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Commerzbank-Chefökonom zu den Risiken im Euro-Raum

„Wie eine schlechte Ehe in den 1960er Jahren“

von Thomas Fuster / 30.05.2016

Namhafte Ökonomen befürworten seit Jahren eine Aufteilung der Eurozone. Den Anfang müssten aber nicht zwingend die Peripherieländer machen. Solange die EZB als Ausputzer im Währungsraum missbraucht wird, steigt der Protest in den nördlichen Eurostaaten. Ein Gespräch mit Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer zu den Risiken im Euro-Raum.

Ist von der Euro-Krise die Rede, schweifen die Gedanken meist in den Süden. Für einen solchen Reflex liefern die ökonomischen Fehlentwicklungen in Peripherieländern wie Griechenland, Zypern, Portugal, Spanien oder Italien auch hinlänglichen Grund. So spiegelt sich das Problem der staatlichen Überschuldung im südlichen Europa weit deutlicher als in den vergleichsweise soliden Nordstaaten.

Doch der Chefökonom der Commerzbank, Jörg Krämer, warnt vor einem geografisch allzu einseitigen Blick. Für ihn gehen mittlerweile größere Gefahren vom Kern der Europäischen Währungsunion aus als von deren Rand. Diese Gefahren sind dabei weniger ökonomischer als vielmehr politischer Natur.

Kosten des Austritts

Das Schicksal der Währungsunion werde sich daher nicht in der Peripherie, sondern im Kern entscheiden, lautet die These von Krämer. Denn die Staaten der Peripherie hätten keinerlei Interesse daran, die Union zu verlassen. Sogar Griechenland habe sich Mitte vergangenen Jahres auf dem Höhepunkt der Krise gegen einen Exit entschieden, obwohl der Ausstieg nahegelegen wäre.

Mangels Stabilitätskultur hätte die Einführung einer nationalen – und wohl weichen – Währung in den Peripheriestaaten eine massive Kapitalflucht zur Folge. Im Zuge einer solchen Flucht würde das Bankensystem kollabieren. Und selbst Kapitalverkehrskontrollen, die den Kollaps des Finanzsystems verhindern könnten, würden ein wirtschaftliches Ausbluten nach sich ziehen.

Ganz anders präsentiert sich die Ausgangslage in den Nordstaaten: Hier ortet Krämer deutlich geringere Kosten eines Austritts. Die Einführung einer eigenen – und stabilen – Währung hätte nicht einen Abfluss, sondern einen Zustrom von Kapital zur Folge. Das ginge zwar mit dem Schock einer massiven Aufwertung einher, die Risiken und Kosten einer nationalen Währung wären aber deutlich geringer als in Peripheriestaaten.

Doch ist der Ausstieg eines Nordlandes überhaupt ein realistisches Szenario? Derzeit nicht, sagt Krämer. Wenn aber die politische Frustration über die Probleme des Euro und über den Risikotransfer in den Norden weiter zunähme, würde ein von Euro-Kritikern geführtes Land das Wagnis gegebenenfalls eingehen. „Das könnte der Anfang vom Ende des Euro sein.“

EU-Gegner auf dem Vormarsch

Den Anlegern rät Krämer deshalb, das politische Erstarken der EU-Gegner in den Kernländern genau im Auge zu behalten. Dass diese Gruppe europaweit auf dem Vormarsch ist, zeigen beispielsweise die Erfolge der FPÖ, des französischen Front national, der niederländischen Freiheitspartei von Geert Wilders und der Alternative für Deutschland (AfD).

Was können Anleger konkret tun? Krämer empfiehlt, sich nicht blenden zu lassen von der Tatsache, dass man in südlichen Ländern eine höhere Rendite auf Staatsanleihen erhält. Die Renditeaufschläge, die durch die Europäische Zentralbank (EZB) künstlich gedrückt würden, deckten die Risiken nämlich nur unzureichend. „Es gibt ein reales Zerfallsrisiko – und dieses Risiko kommt nicht nur aus dem Süden, sondern auch aus dem Norden.“

Europa sei vergleichbar mit einer schlechten Ehe in den 1960er Jahren, meint Krämer. Damals hätten sich selbst zerstrittene und entfremdete Partner selten getrennt, da eine Scheidung mit einem Reputationsverlust verbunden gewesen sei.

Laut dem Bankökonomen gibt es für den europäischen Währungsbund aber nur zwei Optionen: Die erste besteht darin, in der Finanz- und Wirtschaftspolitik mehr Kompetenzen an Brüssel zu delegieren und sich strengeren Fiskalregeln zu unterwerfen, die dann auch eingehalten und sanktioniert werden. Doch je stärker die EU-Gegner würden, desto weniger trauten sich die Regierungen, „mehr Europa“ einzufordern. Die zweite Option sei, die Währungsunion zu beenden und zu einer Freihandelszone zurückzukehren. Diesen Schritt wage man ebenfalls nicht.

„Hässliches“ Gleichgewicht

Aus Furcht vor der einen oder der anderen Alternative bleibt die Währungsunion laut Krämer in einem „hässlichen Gleichgewicht“ gefangen. Folgen hat dieser suboptimale Zustand vor allem für die EZB. Sie sehe sich zusehends in der Rolle des Ausputzers, der die ungelösten Probleme der Währungsunion und die Inaktivität der nationalen Regierungen mit einer lockeren Geldpolitik, die indes große negative Nebenwirkungen zeige, überdecken müsse.

Doch je mehr die Währungsbehörde als Ausputzer missbraucht werde, desto stärker würden der politische Widerstand und die Ressentiments gegen den Euro. Krämer erinnert an die Tatsache, dass am Anfang der AfD nicht etwa die Flüchtlings- oder die Ausländerthematik stand, sondern das generelle Unbehagen gegenüber der Währungsunion.

Dennoch könne sich die EZB eine Beendigung ihrer derzeit stark fiskalisch geprägten Stimulierungspolitik nicht leisten, da sie sonst eine aufflammende Staatsschuldenkrise riskieren müsste.