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50 Jahre Gastarbeiterabkommen

Wie die alten Gastarbeiter von den neuen verdrängt werden

von Lisa Rieger / 24.07.2016

Vor 50 Jahren wurde das Anwerbeabkommen für Gastarbeiter mit dem ehemaligen Jugoslawien unterzeichnet. Zeit, sich die die heutige Situation der ehemaligen Gastarbeiter anzusehen – und welche Auswirkungen die neue Arbeitsmigration aus Osteuropa auf sie hat. 

Mitarbeit: Lukas Sustala

Anfang der 1960er Jahre hatte sich Österreich wirtschaftlich von den Folgen des Zweiten Weltkriegs erholt. Das reale BIP war etwa um das Doppelte gewachsen, und mit einer Arbeitslosenquote von nur 2,6 Prozent war Vollbeschäftigung erreicht. Durch den Arbeitskräfteengpass sahen die Sozialpartner das weitere Wachstum der Wirtschaft in Gefahr.

Daher einigte man sich auf das sogenannte Raab-Olah-Abkommen, das die Anwerbung von 47.000 Gastarbeitern vorsah. Man hatte sich vor allem Arbeitskräfte aus Italien oder Spanien erhofft, doch da viele andere westeuropäische Länder höhere Löhne zahlten, kam der Großteil der Zuwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei.

Das Charakteristische bei Gastarbeitern ist der Glaube an die zeitweilige Befristung – sowohl aus Sicht der Regierung und der Unternehmen, als auch aus Sicht der Migranten.

Vida Bakondy, Historikerin

Die Menschen, die in den 60er und 70er Jahren nach Österreich gekommen sind, um zu arbeiten, werden bis heute als Gastarbeiter bezeichnet. Der Großteil von ihnen ist aber für immer geblieben: Heute leben noch 160.000 ehemalige türkische Gastarbeiter und ihre Nachkommen in Österreich, sowie 370.000 aus Ex-Jugoslawien und deren Kinder und Enkel.

Arbeitskräftemigration heute funktioniert anders: Es gibt etwa viele Grenzpendler, die im Ausland wohnen, aber in Österreich arbeiten. Etwa 40 Prozent der innereuropäischen Migration gehen auf Rumänien, Polen, Ungarn, Kroatien und Bulgarien zurück.

Bleiben der Gastarbeiter „ist passiert“

1969 bis 1973 war die Hochphase der Zuwanderung und der wirtschaftlichen Konjunktur. Bereits 1973 befanden sich 230.000 Gastarbeiter in Österreich, das waren 8,7 Prozent des gesamten Arbeitskräftepotenzials. Mit der Erdölkrise begann 1974 jedoch ein wirtschaftlicher Abstieg. Die Arbeitslosigkeit begann zu steigen. Außerdem wurde klar, dass das Rotationsprinzip versagt hat. „Das Problem war, dass es nie wirklich eine Rotation gegeben hat. Die Unternehmer waren der Meinung, dass es nicht sinnvoll ist, dass die Arbeiter nach einem Jahr wieder zurückgehen. Ein Verbleib war aber auch nicht angedacht. Auch die Migranten wollten eigentlich nur ein paar Jahre bleiben, Geld verdienen und später wieder zurück“, sagt der Soziologe Kenan Güngör vom Beratungs- und Forschungsbüro „think different“.

„Die Migranten haben dann bald gesehen, dass sie nicht so schnell Geld verdienen. Nach drei bis vier Jahren ist die Familie nachgekommen. Die Entscheidung, dass die Gastarbeiter langfristig in Österreich bleiben, beruht auf einer Nicht-Entscheidung. Es war nicht geplant, es ist passiert“, sagt Güngör.

1976 wurde das Ausländerbeschäftigungsgesetz als Reaktion auf die steigende Arbeitslosigkeit erlassen. „Die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite einigten sich mit der Regierung auf das Gesetz. Es ist Ausdruck der Abkehr von der Anwerbung. Es zementiert die Ungleichbehandlung. Das Inländerprimat wurde damit erneut nachhaltig festgeschrieben, also dass ausländische vor inländischen Arbeitern zu entlassen sind“, sagt die Historikerin Vida Bakondy, die das Projekt „Migration sammeln“ im Wien Museum leitet. 1984 war bereits ein deutlicher Rückgang der Gastarbeiter merkbar. Nur noch 138.700 Gastarbeiter waren in Österreich, das entspricht 5,1 Prozent der Beschäftigung in Österreich.

Sieben Jahre Arbeitsmarktsperre für EU-Osten

„Die Gastarbeiter kamen in Boomjahren, als Industrie und Landwirtschaft Arbeitskräfte brauchten, weil keine Österreicher gefunden werden konnten“, sagt Güngör. „Deutschland und Österreich haben sich damals als Industrienationen verstanden, wo man niedriger qualifizierte Arbeitskräfte braucht. Man hat die Menschen geholt, als es einen Arbeitskräftebedarf gab. Sie sind in einer Übergangszeit von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft gekommen. Wenn Österreich heute noch eine Industriegesellschaft wäre, hätten wir heute auch die Debatte um osteuropäische Arbeitskräfte nicht. Die Menschen, die jetzt kommen, müssen immer höher qualifiziert sein.“

So wurden die Bestimmungen für ausländische Arbeitskräfte in Österreich im Laufe der Zeit immer restriktiver. 1990 wurde die Bundeshöchstzahl eingeführt, die festlegt, dass nicht mehr als zehn Prozent der Beschäftigten ausländische Arbeitskräfte sein dürfen. Auch die Zuwanderungsbestimmungen wurden verschärft. Als Österreich 1995 der EU beitrat, bedeutete das, dass für EU-Bürger die gleichen Aufenthalts- und Beschäftigungsbestimmungen wie für österreichische Arbeitnehmer gelten. Als 2004 zehn neue Mitgliedstaaten hinzukamen, darunter die osteuropäischen Länder Polen, Slowenien, Tschechien, Ungarn und die Slowakei, gab es für die alten Mitgliedstaaten die Möglichkeit, den Arbeitsmarkt für insgesamt sieben Jahre zu sperren. Österreich kündigte von vornherein an, diese Möglichkeit in Anspruch zu nehmen. 2007 traten auch Rumänien und Bulgarien der EU bei.

Alte Gastarbeiter vom Markt verdrängt

Seit der Arbeitsmarkt für den Osten geöffnet ist, hat sich die Situation auf dem österreichischen Arbeitsmarkt stark verändert. Ehemalige Gastarbeiter und ihre Nachkommen werden mittlerweile von „echten“ Gastarbeitern verdrängt. Denn immer mehr Menschen aus dem umliegenden europäischen Ausland pendeln nach Österreich herein, um zu arbeiten, alleine 75.000 aus der Slowakei und aus Ungarn. Österreich ist nach Irland und Belgien das Land mit den meisten EU-Ausländern, gemessen am Anteil an der Bevölkerung.

Das führt zu einem intensiven Wettbewerb um Arbeitsplätze. So hat AMS-Vorstand Johannes Kopf in mehreren Interviews Fälle geschildert, dass in Österreich wohnende Ausländer von neuen Gastarbeitern am Arbeitsmarkt verdrängt werden, so etwa in der Presse: „Da gibt es einen Mann aus Ex-Jugoslawien. Er arbeitet seit neun Jahren bei der gleichen Baufirma und war im Winter immer arbeitslos. Doch im heurigen Frühjahr wurde er nicht mehr genommen. Er kann kein Deutsch. Die Baufirma nimmt jetzt einen Ungarn, der jünger ist, Deutsch kann und eine Berufsausbildung hat.“

Darauf deuten freilich auch die sehr hohen Arbeitslosigkeitsquoten bei Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien (14,3 Prozent), Rumänien (13,6 Prozent) und der Türkei (19,8 Prozent). Insgesamt ist die Arbeitslosigkeit bei Ausländern stärker angestiegen als bei Inländern, wie AMS-Daten zeigen. Anfang des Jahres hat Arbeiterkammer-Direktor Werner Muhm schließlich mit Unterstützung der Kronen Zeitung eine Initiative gegen die Personenfreizügigkeit gestartet, eine der Grundfreiheiten der Europäischen Union, um die „importierte Arbeitslosigkeit“ zu bekämpfen.