Christoph Fischer

EZB-Direktoriumsmitglied Sabine Lautenschläger:

„Wir hebeln nicht die Marktwirtschaft aus“

von Peter A. Fischer / 17.05.2016

Sie ist in verschiedener Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: Sabine Lautenschläger ist nicht nur die einzige Frau im sechsköpfigen Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB), sondern auch die Einzige, die sowohl im für die Vorbereitung geldpolitischer Entscheidungen verantwortlichen EZB-Direktorium sitzt als auch in der Europäischen Bankenaufsicht eine leitende Funktion innehat.

Dies, obwohl gerade sie sich immer für eine Trennung von Bankenaufsicht und Geldpolitik ausgesprochen hat. Die prinzipiell denkende Juristin will das aber nicht als Paradox sehen, sondern als Konsequenz davon, dass es in der Praxis manchmal gilt, unideologisch Lösungen zu finden, um den Prozess in die richtige Richtung voranzubringen. Nun sage sie halt öfters: „Aus der Sicht der Bankenaufsicht …“, oder: „Aus der Sicht der Geldpolitik …“, erzählt die stellvertretende Vorsitzende des Einheitlichen Aufsichtsmechanismus (Single Supervisory Mechanism, SSM) bei der EZB am Rande des Luzerner Europaforums.

Aufsicht verstehen und erklären

Sabine Lautenschläger hat in zwei Jahrzehnten Bankenaufsicht schon einige Wechsel vollzogen, die sie nicht als Rollentausch, sondern als Entwicklungen sehen will. Nach zehn Jahren Studium und dem zweiten Staatsexamen begann die Juristin ihre berufliche Karriere 1995 im damaligen Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen, „weil ich mich immer schon für wirtschaftliche Zusammenhänge interessiert habe“. Als man ihr beim Bewerbungsgespräch erzählte, man suche jemanden für die direkte Aufsicht großer und kleiner Banken, die international und national ausgerichtet seien, habe sie sich gedacht: „Das ist es!“

Bis heute war es offenbar die einzige Stelle, auf die sich die humorvoll und unkompliziert wirkende Rheinländerin aktiv beworben hat. Ihre kommunikativen Fähigkeiten stärkte nach vier Jahren technischer Aufsichtstätigkeit eine neue Rolle als Pressesprecherin. Während sechs Jahren baute sie die Öffentlichkeitsarbeit und die interne Kommunikation des Amtes und ab 2002 der integrierten deutschen Finanzmarktaufsicht Bafin auf. Gereizt habe sie die Herausforderung, Finanzmarktaufsicht erklären zu müssen, erinnert sie sich. Dabei habe sie viel gelernt. Das gefiel wohl auch dem damaligen Bafin-Präsidenten Jochen Sanio, der ihr 2005 die Leitung der deutschen Großbankenaufsicht antrug. 2008 übernahm Lautenschläger dann die Leitung der Bankenaufsicht insgesamt; 2011 wechselte sie als Vizepräsidentin zur Deutschen Bundesbank und 2014 schließlich zur EZB.

Eindeutig gezeigt hat sich für Lautenschläger, dass die Bankenaufsicht vor der Finanzkrise zu schwach und zu wenig präventiv ausgerichtet war. Man habe eigentlich erst eingreifen dürfen, wenn der Schaden schon beweisbar war. Lautenschläger bedauert auch offen, dass in Sachen Konsolidierung der europäischen Bankenlandschaft bis heute nicht noch mehr passiert ist. Aber für sie gibt es kein Weiß und Schwarz, wie sie betont.

Die Widerstandsfähigkeit des europäischen Bankensystems habe enorm zugenommen, die Finanzinstitute hielten heute viel mehr und besseres Eigenkapital und müssten Liquiditätsvorschriften beachten, das Risikomanagement habe sich extrem verbessert. Klar ist für Lautenschläger auch, dass die Aufsicht Erträge zwar nicht generieren kann, aber ein normales Bankgeschäft auch nicht verunmöglichen soll. So sei es auch nicht Aufgabe der Aufsicht, Geschäftsmodelle vorzugeben und Strukturpolitik zu erzwingen. „Wir hebeln nicht die Marktwirtschaft aus.“

Für eine deutsche Juristin nicht ganz selbstverständlich wirbt Lautenschläger für ein prinzipienbasiertes Vorgehen. Das Bankgeschäft entwickle sich viel zu schnell, als dass man es mit detaillierten Regeln oder einer etablierten Rechtsprechung erfassen könne. Lautenschläger versucht offensichtlich immer wieder, ihr Blickfeld zu erweitern. Mit der französischen SSM-Vorsitzenden Danièle Nouy hat sie abgemacht, dass diese sich den deutschen Banken und Lautenschläger den französischen widmet.

Überzeugte Europäerin

Mit dem heutigen Zustand der Eurozone ist Lautenschläger nicht zufrieden. Sie macht auch kein Hehl daraus, dass sie nicht mit allen Entscheidungen des EZB-Rats glücklich war und sich in der Tradition der Bundesbank manchmal weniger Krisenpolitik und mehr Fokus auf die mittel- bis längerfristigen Folgen wünscht. Keinen Zweifel lässt sie aber daran aufkommen, dass sie eine überzeugte Europäerin ist. Ihre Eltern flüchteten nach dem Krieg aus Ostdeutschland und erklärten ihr schon früh die Bedeutung eines geeinten, friedlichen Europa.

Der Euro sei nicht das Problem, es brauche jetzt einen genügend langen Atem. Der Integrationsprozess müsse weiter vorangetrieben werden; nicht nur in Form von mehr Risikoteilung, sondern auch von mehr Kontrolle. Die erst 47-jährige umgängliche Deutsche scheint dazu noch einiges beitragen zu wollen.