Geldanlage

Wie lange hält der „Zins“ der Aktien?

von Werner Grundlehner / 07.03.2016

Im Niedrigzinsumfeld haben sich viele Anleger auf der Suche nach Einkommen den dividendenstarken Aktien zugewendet. Doch wie kann man wahre Perlen von „Hochstaplern“ unterscheiden?

In Zeiten, in denen Schweizer Staatsanleihen Negativzins einfordern und auch solide Unternehmen kaum Zins auf ihre Obligationen zahlen, machen sich Anleger, die den Fokus auf stabile Einnahmen legen, auf die Suche nach Alternativen. Fündig wurden sie in den vergangenen Jahren bei Dividenden-Perlen. Dies sind Aktien von Unternehmen, die eine hohe Dividendenrendite und eine kontinuierliche Ausschüttung aufweisen.

Eine Faustregel besagt, dass Aktien interessanter als Bonds sind, wenn die Gewinnrendite (Umkehrwert des Kurs-Gewinn-Verhältnisses) höher ist als die Bondrendite. Aufgrund der verhaltenen Gewinnaussichten und des entsprechend limitierten Potenzials der Aktienmärkte kann eine Dividendenrendite von mehr als vier Prozent durchaus als Alternative für Bonds betrachtet werden, allerdings nur bei vergleichbarem Risikoprofil.

Kurs sinkt, Rendite steigt

Doch aufgepasst – nicht alle Unternehmen, die eine hohe Dividende ausschütten oder eine hohe Ausschüttungsquote aufweisen, sind attraktiv. Die Titel von Versorgern und Energieunternehmen gelten traditionell als gute Dividendentitel. Doch mit dem Einbruch des Ölpreises und den Turbulenzen am Strommarkt hat der Sektor schwer gelitten. So schockte der deutsche Energieriese RWE Mitte Februar mit der Ankündigung, die Dividendenzahlung für seine Stammaktionäre komplett zu streichen und für die Vorzugsaktien massiv zu kürzen.

 

Als unmittelbare Reaktion verloren die RWE-Aktien 12 Prozent an Wert. Der Kurs ist von knapp über 100 Euro im Jahr 2008 auf rund 11 Euro eingebrochen. Auch die in der Schweiz kotierten Aktien des US-Erdöl-Serviceanbieters Transocean wurden oft wegen der attraktiven Dividendenrendite gekauft, diese wurde mit der durch den Erdölpreis-Einbruch verursachten Kursschwäche sogar stets höher. Die Ausschüttungen vermögen aber die Wertverluste bei weitem nicht aufzuwiegen.

In Zeiten mit einer schwächelnden Konjunktur wird es auch für „gesunde“ Unternehmen anspruchsvoll, die bisherigen Ausschüttungen aufrechtzuerhalten. Doch Kürzungen bei der Ausschüttung sind ein heißes Eisen, denn sie senden ein Schwächesignal an die Märkte. So halten etwa Zurich Insurance, Swisscom und Credit Suisse nach durchzogenem Jahresverlauf an ihren Dividenden fest.

Die UBS verteilt trotz unsicherem Branchenumfeld sogar eine Sonderdividende. Nicht wenige Firmen nutzen die günstigen Bedingungen am Kapitalmarkt und nehmen Geld auf, um es an die Aktionäre weiterzugeben. Offensichtlich ist das keine nachhaltige Strategie. Zu hohe Ausschüttungen sind langfristig schädlich, da die eigene Substanz ausgehöhlt wird.

Eine Dividendenkürzung müsse aber nicht zwingend ein negatives Signal aussenden, sagt Panagiotis Spiliopoulos, Leiter Research bei der Bank Vontobel. So würden viele Gesellschaften auch in einem Jahr wie 2015 ihrer Dividendenpolitik, d. h. der Ausschüttungsquote, treu bleiben. So resultiert dann aus einem tieferen Reingewinn auch eine niedrigere absolute Dividende.

Hingegen sollte gemäß dem Vontobel-Strategen eine Dividendenkürzung (als Prozentsatz vom Reingewinn) nur in Ausnahmefällen vorgenommen werden. Die Höhe der Ausschüttungsquote sei ein wesentlicher Punkt, der unternehmensspezifisch beurteilt werden müsse. Oftmals wird diese gemäß Spiliopoulos auf Basis des buchhalterischen Reingewinns festgelegt. Sinnvoller erscheine es, eine Ausschüttungsquote in Prozent vom operativen Free Cashflow festzulegen. Dies gilt insbesondere für Unternehmen, die in kapitalintensiven Segmenten tätig sind.

In der Dividendenrendite ist immer eine gewisse Verzögerung enthalten. Schließlich wird die Gewinnausschüttung des vergangenen Jahres in Relation zu den aktuellen Kursen gesetzt. In der Schweiz werden im laufenden Jahr 38 Milliarden Franken oder fünf Prozent mehr als im Vorjahr ausgeschüttet. Die weltweiten Dividendenzahlungen beliefen sich 2015 auf 1.150 Milliarden Dollar, wie aus dem Henderson-Global-Dividend-Index hervorgeht. Das entspricht währungsbereinigt im Vergleich mit dem Vorjahr einem Anstieg von 9,9 Prozent. Diese Erträge bildeten 2015 eine wichtige Komponente der Gesamtrendite von Aktienanlegern; sie machen die Kursverluste von 1.300 Milliarden Dollar, die diese 2015 erlitten, fast vollständig wett.

Die USA haben viel Potenzial

Der Motor des globalen Dividenden-Wachstums sind gemäß der Investmentgesellschaft Henderson die USA. Die dortigen Unternehmen haben den größten Anteil an den weltweiten Dividenden und steigern ihre Ausschüttungen zudem mit hohem Tempo. Japan, Australien, Kanada und Kontinentaleuropa zeigen sich auch in guter Verfassung. Großbritannien fällt bezüglich Dividendenwachstum weit zurück, weil dort eine kleine Zahl von Großunternehmen dominiert, und diese verzeichneten alle ein geringes oder gar kein Wachstum. Trotz den Turbulenzen in den Schwellenländern verringerten sich die Dividendenzahlungen gemäß Henderson in diesen Ländern nur um 8,3 Prozent.

Während in Europa das Verhältnis von ausbezahlter Dividende zum Gewinn je Aktie mit derzeit etwa 60 Prozent wieder auf Vorkrisenniveau liegt, ist es in den USA und Asien mit 43 Prozent und 42 Prozent noch moderat. Der Spielraum für weitere Dividendenerhöhungen besteht. Unternehmen verfügten gemäß Allianz Global Investors trotz verhaltener Konjunktur derzeit über einen hohen Bestand an frei verfügbaren Mitteln. In den USA liegt der Netto-Cashflow der Unternehmen bei rund 1.960 Milliarde Dollar, was in Relation zum BIP mehr als 12 Prozent ausmacht – das ist nahe am Rekordwert von 1.980. Die Phase des „Deleveragings“ nach der Finanzkrise, d. h., die Eigenkapitalbasis zu stärken und Fremdkapital abzubauen, ist bei den Firmen weit vorangekommen.

Dividendenstarke Aktien mit guten Perspektiven können aber nicht nur eine höhere Rendite, sondern auch mehr Stabilität ins Depot bringen. Zahlreiche Statistiken zeigen, dass die Volatilität von Aktien, die eine Dividende zahlen, gegenüber solchen ohne Gewinnausschüttung, spürbar geringer ist. Eine Investition in Dividenden-Perlen bleibt weiterhin eine gute Idee. Es gilt zuvor aber abzuklären, ob es keine falschen Perlen sind.