mehr. Der beschleunigte Wertzerfall des russischen Rubels machte es möglich. Laut lokalen Berichten gab es fast nichts, was russischen Verkäufern nicht aus den Händen gerissen wurde – von Lebensmitteln über Fernseher bis hin zu Autos. Weißrussland und Kasachstan sind mit Russland in einer Zollunion verbunden, der Warenaustausch ist einfach. Manche Besucher gönnten sich gar ein neues Appartement im Ausland. Der weißrussische Rubel hat zum russischen Rubel dieses Jahr rund 42 Prozent an Wert gewonnen, der kasachische Tenge 39 Prozent.

Der Riese und die Zwerge

Dennoch bereitet der Rubelzerfall in Verbindung mit der russischen Wirtschaftsschwäche vielen Nachbarländern bei weitem mehr Kopfschmerzen als Freude. Denn nach der Wende blieben viele ehemalige Sowjetrepubliken dem drittgrößten Schwellenland wirtschaftlich eng verbunden. Ein nachlassendes Wachstum, wie es in Russland schon seit 2012 zu beobachten ist, schlägt sich auch bei ihnen nieder. Nun kommt die Rubel-Krise hinzu, und das ist sowohl für Notenbanker wie auch für einfache Arbeiter ein Grund zur Sorge.

Die neue Stärke der Heimatwährung ist für jene Länder, die auf Russland als Absatzmarkt angewiesen sind, ein schwerer Schlag. Die eigenen Exporte werden teurer, die Wettbewerbsfähigkeit in Russland leidet. Aber auf einen Markt wie den russischen mit mehr als 140 Mio. Konsumenten können Weißrussland (9 Mio. Einwohner) und Kasachstan (17 Mio. Einwohner) nicht verzichten. Mehr als 40 Prozent der weißrussischen Ausfuhren und immerhin 10 Prozent der kasachischen landen in Russland. Gerüchte machen die Runde, beide Länder wollten ihre Währung abwerten. Kasachstan hatte dies im Februar schon einmal getan, damals um 19 Prozent gegenüber dem Dollar. Der Effekt auf den Wechselkurs zum Rubel ist seit Herbst passé. Astana widerspricht Mutmassungen, es könnte bald zu einer Wiederholung gezwungen sein.

Ein Bild aus wirtschaftlich besseren Tagen in der eurasischen Wirtschaftsunion: Nursultan Nazarbayev (Kasachstan), Alexander Lukashenko (Weißrussland) und Wladimir Putin (Russland) bei einem Treffen in Minsk.

Eine Abwertung ist eine Angelegenheit, die man behutsam angehen sollte. In autokratisch gelenkten Ländern wie Weißrussland und Kasachstan ist eine stabile Währung auch Zeichen eines stabilen Regimes und ein Wertzerfall ein Unsicherheitsfaktor. Alexander Lukaschenko, der Autokrat in Minsk, hat sich deshalb für einen anderen Weg entschieden: Er verlangte Mitte Dezember, der Handel zwischen Weissrussland und Russland solle nicht mehr wie bisher hauptsächlich in russischen Rubeln abgewickelt werden, sondern in Dollars oder Euro. „Wir hätten schon vor langer Zeit verlangen sollen, dass Russland uns in harter Währung bezahlt“, sagte er auf einer Wirtschaftskonferenz. Die Erfolgschancen dieses Anliegens sind begrenzt, aber es ist ein Kontrapunkt zum Wunsch des Kremls, in der Zollunion so viel Handel wie möglich in nationalen Währungen zu tätigen.

Bleibt die Frage, wie Minsk die eigenen Landsleute davon abhalten kann, in Russland einzukaufen – denn jeden Rubel, den sie dort ausgeben, können sie nicht daheim verwenden. Auch strapaziert der Ansturm die Devisenbestände der weissrussischen Banken. Also hat die Notenbank vergangene Woche den Leitzins für Übernachtkredite an Geschäftsbanken auf einen Schlag von 24 auf 50 Prozent erhöht. Das schlug auf die Zinsen für Sparguthaben durch, und nun sollen die Weißrussen ihr Geld zur Bank statt zur Wechselstube tragen. Dort müssen sie zudem neu eine Gebühr von 30 Prozent entrichten, wenn sie Fremdwährungen kaufen wollen.

Solche Massnahmen können die eigene Währung allerdings nochmals stärken – was die Problematik im Wechselkurs zum Rubel tendenziell wieder verschärft, dafür aber an einer anderen Front helfen kann: Auch wenn die Währungen vieler russischer Nachbarländer seit Jahresbeginn zum Rubel zulegten, haben sie gegenüber dem Dollar doch klar verloren. Die Währungshüter von Minsk bis Astana müssen einen Balanceakt vollführen, der wirtschaftliche Folgeschäden höchstens eingrenzen kann. Verhindern lassen sie sich nicht: Die weißrussische Regierung verschlechterte Ende November ihre Prognose für das Bruttoinlandprodukt (BIP) im Jahr 2015 von zwei Prozent auf maximal 0,7 Prozent. Präsident Lukaschenko entliess am Wochenende darüber hinaus auf einen Schlag seinen Regierungschef, einige Minister und die Notenbankchefin.

Sorge in Zentralasien

Andernorts ist die Lage schwieriger. In manchen Ländern Zentralasiens oder auch im Kaukasus, etwa in Armenien, leben viele Familien von den Überweisungen ihrer Männer, die im Ausland auf Arbeitssuche gegangen sind. Ein häufiges Ziel ist Russland, wo viele Gastarbeiter im Bausektor arbeiten oder einfache Tätigkeiten übernehmen. Im bitterarmen Tadschikistan beispielsweise steuerten die Rückflüsse laut der Weltbank vergangenes Jahr 42 Prozent zum nationalen BIP bei, in Kirgistan waren es 32 Prozent. Doch ihre Landeswährungen notieren zum russischen Rubel inzwischen 52 Prozent bzw. 38 Prozent höher als zu Jahresbeginn, was den Wert der Transfers schrumpfen lässt. Gleichzeitig schicken die Auswanderer weniger Geld auf die Reise, denn die russische Wirtschaft ist schwach und könnte kommendes Jahr in die Rezession rutschen. Alle Faktoren zusammen zwingen die zentralasiatischen Länder jetzt, ihre Wachstumsprognosen teilweise deutlich nach unten zu korrigieren. Der Internationale Währungsfonds sagte den Ex-Sowjetrepubliken des Kaukasus und Zentralasiens bereits im Oktober für 2015 und 2016 ein durchschnittliches Realwachstum von nur rund 5,5 Prozent voraus, etwa einen Prozentpunkt weniger als 2013. Das klingt immer noch hoch, ist angesichts der weit verbreiteten Armut in dieser Region aber ein Rückschlag.