Woods Wheatcroft / Keystone

Nachhaltigkeit und Wirtschaft

Wie sich die amerikanische Stadt Portland Grenzen auferlegt und trotzdem wächst

von Christiane Hanna Henkel / 08.09.2016

Die US-Stadt Portland und ihre Menschen geben sich umweltbewusst, sozial gerecht und dennoch wirtschaftsfreundlich. Ein Spagat, der für viele keiner ist, für einige aber doch zu weit geht.

Der von dichten Wäldern gesäumte Columbia River ist an dieser Stelle mehrere hundert Meter breit. Die Sonne spiegelt sich in den Wellen, die der Wind an diesem Sommermorgen über den Fluss tänzeln lässt. Am Horizont ragt der schneebedeckte Vulkan Mt. Hood in den blauen Himmel. „Als der Schöpfer uns hierhergebracht hat, da hat er mit den Tieren und Pflanzen gesprochen und sie gebeten, sich um uns zu kümmern“, erklärt Johnny Jackson, Häuptling der Cascade-Indianer. „Damals haben die Lachse im Fluss dem Schöpfer versprochen, uns zu ernähren. Und wir haben den Lachsen versprochen, nur so viele zu nehmen, wie wir brauchen.“ Lange habe man so in gegenseitigem Respekt mit der Natur gelebt: bis der weisse Mann gekommen sei.

Damit meint Jackson die Siedler, die im 19. Jahrhundert vom Mittleren Westen an die Westküste nach Oregon gekommen waren. Die Fahrrinnen, die ihre Planwagen in den Kalkstein gemahlen haben, sind noch heute unweit von Jacksons Wohnort entlang des Columbia River zu sehen. Der Oregon-Trail brachte Handel, Industrie und Fortschritt, aber auch unzählige Staudämme für die Stromversorgung. Und brachte damit die Lachse in Gefahr.

Natur als Stärke einer Stadt

Die in der Nähe gelegene Grossstadt Portland ist heute eines der wichtigsten Wirtschafts- und Industriezentren an der Westküste der USA. Lange wurde hier das Wachstum der Industrie priorisiert. Doch mit dem Niedergang vieler Industriezweige begann Portland, sich auf seine Stärken zu konzentrieren, und dazu gehört vor allem die Natur. Bereits Ende der 1970er Jahre beschloss die Stadt, sich selbst Grenzen zu setzen. Ausserhalb der damals fixierten Stadtgrenzen durften und dürfen noch heute keine neuen Wohn- oder Industriesiedlungen errichtet werden. Und Anfang der 1990er Jahre war Portland – oder genauer gesagt der Verwaltungsbezirk Multnomah County – die erste Stadt in den USA, die sich eine Reduzierung der Emission von Treibhausgasen zum Ziel setzte.

Im Vergleich mit vielen anderen amerikanischen Städten mit eintönigen Siedlungen von Einfamilienhäusern am Rand und Bürohochhäusern im Stadtkern ist Portland heute eine Oase an Lebensqualität. Ehemalige Industrieviertel wurden in gemischte Wohn- und Arbeitsquartiere umgewandelt. Durch die Stadt führen Fahrradwege und öffentliche Verkehrsmittel. Restaurants, Buchhandlungen und Cafés prägen das Stadtbild. Sie sind ein Trumpf im Wettbewerb mit anderen Städten um gut ausgebildete und wohlhabende Bürger. Und das Ziel ist, möglichst gute Rahmenbedingungen für das Gedeihen zukunftsträchtiger Wirtschaftszweige zu schaffen. Portland ist dabei eine preisgünstigere Alternative zum Silicon Valley. San Francisco liegt nur zehn Fahr- oder zwei Flugstunden entfernt. Heute wohnt in Portland mit 2,6 Millionen Menschen bereits ein Drittel mehr als noch Anfang der 1990er Jahre.

Dreiräder statt Lastwagen

Auf seine Geschäftsidee war Franklin Jones während einer Weltreise gekommen. Mehrere Jahre lang hatte der Jungunternehmer auf zwei Rädern Asien und Europa durchquert und gesehen, dass das Fahrrad – anders als in den USA, wo noch heute der Primat des Autos herrscht – oft das bevorzugte Transportmittel ist. Zurück in den USA, gründete er 2009 die Firma B-Line Urban Delivery, ein auf Dreirädern spezialisiertes Logistikunternehmen. Die Bauern und Lebensmittelproduzenten aus der Region bringen ihre Waren in die Firmenzentrale von B-Line in der Innenstadt, und von dort aus fahren Jones‘ sechzehn Angestellte mit acht Dreirädern frisches Gemüse und Obst und die lokalen Spezialitäten zu den Restaurants und Geschäften Portlands. Damit gibt es in der Innenstadt weniger Verkehr, als wenn jeder Bauer mit seinem eigenen Lieferwagen auslieferte.

Der Firmensitz von B-Line ist in einem Industriegebäude untergebracht, das früher als Giesserei gedient hat. Das Gebäude wird derzeit von der Nonprofitorganisation Ecotrust zu einem Ort für Kleinunternehmen umgebaut. In „The Redd on Salmon Street“, so heisst das Gebäude in Anspielung auf seine Lage an der Lachsstrasse („Salmon Street“) und auf das Nest der Lachse („Redd“), wird es künftig auch einen Kühlraum geben. Dort kann dann Fleisch und Fisch zwischengelagert werden, was die Distribution erleichtert.

Ecotrust will mit dem „Lachsnest“ Firmen fördern, die dazu beitragen, dass die Wirtschaft aus dem Umland (wie Produzenten lokaler Spezialitäten) mit jener der Stadt (wie Restaurants) verbunden wird. Es soll dabei jenen Unternehmen der städtische Markt geöffnet werden, die für den Direktverkauf an Wochenmärkten im Umland zu gross geworden sind und grössere Mengen absetzen wollen.

Jones ist es nicht nur wichtig, einen unternehmerischen und gewinnorientierten Beitrag zur Bildung eines regionalen Marktes zu leisten. Sondern er setzt sich auch soziale Ziele, was sich in der Bezahlung der Mitarbeiter und deren Arbeitskonditionen niederschlägt. Der Unternehmer hat seine Firma als eine sogenannte „B Corp“ registrieren lassen, ein von der Vereinigung B Lap vergebenes Gütesiegel. Dieses erhalten nur Firmen – zu ihnen zählen etwa das Bekleidungsunternehmen Patagonia und der mittlerweile von Unilever übernommene Eiscrèmehersteller Ben & Jerry’s –, die bestimmte Kriterien in Bereichen wie Umwelt, Soziales, Mitarbeiterbeteiligung und Transparenz erfüllen. Portland hat in den vergangenen Jahren viele solcher B-Corp-Unternehmen angezogen, darunter auch die lokale Bierbrauerei Hopworks Urban Brewery. Die ist zudem die erste Brauerei, die das Gütesiegel „Salmon Safe“ erhalten hat; die hinter dem Siegel stehende Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, die Wassernutzung im Nordwesten der USA so zu gestalten, dass die für die Region so wichtigen, im Pazifik lebenden und in den Flüssen des Nordwestens laichenden Lachse bessere Lebensbedingungen vorfinden.

Die atemberaubende, die Stadt umgebene Natur hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Sport- und Freizeitkonzerne angezogen. Sie finden mit den vielen Bergen, Seen, wilden Flüssen und der Pazifikküste ideale Bedingungen, um ihre Produkte zu testen; die intakte Natur ist überdies ein Standortfaktor, wenn es um die Anwerbung von Mitarbeitern geht. Mit dem Sportartikelhersteller Nike beheimatet das angrenzende Beaverton seit Jahrzehnten einen der grössten Konzerne der USA.

Das Sport- und Freizeitbusiness

Auch die Ende der 1930er Jahre von jüdischen Immigranten gegründete Columbia Sportswear hat ihren Hauptsitz in Portland. Die Nordamerika-Zentrale des deutschen Nike-Konkurrenten Adidas liegt ebenso hier wie das Büro der kleinen Zürcher Schuhmarke On und das Innovationszentrum von Under Armor. Ausser der verarbeitenden Industrie ist die Softwarebranche ein wichtiger Arbeitgeber; Intel beschäftigt in Portland fast 20 000 Mitarbeiter. Der grösste Arbeitgeber der Stadt hingegen ist der Gesundheitssektor, und dort werden, so prognostizieren es die lokalen Behörden, auch in den nächsten Jahren die meisten neuen Stellen entstehen.

In den nächsten zwei Jahrzehnten werden laut Schätzung der Stadt rund eine halbe Million neue Bürger nach Portland ziehen. Die Bewältigung des Transport- und des Wohnungsbedarfs stellt die Stadt vor enorme Herausforderungen, nicht zuletzt, weil sie sich geografisch nicht ausdehnen kann. „Density“ oder Verdichtung heisst denn auch das Schlagwort bei der Stadtplanung.

Vor diesem Hintergrund hatte die Stadt in grosser Weitsicht einen auch architektonisch bemerkenswerten Fahrstuhl gebaut; die Architektur stammt vom Zürcher Büro AGPS und die zwei wie Luftblasen anmutenden Kabinen vom Berner Unternehmen Gangloff. Der Lift verbindet den unten am Fluss auf einem ehemaligen Industrieareal entstehenden Stadtteil Southwaterfront mit dem oben am Berg gelegenen imposanten Komplex der Oregon Health and Science University (OHSU), des städtischen Betreibers von Krankenhäusern, medizinischen Forschungs- und Lehreinrichtungen mit 15 000 Angestellten und 38 000 Studenten. Rund 10 000 Menschen nutzen das Portland Aerial Tram täglich. Die Entlastung für die Strassen, die zum OHSU-Komplex auf den Berg führen, ist enorm. Zudem ermöglicht es der Lift, dass die OHSU ihr Wachstum mit dem Bau neuer Einrichtungen unten am Fluss fortsetzen kann; auf der Bergkuppe waren die Expansionsmöglichkeiten ausgeschöpft.

Zeitdimensionen des Denkens

Nachhaltigkeit, deren man sich in Portland überall gerne rühmt, ist freilich relativ. Selbst eine Stadt wie Portland hat etwa durch die zahlreichen Dämme im Columbia River, deren Laufwasserkraftwerke die Stadt mit Strom versorgen, ihre Spuren in der Natur hinterlassen. Und für den Häuptling der Cascade-Indianer geht alles das, was die Unternehmen und die Stadt Portland für die Umwelt und die Lachse tun, nicht weit genug. Jacksons Zuhause liegt ein paar Meter vom Flussufer entfernt. Gleich hinter der Bahnlinie haben sich im armseligen Örtchen Underwood ein Dutzend Familien seines und anderer Stämme angesiedelt. Alte Pick-up-Trucks mit Fässern für die Fische auf den Ladeflächen stehen herum. Netze liegen verstreut auf dem Boden, zwischen dem Müll streunen Hunde umher.

Häuptling Jackson sitzt auf einem alten Hocker vor seinem Wohnwagen. Und dann erzählt er wieder von den Lachsen, deren Bedeutung im Alltag seiner Sippe und den Ritualen, mit denen er und sein Stamm den Fisch ehren. Seine Erzählungen gehen irgendwann im Donner eines vorbeifahrenden, nicht enden wollenden Güterzugs unter. Es ist ein Zug der Eisenbahngesellschaft BNSF (The Burlington Northern and Santa Fe Railway), die zum Konzern des Milliardärs Warren Buffett gehört. In einem unermüdlichen Rhythmus bringen Züge Erdöl aus den boomenden Fördergebieten im Bakken-Feld in North Dakota auf Schienen den Columbia River entlang in die Raffinerien an der Westküste.

Nein, er stehe nicht auf verlorenem Posten, entgegnet Jackson auf eine entsprechende Frage und erklärt in ruhigen Worten seine Vision von Zeit und Nachhaltigkeit: „Wir Cascade-Indianer denken sieben Generationen im Voraus. Das sind mehr als 200 Jahre. Und wenn ich eines Tages vor meinem Schöpfer stehe, dann muss ich ihm erklären, was ich unternommen habe, damit die sieben Generationen nach mir an diesem Fluss in Ruhe und Harmonie mit den Lachsen leben können.“