Wieso Piketty irrt

von Peter A. Fischer / 12.06.2015

Vor Ungleichheit durch steigende Kapitaleinkommen warnt der französische Ökonom Piketty. Doch historische Analysen, Niedrigzinsen und demografische Alterung zeichnen ein ganz anderes Bild, analysiert NZZ-Wirtschaftsressortleiter Peter A. Fischer.

Einst war es Karl Marx’ vermeintliches Gesetz von der abnehmenden Profitrate, die zur Selbstzerstörung des Kapitalismus führen sollte, welches Millionen faszinierte. Nun hat die These des Pariser Wirtschaftswissenschafters Thomas Piketty vom höheren Realzins, der bewirken soll, dass die „Kapitalisten“ immer reicher und die Ungleichheit in entwickelten Gesellschaften gefährlich größer wird, einem Ökonomen immerhin einen millionenschweren Bucherfolg beschert.

Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ trifft ganz offensichtlich einen gesellschaftlichen Nerv. Die vermeintliche Tendenz zur Ungleichheit ist derart zu einem Thema geworden, dass sogar die liberale Zürcher Progress Foundation ihre zusammen mit dem American Institute for Economic Research am Donnerstag in Zürich veranstaltete 40. Economic Conference dem Thema gewidmet hat.

Viel gleicher als früher

Pikettys These besteht im Kern aus der Behauptung, der Realzins auf Kapital sei höher als die Wachstumsrate der Wirtschaft, und die „Kapitalisten“ würden im Vergleich zum Rest der (arbeitenden) Bevölkerung immer reicher und das Vermögen immer ungleicher verteilt. Deshalb müssten Kapital und Vermögen sehr hoch besteuert werden. Dazu präsentiert Piketty eine umfangreiche Datensammlung. Doch genauer betrachtet zeigt diese erstens, dass der für das 21. Jahrhundert stipulierte Trend zu einer überproportionalen Zunahme der Kapitalvermögen fast ausschließlich auf stark steigende Häuserpreise zurückzuführen ist, wie Professor David Henderson von der Hoover Institution an der Stanford University ausführte.

Zweitens präsentiert sich der seit 1970 in einigen entwickelten Ländern beobachtete leichte Anstieg der Anteile am Gesamtvermögen der reichsten zehn Prozent der Bevölkerung in einem ganz anderen Licht, wenn man die Daten in einer längeren Perspektive betrachtet. Wie Karl-Heinz Paqué von der Universität Magdeburg ausgeführt hat, zeigen Pikettys Daten sowohl für Frankreich wie auch für Großbritannien, Schweden und die USA, dass die Vermögensverteilung zwischen 1810 und 1910 sehr viel ungleicher war als heute. Die Große Depression und die Weltkriege führten dann zu einer sehr viel gleicheren Vermögensverteilung, was sich bis heute nur gering verändert hat.

Falsche Fährten

Auch theoretisch führt Pikettys „Gesetz“ vom immer höheren Anteil der Kapitalerträge auf fast schon absurd falsche Fährten. Das heutige Niedrigzinsumfeld zeigt, dass hohe Kapitalerträge alles andere als eine Gesetzmäßigkeit sind. Institutionelle Probleme und mangelnde Reformen haben zu einem starken „Überhang“ an Ersparnissen im Vergleich zu wenig riskanten Investitionsmöglichkeiten geführt. Das drückt die Realzinsen auf historisch niedrige Niveaus. Auch die Alterung entwickelter Gesellschaften trägt dazu bei.

Völlig außer acht lässt Piketty, dass der demografische Wandel die relativen Knappheiten verändert. Arbeitskräfte werden insgesamt relativ knapper und Kapital reichlicher verfügbar, weshalb der Anteil der Arbeitseinkommen an der Vermögensbildung wachsen dürfte.

Gänzlich in die Irre führt schließlich Pikettys ideologische Fixierung auf die Verteilungsfrage. Damit es den ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung auch in Zukunft deutlich besser geht – wie dies in den vergangenen Jahrzehnten eindeutig der Fall war –, braucht es ein nachhaltiges Wachstum. Eine durch Umverteilung erzwungene gleichmacherische Einkommens- und Vermögensverteilung stünde genau dem entgegen, da sie Leistung hemmt und Anreize falsch setzt.