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Antrittsalter

Wie sich bei den Pensionen statistisch am besten tricksen lässt

von Leopold Stefan / 11.02.2016

Das wahre Ausmaß der Frühpensionen bestimmt den Reformeifer in der Politik. Mit welchem Alter die Österreicher im Schnitt in den Ruhestand gehen, hängt aber davon ab, wen man fragt. Die intransparente Datenlage führt dazu, dass sowohl Optimisten wie auch Pessimisten mit Tricks zu den gewünschten Daten kommen. Dabei sehen sie den demografischen Wald vor lauter Nachkommastellen nicht.

Im Vorfeld des Pensionsgipfels ringen die Regierungsparteien darum, den Handlungsbedarf bei der Altersvorsorge zu ihren Gunsten auszulegen. Auf semantischer Ebene hat die ÖVP bereits nachgegeben und verlangt keine Pensionsautomatik mehr, sondern spricht nur noch von Nachhaltigkeit und Stabilitätsfaktoren. Dieser Begriff hat auf Seiten der Sozialdemokratie die Angst ausgelöst, ein kaltherziger Roboter würde künftig die Renten festlegen.

Ob Automatik oder Nachhaltigkeitsfaktor, egal wie man es nennt, es geht um die Aufgabe, das Pensionsantrittsalter oder die Leistungen an die steigende Lebenserwartung anzupassen, um dem demografischen Wandel Rechnung zu tragen. Die alternde Gesellschaft verschärft zwar die finanzielle Belastung für das Pensionssystems, die Politik hat aber durchaus noch Spielraum gegenzulenken.

Bevor man das gesetzliche Antrittsalter, das derzeit bei 65 für Männer und 60 für FrauenDas gesetzliche Antrittsalter für Frauen wird ab 2024 schrittweise auf 65 angehoben. liegt, erhöht, gäbe es genügend Nachholbedarf, das faktische Antrittsalter zu erhöhen, indem weniger Österreicher in Frühpension geschickt werden. Statistische Tricks sollen dabei die jeweilige Position untermauern.

Keine einheitlichen Zahlen

Allerdings herrscht keine Einigkeit darüber, wie hoch das faktische Pensionsantrittsalter in Österreich tatsächlich ist. Je nach Berechnungsmethode ergibt sich ein positives oder negatives Bild der jüngsten Entwicklung. Die Methode der OECD etwa, die vor allem die bestmögliche internationale Vergleichbarkeit der Daten anstrebt, berechnet das durchschnittliche Alter des Austritts aus dem Arbeitsmarkt. Das komplexe VerfahrenDie OECD-Experten betrachten nur Erwerbstätige über 40 und schätzen das durchschnittliche Austrittsalter aus dem Arbeitsmarkt anhand der Beschäftigungsquoten in synthetischen Fünf-Jahres-Kohorten. führt dazu, dass die Ergebnisse von den nationalen Statistiken abweichen. Laut OECD traten im Jahr 2014 in Österreich Männer effektiv mit 62,2 Jahren und Frauen mit 60,2 Jahren in den Ruhestand. Laut nationaler Statistik lag das durchschnittliche Antrittsalter bei 60,8 für Männer und 58,6 für Frauen. Darunter fallen sowohl die gewöhnliche Alterspension als auch die Frühpensionierung auf Grund von Invalidität oder Erwerbsunfähigkeit.

Die Tricks der Optimisten

Im vergangenen Dezember verkündete das Sozialministerium, dass das durchschnittliche Antrittsalter 2015 von 59,6 im Jahresvergleich auf 60,2 gestiegen sei. Diese Tendenz dient seither als Vorwand, keine weiteren Maßnahmen setzen zu müssen, da die Pensionen bereits nachhaltig gesichert seien. In dieser Berechnung gehen jedoch die zunehmenden Rehabilitationsgeldbezieher unter, die früher eine Invaliditätsrente bezogen hätten.

Seit 2014 betreut das Gesundheitssystem jene Erwerbsnehmer unter 50, die unfall- oder krankheitsbedingt ausfallen. Wer also früher eine befristete Invalidenpension erhielt, bekommt stattdessen ein Rehabilitationsgeld. Diese international übliche und vernünftige Umstellung soll betroffene Arbeitnehmer nicht auf das Abstellgleis der Pensionierung stellen, sondern über Rehabilitationsmaßnahmen den Wiedereinstieg in das Berufsleben ermöglichen. Somit fällt jene Gruppe, die am frühesten in Pension ging aus der Statistik. In Folge steigt das faktische Antrittsalter. Daher müssten Reha-Geld-Bezieher miteinbezogen werden, um einen mehrjährigen Trend beim Antrittsalter zu bestimmen.

Die Tricks der Pessimisten

Um den vermeintlich wahren Sachverhalt darzustellen, kolportierte Die Presse eine Berechnung nicht näher identifizierter Experten, die zeigen, dass unter den ASVG-Pensionisten (Arbeiter und Angestellte) – daher ohne Beamte, Eisenbahner, Bauern und Selbständige – das effektive Pensionsalter von 58,7 auf 58,6 Jahre gesunken ist. Auch Finanzminister Hans Jörg Schelling hatte am Dienstag im Budgetausschuss gesagt, dass das faktische Antrittsalter leicht sinke, wenn man die Rehabilitationsgelder berücksichtige.

Manfred Felix, Obmann der Pensionsversicherungsanstalt dementierte diese Berechnung. Im Gegenteil, das Antrittsalter bei ASVG-Pensionen würde auch dann steigen, wenn die Bezieher von Rehabilitationsgeldern einbezogen würden. Das gehe aus einem Zwischenergebnis hervor, genaue Zahlen konnte Felix noch nicht vorlegen.

Egal welche Berechnung man heranzieht, eine minimale Verschiebung bei ASVG-Pensionen sagt alleine nichts Endgültiges über die Gesamtentwicklung der Pensionsantritte aus. Der offiziell zelebrierte Anstieg auf – im internationalen Vergleich miserable – 60,2 Jahre betrifft schließlich alle Pensionen, mit Ausnahme der Beamten, die in einem statistischen Paralleluniversum existieren.

Der Anteil der Invaliditätspensionen unterscheidet sich deutlich nach Bezugsgruppen. Das ist ein Hinweis, dass auch die Reha-Gelder unterschiedlich verteilt sind. Die ASVG-Pensionen machen zwar die große Mehrheit aller Rentenbezieher aus, aber selbst kleine Abweichungen bei den anderen Gruppen können zu einem gegenteiligen Ergebnis führen und das Antrittsalter im Jahresvergleich erhöhen.

Haarspalterei blockiert den Reformeifer

Die statistischen Tricks von Befürwortern und Gegnern einer tiefergreifenden Pensionsreform bringen zwei Probleme ans Licht:

Zum einen führt das unnötig komplexe Sozialsystem dazu, dass unvergleichbare und oftmals nicht öffentlich zugängliche Daten sinnvolle Aussagen unmöglich machen. Zum Beispiel fehlen bei dem jüngsten Schlagabtausch um das faktische Antrittsalter die Beamtenpensionen. Im Jahr 2014 trat weniger als ein Viertel im Bundesdienst im gesetzlichen Antrittsalter von 65 in Ruhestand. Das faktische Antrittsalter der Beamten lag mit 60,9 Jahren. Für die Belastung des Pensionssystems spielt es keine Rolle, aus welchem Topf die lebenslange Rente stammt.

Zum anderen geht es beim langfristigen demografischen Trend sowie den wachsenden Pensionsausgaben nicht um die Nachkommastelle, die entscheidet, ob das faktisch niedrige Antrittsalter leicht gestiegen ist oder eben nicht.

Die Berechnungstricks ändern aber wenig daran, dass an einer umfangreichen Pensionsreform nichts vorbeiführt.