Bild: SVEN TORFINN / LAIF

Effiziente Entwicklungshilfe

Wieso Menschen Geld schenken, wenn man in sie investieren kann?

von Markus Städeli / 01.01.2016

Unternehmertum zu fördern, ist die effizienteste Form der Entwicklungshilfe. Die Stiftung BPN ermöglicht entsprechende Patenschaften.

Eine Begegnung hat Alice Nkulikiyinka veranlasst, ihre erfolgreiche Karriere hinzuschmeißen und neue Wege zu gehen. 2005 hörte die Wirtschaftsinformatikerin den Unternehmer Jürg Opprecht – in dessen Portfolio sich etwa das Fünfsternehotel Lenkerhof befindet – über dessen Stiftung BPN reden. Sie fördert Unternehmer in armen Ländern.

„Ich bin fast vom Stuhl gefallen“, sagt Nkulikiyinka. Die gebürtige Ruanderin, die auf eine internationale Karriere bei den Schweizer IT-Unternehmen Telekurs (heute SIX Group) und Avaloq zurückblicken kann, ging schnurstracks auf Opprecht zu und fragte ihn, ob es nicht möglich wäre, auch ruandische Unternehmer zu fördern. „Es war genau, was ich wollte“, sagt Nkulikiyinka, die nichts hält von Almosen. „Ein Land wie Ruanda, in dem 45 Prozent der Bevölkerung 15 Jahre und jünger sind, braucht Firmen und Jobs.“

Eine Art Uber für Motorrad-Taxis

Opprecht reagierte skeptisch, erinnert sich Nkulikiyinka. Doch sie ließ nicht locker, suchte während Jahren den Kontakt zu Opprecht und fädelte Treffen mit der ruandischen Botschaft in Genf ein. Mit Erfolg: BPN entschloss sich schließlich, Ruanda als Projektland aufzunehmen. Nkulikiyinka kündete ihren Job bei Avaloq im Jahr 2011 und heuerte bei BPN in Ruanda an. Auch ihr Mann, ein Universitätsprofessor, gab seine Stelle in der Schweiz auf und zog mit um nach Kigali.

Der Zeitpunkt war günstig: Nicht nur befand sich die Infrastruktur nach dem Völkermord wieder in recht gutem Zustand: Die Regierung erklärte die Anschubhilfe für Unternehmer zu einer Priorität. Allerdings zeigte sich schnell, dass das Rezept von Ruanda, die Kreditschleusen für alle mit einer Geschäftsidee zu öffnen, fehlschlug.

„Wie überall auf der Welt hat auch in Ruanda nur ein kleiner Teil der Menschen das Zeug zum Unternehmer“, sagt Nkulikiyinka. Zudem konnten viele nicht mit dem aufgenommenen Geld umgehen. Ein ruandischer Banker habe ihr vor kurzem gesagt, dass rund 80 Prozent dieser mit der Gießkanne verteilten Kredite mittlerweile nicht mehr pünktlich bedient würden. BPN vergibt ebenfalls Kredite an die Unternehmer, die an ihrem Programm teilnehmen, verfolgt aber einen ganz anderen Ansatz: Erstens gehen die Kredite nicht an die Unternehmer selbst, sondern zum Beispiel an den Lieferanten, bei dem sie eine Maschine kaufen. Vor allem aber baut das Programm auf ein rigoroses Coaching der Kandidaten, das mit einer vierjährigen betriebswirtschaftlichen Schulung ergänzt wird.

BPN steht den Unternehmern beratend zur Seite, die einen Businessplan erarbeiten müssen. Zwei jungen Unternehmerinnen, die Schuhe mit afrikanischen Mustern sowie Taschen und Kleider herstellten, sagte Nkulikiyinka: „Wenn ihr an unserem Programm teilnehmen wollt, wäre es besser, wenn ihr euch auf ein marktrelevantes Produkt konzentriert, statt an allen Fronten zu kämpfen.“ Die beiden Frauen haben sich diesen Rat zu Herzen genommen, beschäftigen mittlerweile 13 Mitarbeiter und haben für ihre Schuhe, auf deren Produktion sie sich nun konzentrieren, selbst Anfragen aus Italien und den USA.

Mit 30 Unternehmern, die dieses Jahr für das Vier-Jahres-Programm zugelassen worden sind, hat BPN in Ruanda vorläufig das festgelegte Jahreskontingent erreicht. Mehr Teilnehmer pro Jahr wolle man aus Qualitätsgründen nicht zulassen. Im Programm ist zum Beispiel auch eine Frau, die Apps programmiert und eine Art Uber für Motorrad-Taxis in Kigali geschaffen hat.

Investorenreisen

Während die Familie Opprecht nahezu alle administrativen Kosten in der Schweiz trägt, ist BPN für die KMU-Förderung vor Ort auf Investoren angewiesen. Statt ein Patenkind kann man einen Unternehmer unter seine Fittiche nehmen. Die Sponsoren übernehmen dabei die Schulungs- und Coaching-Kosten von 3.000 Franken per annum während vier Jahren. Das Engagement kann (aber muss nicht) mit einem zinslosen Darlehen während der gleichen Laufzeit verbunden sein. Detaillierte Informationen über die offenen Patenschaften findet man auf der Website der Stiftung.

Die Stiftung organisiert Investorenreisen in ihre Projektländer, damit man sich vor Ort ein Bild machen kann. Nächstes Jahr sind die Mongolei und Ruanda an der Reihe. BPN ist darüber hinaus in Georgien, Kirgistan und Nicaragua tätig.

KMU-Förderung in Entwicklungsländern stößt vor allem bei Menschen auf Interesse, die wie Opprecht, Nkulikiyinka und die anderen Länderchefs von BPN selber einen Business-Hintergrund haben. Sie verstehen aufgrund eigener Erfahrungen, dass Unternehmen, die Gewinne abwerfen und wachsen, viel mehr Menschen als nur dem Firmenbetreiber ein Auskommen bringen. Almosen hingegen sind nicht nachhaltig. Nkulikiyinka, die schon in vielen Weltgegenden gearbeitet hat, formuliert es so: „Was gratis ist, ist nichts wert. Bei BPN in Kigali gibt es gar nichts kostenlos. Auch keine Kurse.“