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Wie die Globalisierung zu retten wäre

Meinung / von Hernando de Soto / 12.10.2016

Warum nützt die Globalisierung den Vermögenden? Weil diese essenzielle Elemente der Globalisierung kombinieren – das Wissen über Eigentumsverhältnisse mit Instrumenten zur Durchsetzung dieser Rechte. Ein Gastbeitrag von Hernando de SotoHernando de Soto ist Präsident des Instituts für Freiheit und Demokratie (ILD) mit Sitz in Lima. Er hat unter anderem The Mystery of Capital verfasst. .

Die Gegner der Globalisierung sind derzeit stark im Aufwind. Zeichen dafür sind etwa die Proteste gegen neue Freihandelsabkommen in Europa, das Ja-Votum der Briten für den Brexit oder der zunehmende Protektionismus der USA. Aber das Phänomen ist vielschichtiger: Es handelt sich um eine sich ausbreitende negative Grundhaltung gegenüber der Globalisierung, die verschiedene voneinander unabhängige und teilweise auch widersprüchliche Bewegungen vereint.

In Russland und Asien sind es antiwestliche Gruppen, die an vorderster Front gegen die Globalisierung kämpfen. In Europa sind es meist die populistischen Parteien, die ihre Abneigung gegen die europäische Integration betonen. Die Rechte wendet sich dabei oft auch gegen die Einwanderung, während die Linke gegen steigende wirtschaftliche Ungleichheit kämpft. In Lateinamerika scheint die Angst vor ausländischen Einwirkungen jeglicher Art vorzuherrschen. In Afrika bekämpfen separatistische Stammesgruppen jeden, der ihrer Unabhängigkeit im Weg steht. Und im Nahen Osten führt der sogenannte Islamische Staat (IS) einen brutalen Feldzug gegen jegliche Modernität – und gegen die Gesellschaften, die diese verkörpern.

Wie Wertzuwachs entsteht

Trotz ihren Unterschieden haben diese Gruppen eine Sache gemeinsam: eine tiefe Feindschaft gegen internationale Strukturen und Verbindungen – auch wenn natürlich eine mörderische Gruppierung wie der IS in eine andere Kategorie fällt als beispielsweise die europäischen Populisten. Dass die internationale Ordnung, die sie zerstören wollen, zum starken Wirtschaftswachstum nach 1945 geführt und damit Milliarden Bürger der Schwellenländer aus der Armut befreit hat, ist ihnen egal. Alles, was sie sehen, sind massive, unbeugsame Institutionen und unerträgliche Ungleichheit bei Wohlstand und Einkommen, wofür sie die Globalisierung verantwortlich machen. Und um diese Ungleichheiten zu bekämpfen, sei es notwendig, dass Regierungen ihre Souveränität zurückgewännen und Staaten die Grenzen dichtmachten.

Die Ungleichheit in den Gesellschaften hat sich in den letzten Jahrzehnten in der Tat vergrössert. Aber das ist nicht die Folge des internationalen Handels oder der Migration; beides gibt es schon seit Tausenden von Jahren.

Was also sind die wahren Ursachen? Um zum Kern des Problems vorzustossen, müssen wir die Frage beantworten, warum Globalisierung den Vermögenden nützt. Die Antwort lautet: weil sie die Fähigkeit haben, essenzielle Elemente der Globalisierung zu kombinieren – nämlich das Wissen über und die sorgfältige Dokumentation von Eigentumsverhältnissen und Besitzrechten mit den Instrumenten zur Durchsetzung dieser Rechte. Erst damit werden so unwichtig erscheinende einzelne Dinge wie elektronische Bauteile oder Produktionslizenzen zu einem wertschöpfenden Ganzen verwandelt, etwa zu einem Smartphone. So erst entsteht ein Wertzuwachs.

Teilhabe am Wissen

Dieses Wissen ist in eindeutiger und zugänglicher Weise in Registern und Grundbüchern dokumentiert. Es beschreibt damit nicht nur verlässlich, wer was und wo kontrolliert, sondern auch, in welchen möglichen Kombinationen dieses Wissen genutzt werden kann. Es ist die Antwort darauf, wie verschiedene Komponenten aus zehn Ländern zur Herstellung eines Bleistiftes in Deutschland zusammenfinden; oder Hunderte von Bauteilen für eine mechanische Schweizer Uhr, Tausende für ein Flugnavigationssystem in den USA oder Codes für das Internet. Erst dieses Wissen ermöglicht es uns, komplexe Kombinationsmöglichkeiten zu bewältigen, zum Beispiel eine Kreditaufnahme oder -vergabe gegen Sicherheiten oder die Berechtigung, öffentliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen.

Erfahrungen in Japan, den USA und Europa zeigen, dass die Entwicklung eines legalen Rahmens zur Gewährleistung von Rechts- und Chancengleichheit 100 Jahre oder noch länger dauern kann.

Das in Lima ansässige Institut für Freiheit und Demokratie (ILD) hat mit der Beteiligung von über 1000 Forschern in rund zwei Jahrzehnten Feldarbeit nachgewiesen, dass rund 5 der etwa 7,3 Milliarden Menschen auf dieser Welt nicht an diesem Wissen teilhaben können, weil ihre Rechte oder Besitztümer entweder auf nationaler Ebene gar nicht registriert oder aber nicht so dokumentiert sind, dass sie in einem internationalen Umfeld messbar und somit vergleichbar wären. Oft sind sie hoffnungslos über das ganze Land verstreut und in ganz unterschiedlichen und uneinheitlichen Registern dokumentiert.

Es ist dieser Mangel an konsolidiertem und dokumentiertem Wissen und nicht der Handel, der in erster Linie für die globale Ungleichheit verantwortlich ist. Unter diesen Umständen kann der grösste Teil der Menschheit noch nicht einmal effektiv an der nationalen Wirtschaft teilnehmen, ganz zu schweigen von der Weltwirtschaft. Ohne die Mittel zur Beteiligung am Produktionsprozess hochwertiger Endprodukte haben diese Menschen keine Chance, einen Teil des erzielten Mehrwerts für sich zu sichern.

Jene Juristen und Politiker, die Gesetze und Regulierungen für das Funktionieren der Globalisierung entwerfen, sind auf dramatische Weise von jenen entkoppelt, die dafür bestimmt wären, diese auf lokaler Ebene zu implementieren, und von jenen, die konkret für den Eintrag in ein Grundbuch zuständig sind. In anderen Worten: Es fehlen in der rechtlichen Kette einige entscheidende Glieder. Erfahrungen in Japan, den Vereinigten Staaten und Europa zeigen, dass die Entwicklung eines legalen Rahmens zur Gewährleistung von Rechts- und Chancengleichheit 100 Jahre oder noch länger dauern kann.

Es gibt aber einen schnelleren Weg: Man kann die fehlenden Glieder als Wissens- statt als Rechtslücken auffassen. Über Wissensketten wissen wir beim ILD bestens Bescheid. In den letzten 15 Jahren haben wir Millionen von Menschen einen Zugang zum globalisierten Rechtssystem verschafft, indem wir das in lokalen Klein- und Kleinstregistern dokumentierte Wissen über Eigentumsrechte, Besitz, Lizenzen oder Unternehmungen in einen einheitlichen Standard übergeführt haben – und dies alles ohne die Hilfe von Computern. Aber zur Fortführung dieses Prozesses haben wir keine zusätzlichen Jahrzehnte mehr Zeit: Wir müssen Milliarden weitere Menschen erfassen, und zwar schnell. Dazu wird Automatisierung nötig sein.

Rechtsansprüche digital erfassen

Im letzten Jahr hat das ILD mit der kostenlosen Unterstützung von Unternehmen aus dem Silicon Valley untersucht, ob durch Informationstechnologie und insbesondere durch den Einsatz von Blockchains (also der für alle Nutzer transparenten, sicheren und dezentralisierten Aufzeichnung von Rechten im Internet, die die Grundlage für das Bitcoin-System darstellt) ein grösserer Teil der Weltbevölkerung an der Globalisierung beteiligt werden könnte. Das Ergebnis war überwältigend positiv.

Zum einen gelang es uns, durch die Definition von 21 Typologien das weit verstreute und disparate Wissen über Rechtsansprüche in eine digitale Sprache zu übertragen. Mit diesem System könnten alle Registereinträge in der ganzen Welt gefunden, erfasst und veröffentlicht werden.

Zum anderen konnten wir die Fragen in binäre Codes übersetzen, die ein Computer diesen erfassten Registern senden muss, um bestimmen zu können, welche Bedingungen für „smart contracts“ bei einer Blockchain erfüllt sein müssen. Damit könnten globalisierte Unternehmen mit nichtglobalisierten Kollektiven Handel betreiben, ohne auf die Anpassung der lokalen Gesetzgebung an das globale Rechtssystem warten zu müssen.

Informationstechnologie hat bereits viele Elemente unseres Lebens demokratisiert. Durch die Demokratisierung des Rechtssystems kann sie vielleicht die Globalisierung retten – und die internationale Ordnung.

Hernando de Soto ist Präsident des Instituts für Freiheit und Demokratie (ILD) mit Sitz in Lima. Er hat unter anderem „The Mystery of Capital“ verfasst.