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Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl

„Wir erleben eine hervorragende Krise“

von Thomas Fuster / 11.10.2016

Albrecht Ritschl gehört zu den bekanntesten Wirtschaftshistorikern. Sein Rat ist gefragt, erst recht seit Ausbruch der Finanzkrise. Seinen Beruf erachtet er oft als Selbstquälerei.

Gehorsam kann der Karriere schaden. Das zeigt der Lebensweg von Albrecht Ritschl. Hätte der Wirtschaftshistoriker als junger Assistent in München auf den Rat von Hans-Werner Sinn – schon damals ein durchaus respektheischender Ökonom – gehört, wäre vieles anders gekommen. Denn Sinn wollte dem Nachwuchsforscher die Idee aus dem Kopf treiben, auf das Fach der Wirtschaftshistorie zu setzen. In dieser Disziplin, so die Warnung, würden in den kommenden acht Jahren nur zwei Lehrstühle frei, einer an der Universität Zürich, der andere an der Humboldt-Universität Berlin. Auf diese zwei Stellen zu setzen, sei viel zu riskant. Doch Ritschl hörte nicht auf den professoralen Rat, entschied sich gegen eine Habilitation bei Sinn – und eroberte Jahre später zuerst den Lehrstuhl in Zürich, dann jenen in Berlin.

Eine Disziplin im Boom

Welche Wende sein Leben als Habilitand von Sinn genommen hätte, muss offenbleiben. Klar ist, dass sich für Ritschl das Risiko, auf eine Disziplin zu setzen, die noch vor wenigen Jahrzehnten an den meisten Universitäten ein Mauerblümchendasein fristete, ausbezahlt hat. Der 1959 in München geborene Forscher zählt heute als Wirtschaftshistoriker zu den international wichtigsten Stimmen seines Fachs. Auf die Professuren in Zürich und Berlin folgte 2007 der Wechsel an die renommierte London School of Economics (LSE), wo er noch heute lehrt. Seine Fachkompetenz ist gefragt, etwa als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim deutschen Bundeswirtschaftsministerium. Doch auch an Veranstaltungen ausserhalb politischer und akademischer Zirkel ist Ritschl ein gerngesehener Redner, der die Lehren der Geschichte kurzweilig vorzutragen weiss.

Das Treffen mit Ritschl findet denn auch am Rande einer Investorenkonferenz in Zürich statt, wo er das Tiefzinsumfeld historisch einordnet. Sein Telefon läutet seit Ausbruch der Finanzkrise immer häufiger. Ja, seine Zunft erlebe eine gute, eine hervorragende Finanzkrise, scherzt Ritschl. „Die Krise ist zu einem Beschäftigungsprogramm für Finanzhistoriker geworden.“ Dass er sich zu Beginn der Turbulenzen mitunter etwas überrumpelt fühlte vom grossen Interesse, verheimlicht er nicht. Die Konversation mit Journalisten sei damals stets gleich abgelaufen: „Ich fragte: Warum ruft ihr mich an? Ich weiss doch auch nicht, was los ist. Ruft bei den Ökonomen an. Dann hiess es: Die Ökonomen nehmen das Telefon nicht ab, die haben sich unter dem Tisch versteckt. Sagen Sie uns, was los ist, ist das ein zweites 1929, droht eine Depression?“

Die Anekdote verdeutlicht zweierlei: Erstens hat Ritschl den Humor seiner britischen Wahlheimat längst verinnerlicht. Zweitens erlebt die Zuwendung zur Historie seit Jahren einen eigentlichen Boom; selbst populäre Zeitschriften sind voll von solchen Artikeln. Auch die Wirtschaftsgeschichte blickt laut Ritschl auf eine stürmische Entwicklung zurück. Sie gehöre zu den grossen Gewinnern der vergangenen 10 bis 15 Jahre. Das habe diverse Gründe, etwa den Aufstieg einer neuen Forschergeneration, die Wiederaufwertung statistischer Methoden, die für historische Anwendungen geeignet seien, die Eruierung natürlicher Experimente in der Geschichtsforschung und die Verabschiedung der Ökonomie von den einfachen Vorstellungen des neoklassischen Modells mit eindeutigen Gleichgewichten, bei denen die Geschichte eher einen Störfaktor darstelle.

Selbstquälerische Studien

Dass der Rat von Ritschl gefragt ist, hat auch mit seinen Forschungsschwerpunkten zu tun. Dazu gehören die ökonomischen Rahmendaten der Weimarer Republik und des Dritten Reiches. Mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre ist Ritschl daher ebenso vertraut wie mit den Greueltaten des Nazi-Regimes. Er habe einen „von Selbstquälerei nicht ganz freien Berufsweg“ gewählt, meint Ritschl. Jeden Tag mit solchem Material zu arbeiten, könne traumatisieren. Ein Beispiel: Unlängst habe er Akten eines interministeriellen Ausschusses studiert, in denen es um die Frage ging, wer die Deportationszüge nach Auschwitz bezahlen müsse. Der Ausschuss kam zum Schluss, die Kosten den besetzten Ländern aufzubürden. „Die okkupierten Staaten mussten also für die Deportation ihrer eigenen Juden zahlen.“

Es ist dies nur eines von vielen Beispielen für die „Buchhaltung des Bösen“, deren Saldierung dem Forscher bisweilen auch schlaflose Nächte bereitet. Noch zu Zürcher Zeiten hat Ritschl eine umfassende Steuer- und Ausgabenstatistik des Dritten Reiches erstellt. Der neutrale Boden der Schweiz sei dafür ideal gewesen, da man nicht ständig von Schauplätzen dieser Epoche umgeben gewesen sei. Ohnehin sei der Posten in Zürich damals eine Traumstelle gewesen. So habe er eine Universität in einem rasanten Wandel erlebt, an der ein weit offenerer Kommunikationsstil herrschte, als er dies von deutschen Fakultäten gewohnt war. Zudem – und dies als kleine Genugtuung – konnte er mit seinem Wechsel manchem kritischen Kollegen zeigen, dass sich Wirtschaftshistorie und Karriere eben doch nicht gegenseitig ausschliessen.