AP Photo/Hasan Jamali, File

Ölpreis

Wie realistisch die Angst vor dem „Oilmageddon“ ist

von Gerald Hosp / 10.02.2016

Früher wurde über günstigeres Erdöl gejubelt. Derzeit bleibt vielen der Freudenschrei aber im Hals stecken, obwohl die Ursache für die drohende Rezession nicht im niedrigen Erdölpreis liegen dürfte.

Kann der Fall des Erdölpreises eine Rezession verursachen? Diese auf den ersten Blick eigenartig anmutende Frage geistert seit dem verstärkten Abwärtstrend des Erdölpreises zu Beginn des laufenden Jahres und dem gleichzeitigen Niedergang der Aktienkurse an den weltweiten Börsen herum. Aufgrund des Paarlaufs haben einige Beobachter die Vermutung geäußert, dass die niedrigen Energiepreise die Aktienkurse hinunterdrückten. Üblicherweise wird angenommen, dass ein Rückgang der Erdölnotiz wie eine Steuersenkung in den erdölimportierenden Ländern funktioniere. Dadurch wird die Konjunktur angekurbelt, und die weltweite Wirtschaftsaktivität steigt, was positiv auf die Aktienkurse wirken sollte.

„Oilmageddon“ vor der Tür?

Diese Sichtweise war schon vor der jetzigen Diskussion zu einfach. Schließlich stehen den Konsumentenländern die Produzentenländer entgegen. Die Ausgaben der einen sind die Einnahmen der anderen. Was der Nettoeffekt für die Weltwirtschaft ist, hängt von den jeweiligen Reaktionen ab: In der Regel ist jedoch die Neigung, Einnahmen wieder auszugeben, größer in Konsumenten- als in Produzentenländern. Deshalb sind niedrige Erdölpreise positiv für die Weltwirtschaft.

Es wird aber argumentiert, dass derzeit mehrere Faktoren zusammenkommen, die dies auf den Kopf stellen würden. Erstens ist ein Vorteil niedriger Erdölpreise, dass der Inflationsdruck sinkt und Notenbanken einen größeren Spielraum für eine Zinssenkung haben. Dies spielt im derzeitigen Umfeld ultraniedriger Zinsen aber keine große Rolle. Zweitens sind mit der Erdöl- und Erdgasbranche große Investitionen verbunden. Im Boom vergangener Jahre profitierten davon auch Zulieferer und andere Wirtschaftszweige. Nach einer Studie von Wood Mackenzie hat die Branche nun allerdings seit Sommer 2014 Projekte im Wert von 380 Milliarden Dollar verschoben oder schubladisiert. Und der Stellenabbau und die Kürzung von Investitionen gehen bei den Energiekonzernen unentwegt weiter. Die Ölförderung in den Vereinigten Staaten hatte mit der Fracking-Technologie zu einem Höhenflug angesetzt. In den vergangenen vier Quartalen halbierten sich jedoch die Investitionen in die Erdölproduktion wieder. Die Gesamtinvestitionen blieben jedoch konstant.

Drittens soll mit der hohen Verschuldung der Branche die Saat für die nächste Finanzmarktkrise gestreut worden sein. Vor allem die Fracking-Unternehmen in den USA und die Energiefirmen in Schwellenländern waren kapitalhungrig. Laut einer Studie der Commerzbank entfallen rund 15 Prozent der hochverzinslichen Dollaranleihen, auch Ramsch genannt, auf den Energiesektor. Im Vergleich zum Gesamtmarkt an Unternehmensanleihen ist das Volumen dieser Anlageklasse aber relativ gering. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) erhöhte sich das Volumen ausstehender Anleihen von Energieunternehmen von 455 Milliarden Dollar im Jahr 2006 auf 1,4 Billionen im Jahr 2014, und die Bankkredite stiegen im selben Zeitraum von 600 Milliarden Dollar auf 1,6 Billionen Dollar. Eine Insolvenzwelle, ausgelöst durch den Erdölpreis, würde die Märkte erschüttern, befürchten manche Beobachter. Analytiker der Citigroup prägten bereits den Begriff „Oilmageddon“. Chesapeake Energy, zweitgrößter amerikanischer Gasproduzent, ist bereits in die Gerüchteküche geraten, was zu einem Einbruch des Aktienkurses geführt hat.

Viertens werden die Produzentenländer hart getroffen. Deren Leistungsbilanzen ächzen, die Währungsreserven schwinden, der Spielraum der Finanzpolitik wird eingeengt. Auch hier drohen Zahlungsausfälle. Die Petrodollars in den Staatsfonds der Erdölländer werden weniger als bisher für Investitionen in Schwellenländern ausgegeben, vielmehr müssen Löcher in den Staatskassen gestopft werden. Die Petro-Länder sind zudem wichtige Absatzmärkte für Produkte aus den Industriestaaten.

Die Argumente sind gewichtig. Dass der niedrige Erdölpreis die Weltwirtschaft aber in eine Krise treibt, ist unwahrscheinlich. Zunächst muss zwischen den Gründen für die fallenden Energiepreise unterschieden werden: Bei einem sogenannten Angebotsschock sinkt der Ölpreis, weil zu viel Erdöl produziert wird. Die Logik einer Steuerreduktion kommt zum Tragen. Die weltweite Wirtschaftsaktivität wird immer noch zu 90 Prozent von Netto-Erdölimporteuren getragen, auch wenn die Petro-Staaten an Bedeutung zugelegt haben. Dies bedeutet, dass der positive Effekt niedriger Ölpreise überwiegt.

Der Kanarienvogel der Märkte

Wenn es sich aber um einen Nachfrageschock handelt, spiegelt dies eine schwächere Konjunktur. Die Erdölnotiz gleicht dann dem Kanarienvogel in der Mine, der den Grubenarbeitern anzeigt, dass der Sauerstoff knapp wird. Während der Niedergang des Ölpreises zunächst ein Übermaß an Angebot signalisierte, treiben jetzt die Sorgen über die chinesische Wirtschaft sowie über den weltweiten Wirtschaftsverlauf die Rohwarenpreise nach unten. Die Nachfrage nach Erdöl soll zwar steigen, aber trotz den niedrigen Preisen schwächer als im vergangenen Jahr. Außerdem wird darüber diskutiert, ob die USA in eine Rezession schlittern. So gerät der Ölpreis in den Strudel einer allgemein schlechten Stimmung an den Finanzmärkten.

Es kommt hinzu, dass laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) der Konsum in den Netto-Importländern weniger stark zugelegt hat als zu früheren Zeiten einer starken Erdölpreisbaisse. Das dank tiefen Energiepreisen gesparte Geld wird auf die Seite gelegt oder dazu genutzt, Schulden zurückzuzahlen. Zudem dürfte der belebende Effekt niedriger Preise derzeit unterschätzt werden, weil die Streichorgien bei den Investitionen in der Branche und die Reaktionen in den erdölexportierenden Staaten unmittelbar sind, die positiven Auswirkungen auf die Konsumenten und die energieverbrauchenden Unternehmen hingegen nur langsam durchsickern. Die Diskussion zeigt auch, dass begierig nach neuen Finanzkrisen und deren Ursachen gesucht wird.

In dieser Hinsicht würde der niedrige Erdölpreis gar die Prophezeiungen überholen, dass die wegen der Klimapolitik nicht mehr verbrennbaren fossilen Energieträger die Erdöl- und Erdgasunternehmen und die Finanzmärkte ins Verderben stürzen würden. Der Anteil der Energiebranche am Gesamtvolumen der Finanzmärkte ist zwar gering, dennoch lässt sich ein Funkensprung nicht gänzlich ausschließen. Der Erdölpreis ist wohl nur der Überbringer schlechter Konjunkturnachrichten, aber nicht die Ursache.

Ölpreisanstieg unwahrscheinlich

Die Internationale Energieagentur (IEA) geht nicht davon aus, dass sich der Erdölpreis kurzfristig deutlich erholen wird. Das Angebot übersteige die Nachfrage in der ersten Jahreshälfte sogar mehr als im vorangegangenen Monatsbericht angenommen. Die irakische Förderung hat im Januar einen Rekord erreicht, der Iran drängt auf den Markt. Zudem schwächt sich die Nachfrage wegen des langsameren Konjunkturverlaufs ab.


Mehr zum Thema:

Die Schwarzmalerei mit dem Ölpreis
Vier Gründe, warum Öl billig bleibt