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Stresstest

Wie Raiffeisen in die Problemzone rutschte

von Lukas Sustala / 01.08.2016

Die Raiffeisen Gruppe hat beim Stresstest nicht nur deutlich schwächer als die Erste Group abgeschnitten, sondern liegt gleichauf mit irischen und italienischen Geldhäusern. Die komplexe Sektorstruktur, die Expansionspolitik im Osten und die späten Versuche der Konsolidierung haben der Bank im europäischen Vergleich einen Platz unter den Schlusslichtern verschafft.

Die Europäische Bankenaufsicht macht den Banken fiktiv Stress, damit sie nicht im echten Stressfall wie Kartenhäuser zusammenklappen.

Das ist, freilich stark verkürzt, der Sinn der Übung gewesen, die als Stresstest in den vergangenen Monaten in den Chefetagen von 51 Banken für so manche Krisensitzung gesorgt hat.

Ein „Durchfaller“

Ganz besonders freilich bei der so gerne als „älteste Bank Europas“ bezeichneten Banca Monte dei Pascha di Siena. Immerhin war sie die Bank, die wohl offiziell „durchgefallen“ ist, schließlich lag die Kernkapitalquote im Stressfall, drei Jahre Wirtschaftsflaute, nicht nur unter 5,5 Prozent, sondern bei Minus 2,44 Prozent (Siehe auch Grafik am Textende). Dafür wurde in den Tagen vor der Veröffentlichung des Testergebnisses ein neuer Geschäftsplan für die italienische Problembank aus dem Boden gestampft.

Aber auch andere Banken landen in der europäischen „No-Go-Zone“ für Investoren und werden wohl Schwierigkeiten haben, neues Kapital aufzustellen, wie ihre extrem niedrigen Aktienkurse zeigen.

In der Problemzone der europäischen Bankenlandschaft, jene Geldhäuser, die unter 7 Prozent Eigenkapital im Krisenfall ausweisen, tummelt sich auch Raiffeisen, genauer gesagt die „Raiffeisen Landesbanken Holding“, die Mehrheitseigentümerin der RZB (Raiffeisen Zentralbank). Gerade einmal 6,1 Prozent Kernkapitalquote im Stressszenario ist der drittdünnste Sicherheitspolster aller getesteten Banken.

Raiffeisen mit viel Stress

Das kommt nicht ganz überraschend und ist doch für Österreich, ein Land, dessen Bankensektor von der Finanzkrise durchaus schwer getroffen wurde (Stichwort: Hypo Alpe Adria) ein Alarmsignal. Bereits 2015 hat JPMorgan-Analyst Axel Finsterbusch in einem scharf formulierten Papier Investoren vor den Risiken bei der Raiffeisenbank International gewarnt. Seit damals hat sich die Wirtschaftslage im ganz entscheidenden Markt Russland massiv eingetrübt, nicht zuletzt wegen des Ölpreiszerfalls.

Unter dem Giebelkreuz sind seit damals emsige Reformen angesagt gewesen. Die RBI als Osteuropabank hat sich einen drastischen Schrumpfkurs verordnet. Der Rückzug aus Märkten wie den USA und Asien, der Verkauf von Tochterbanken in Polen und Slowenien etwa stehen auf dem Plan. Zuletzt wurde auch die Mehrheit der Uniqa-Beteiligung kapitalwirksam verkauft.

Diese Maßnahmen sind nur teilweise in den Stresstests der EBA berücksichtigt worden. Tatsächlich will man am Wiener Stadtpark die Zeichen der Zeit erkannt haben. Die Fusion von Raiffeisen Bank International und Raiffeisen Zentralbank zu einem neuen Spitzeninstitut der Gruppe soll die Eigenkapitalquote immerhin um 0,4 Prozentpunkte erhöhen. Die komplexe Sektorstruktur ist wohl ein ganz grundsätzliches Problem, das die Raiffeisen-Spitzenmanager nur in zäher Verhandlung mit ihren Eigentümern, den vielen Raiffeisenkassen, lösen können. Doch den Beteiligten ist klar, dass die vielen Doppel- und Dreifachstrukturen angesichts von Nullzinsumfeld und Basel III nicht mehr zeitgemäß sind.

„Wir sind uns unserer Kapitalsituation bewusst und setzen bereits seit geraumer Zeit entsprechende Maßnahmen zur Verbesserung unserer Kapitalbasis“, sagt Walter Rothensteiner, Generaldirektor der Raiffeisen Zentralbank. Gleichzeitig aber verwies man bei Raiffeisen auf die besonders ungünstigen Testbedingungen für Zentral- und Osteuropa.

Die „Märkte“ rechnen längst mit Stress

Doch die Europäische Bankenaufsicht scheint bei ihrer Einschätzung nicht alleine zu sein. Die Aktie der Raiffeisen Bank International, der börsennotierten Osteuropabank aus dem Raiffeisenverbund, hat sich deutlich schwächer entwickelt als andere Papiere. Nicht zuletzt die ganz zentrale Bedeutung der Cash-Cow Russland hat zu den schwachen Ergebnissen geführt. Die Aktiva in Russland betragen knapp 10 Milliarden Euro, mit 130 Millionen Euro Zinsüberschuss trägt Russland trotz Krise einen zentralen Geschäftsteil zum Ostgeschäft von Raiffeisen bei. Wenngleich Russland in den vergangenen Jahren knapp 200 Millionen Euro im ersten Quartal ablieferte.

Der Misstrauensabschlag ist dementsprechend hoch. Wenn man sich ansieht, wie niedrig der Marktwert relativ zum eigenen Buchwert wichtiger Banken ist, dann verzeichnet die Raiffeisen Bank International zwar einen großen Misstrauensabschlag, ist aber mit der Deutschen Bank etwa in „guter“ Gesellschaft.

Was bleibt nach dem Stresstest?

Für Raiffeisen ist die Konsequenz aus dem Stresstest klar: Am Konsolidierungs- und Schrumpfungspfad wird festgehalten. Der „grüne Riese“, wie der Raiffeisen-Konzern auch gerne genannt wird, wird kleiner werden und wohl auch in der österreichischen Politik eine nicht mehr so gewichtige Rolle spielen.

Doch der Stresstest alleine zeigt nicht den Reformbedarf im Raiffeisen-Sektor auf. Im Vergleich zu anderen Bankengruppen wurden Themen wie die Digitalisierung deutlich passiver angegangen und der Bankenverbund unterm Giebelkreuz scheint stärker als andere Geldhäuser mit einem „Verteidigungskampf“ beschäftigt, wie der drastische Schrumpfkurs zeigt, der am Ende Kapitalquoten und Profitabilität erhöhen soll.

Doch auch am Wiener Stadtpark weiß man, dass der Stresstest noch nicht alles war. Am Ende geht es darum, dass Raiffeisen am Markt wieder deutlich mehr Vertrauen genießt. Simon Adamson, Bank-Analyst bei Creditsights, war auch nach der Präsentation der jüngsten Quartalszahlen noch skeptisch, ob und wie etwa die Fusion der beiden Spitzeninstitute RBI und RZB ablaufen wird. Es sei noch „zu früh“, um den Raiffeisen-Plan zur Transformation, der bereits 2015 vorgelegt wurde, zu beurteilen. Bis dahin bleibt die Bankengruppe aber wohl kapitalmarktseitig unter Druck, mit hohen Risikoaufschlägen und niedrigen Kursen.

Ein Stresstest ist ein Stresstest

Was für Raiffeisen gilt, gilt aber freilich für alle getesteten Banken. Der wirkliche „Test“ ist das Tagesgeschäft. Was die Europäische Zentralbank und die Europäische Bankaufsicht erarbeitet haben, sind nur „Szenarien“, die eine mögliche Krisensituation einschätzen sollen. Daher kann man mit der Ökonomin Isabel Schnabel, eine der „Wirtschaftsweisen“, die die deutsche Bundesregierunge berät, skeptisch sein. „EBA und EZB betonen nach der Bekanntgabe der Stresstestergebnisse die Widerstandsfähigkeit der europäischen Banken. Da nur sehr spezifische Szenarien getestet wurden, die wesentliche Risikofaktoren wie die Niedrigzinsphase ausgeblendet haben, ist diese Aussage zu weitreichend“, sagte sie der Welt.

Denn mit Stresstests ist das so eine Sache. NZZ-Wirtschaftsressortleiter Peter A. Fischer schreibt ganz richtig, dass Investoren aktuell dem Bankensektor offenbar eine deutlich schlechtere Note ausstellen, als das die Prüfer der EZB gerade getan haben. Die niedrigen Aktienkurse, die auch die Kapitalmöglichkeiten der Banken einschränken, sind der echte Stress, den die Geldhäuser durchmachen.


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