Inländer und Ausländer

Wie man mit Statistik Stimmung macht: Beispiel Mindestsicherung

von Lukas Sustala / 12.08.2016

In Wien leben die meisten Mindestsicherungsbezieher österreichweit. Der Anteil der Ausländer, die dieses soziale Auffangnetz in Anspruch nehmen, ist zuletzt stark gestiegen. Dieser Trend wird aber nicht immer redlich dargestellt.

Die Grafik ist Ihnen mittlerweile sicher einmal untergekommen. Seit Tagen hält die Krone mit verschiedenen Texten das Thema Mindestsicherung am Kochen (Strache: „Sozialleistungen nur für Österreicher!“Sozialhilfe-Chaos in Wien? Rechnungshof prüft!; „Rechnungshof soll Sozialhilfe-Chaos beenden“Wien: Schon 9815 Türken erhalten Mindestsicherung).

Jeder der Texte ist von immer derselben Grafik begleitet.


Credits: Krone.at

Die Grafik ist auf eine ganz eigentümliche Art und Weise verzerrend. Denn der Österreich-Balken ist nur als Ausschnitt zu sehen, er ragt an sich weit aus der Darstellung heraus. Auf den ersten Blick scheinen nur wenig mehr Österreicher in Wien die Mindestsicherung zu beziehen wie Personen aus „unbekannten“ Ländern (dazu gleich mehr).

Verzerrte Statistik

Das stimmt freilich nicht. Es ist ein schönes Beispiel für die verzerrende Nutzung von Daten. Tatsächlich beziehen in Wien nicht genauso viele Menschen aus „unbekannten“ Ländern die bedarfsorientierte Mindestsicherung wie Österreicher. Entzerrt man die Statistik der BMS-Bezieher in Wien nach Herkunft für das Jahr 2015, sieht sie so aus:

Herkunftsländer mit mehr als 500 Beziehern werden einzeln ausgewiesen. Die übrigen sind unter ,Sonstige‘ zusammengefasst.

Der Balken mit den österreichischen BMS-Beziehern ragt weit über jene der Türken, Serben oder Afghanen. Die „unbekannten“ stellen zwar an sich die zweitgrößte Gruppe dar, doch da sich dieser auf die übrigen Nationen aufteilen sollte, wurden die 16.712 Bezieher hintangestellt. Dass überhaupt so viele Menschen, die in Wien Mindestsicherung beziehen, in der Statistik ein „unbekanntes“ Herkunftsland haben, liegt an Fehlern des zentralen Melderegisters (ZMR). Die Stadt übermittelt ihre Daten zu den Mindestsicherungsbeziehern zur Abklärung an das Melderegister, wenn dort allerdings das Herkunftsland fehlt oder nicht ausgefüllt ist, kommen die Daten „ungeklärt“ zurück. Ob sich dabei mehr Türken oder mehr Russen hinter den „Unbekannten“ verbergen, ist nicht klar.

Bekannt ist hingegen, basierend auf den Daten der Stadt: Aus den fünf wichtigsten Herkunftsländern von Flüchtlingen im Jahr 2015 – Syrien, Afghanistan, Irak, Iran und Pakistan – stammen 11.900 Mindestsicherungsbezieher. Zum Vergleich: 16.314 Menschen aus EU-Ländern bezogen 2015 die Sozialleistung in Wien.

Die Herausforderung ist, was sie ist

Die Sache ist aber die: Auch wenn man die Zahlen nicht verzerrt darstellt, kann man die Tatsache, dass ein großer Anteil der Mindestsicherungsbezieher Ausländer sind, darstellen, ohne mit den Achsen zu spielen. Indem man etwa schlicht die In- und die Ausländer gegenüberstellt.

Dann ist jedem relativ intuitiv klar, um welches Verhältnis es sich handelt. Knapp 43 Prozent der Mindestsicherungsbezieher sind Ausländer, 57 Prozent Österreicher. Dieses Verhältnis hat sich im vergangenen Jahr kräftig verschoben, und die geflüchteten Menschen, die nach der Grundversorgung in das Wiener Sozialsystem kommen, werden dazu führen, dass es sich noch weiter verschiebt.

Wien ist aktuell in besonderem Maße Anziehungspunkt für geflohene Menschen, gleichzeitig bietet ihnen der Arbeitsmarkt in der Stadt weniger als in anderen Bundesländern. Diese Herausforderung ist schon groß genug – niemand braucht sie mit verzerrten Zahlen zu unüberwindbaren Hürden aufblasen.


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