KEYSTONE/Walter Bieri

Pensionen

Wir wissen, wer an der Pensionsmisere schuld ist – und es ist nicht Madonna

Meinung / von Lukas Sustala / 08.02.2016

Die Queen of Pop hat nichts mit den ausufernden Ausgaben für das Pensionssystem zu tun. Das war dann doch die Vorliebe der heimischen Wirtschaftspolitik für die Vogel-Strauß-Taktik. 

Was hat das österreichische Pensionssystem mit einem US-amerikanischen Popstar zu tun?

Wie soll das gegangen sein, fragt sich der interessierte Leser. Ist das österreichische Pensionssystem in Schieflage, weil die Menschen zu viel Geld in die Musik und Konzerte der „Queen of Pop“ gesteckt haben? Oder hat Madonna gar armen Pensionisten mit einem Pyramidenspiel das Geld aus der Tasche gezogen?

Mitnichten. Das Cover der Wochenillustrierten News verspricht etwas, was nicht eingehalten werden kann. Die Queen of Pop Madonna kann nichts dafür, dass die in der  Vergangenheit „wohlerworbenen Rechte“ in Form hoher Pensionsansprüche in ihrer aktuellen Form künftig kaum von den Pensionsbeitragszahlern gestemmt werden können.

Was an den blondierten Haaren herbeigezogen wirkt, hat im Kern folgendes Argument: Die Generation der Baby Boomer, der zufällig eben auch Madonna angehört, geht so langsam in Pension. Den Namen Boomer tragen in ÖsterreichDer Baby Boom hat nicht in jedem Land zum gleichen Zeitpunkt angefangen. In den USA etwa gilt das Jahr 1946 als Start, in Deutschland das Jahr 1955. die Jahrgänge von 1956 bis 1969 dabei aus gleich mehreren Gründen. Erstens waren sie besonders geburtenstark, gleichzeitig haben sie von einem fast ununterbrochenen Wirtschaftsaufschwung profitiert. Nun beginnen diese geburtsstarken Jahrgänge in Pension zu gehen, wie die Autoren des News-Artikels ins Zentrum ihrer These stellen: „Bis 2034 werden mehr Menschen in Pension gehen als in den letzten 60 Jahren.“ Eine kaum wachsende Anzahl an Erwerbstätigen muss eine stetig wachsende Zahl an Pensionsbeziehern erhalten. Und so steigt der Altersquotient beständig:

Trotz dieser Fakten muss man natürlich die Frage stellen: Was hat das mit Madonna zu tun?

Natürlich herzlich wenig. Madonnas Schuld führt die Diskussion ums österreichische Pensionsproblem nun wirklich „ad absurdum“.

Madonna und die Demografie

Die Kollegen von News haben sich auf der Suche nach dem „kreativen“ Zugang zum scheinbar ewig gleichen Pensionsthema in Kombination mit der „Schuldigen“ am Cover arg verstolpert.

Denn selbst wenn man Madonna nur als Stellvertreterin oder Symbol ihrer Generation hernimmt, liest es sich so, als sei die drohende Pensionsmisere eine Art Schicksal. Die Demografie nämlich lässt sich ähnlich wie ein Gletscher in seiner langsamen Bewegung wenig bremsen oder zurückschlagen, Klimaerwärmung einmal ausgenommen. Und so wirken die Mehrkosten im Pensionssystem durch die demografische Brille betrachtet eben leider wie die Bürde des alternden Österreichs, die die Jungen zu tragen haben.

Getreu dem Motto: Shit happens.

It’s the Politics, Stupid!

Gerade in der Pensionsfrage dürfen sich die heimischen Politiker aber nicht abputzen. Denn im staatlichen Umlageverfahren könnte die Wirtschaftspolitik an vielen Stellschrauben drehen, um trotz des demografischen Wandels für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen. Der Schrauben gebe es ja viele: Eine Anpassung des Pensionsantrittsalters an die steigende Lebenserwartung etwa, bevorzugt von den Experten und beliebt in vielen Industrieländern. Auch eine größere Rolle für betriebliche und private Vorsorge könnte ins Auge gefasst werden. Und natürlich auch mehr Anreize, auch im höheren Alter noch zu arbeiten. In diesem Bereich heißt das Motto „It’s the Politics, Stupid!“, denn die Politik hat viel Spielraum für Reformen.

Das Pensionsantrittsalter in Österreich: Back to the 70s
Das Pensionsantrittsalter in Österreich: Back to the 70s
Durchschnittliches Pensionsantrittsalter der gesetzlichen Pensionsversicherung.

In Österreich aber wurden viele mögliche Lösungsvorschläge jahrzehntelang verschleppt und als Angriffe auf den sozialen Frieden diffamiert. Wenn Sie etwa diese Aussendung des Pensionistenverbandes Österreich und seines Präsidenten Karl Blecha lesen, dann wissen Sie, dass es bei der Pensionspolitik um knallharte Interessenpolitik geht. Abgesehen von den 35 Ausrufezeichen, die diese Aussendung schmücken, zeigen die aktuell täglichen Wortmeldungen der Pensionistenvertreter, dass auch nach 45 Jahren Versäumnissen in der Politik das Pensionsantrittsalter ein heftig umkämpftes Territorium ist. Die Sozialpartner waren dabei ein schnelles Instrument, um den neuen Wohlstand zu verteilen, aber sie tun sich schwer mit den sich abzeichnenden Verteilungskämpfen, die sich aus den Versprechen der Vergangenheit, der steigenden Lebenserwartung und der ungünstigen Demografie ergeben.

In den vergangenen 45 Jahren haben sich immerhin 15 Sozialminister (zwölf der SPÖ, drei der FPÖ) und 13 Finanzminister (sieben der SPÖ, fünf der ÖVP und KHG) an den Pensionssystemen zu schaffen gemacht, und die Schuld für den großen Handlungsbedarf teilen sich die meisten. Viele Geschenke wurden in dieser Zeit geschnürt, um Wahlen zu schlagen, nicht zuletzt das „Anti-Teuerungspaket“ 2008, das mit der Verlängerung der Hacklerpensionen noch einmal einen Frühpensionistenboom ausgelöst hat, etwa bei Lehrern.

Gezerre lässt wenig Gutes erahnen

Der mit große Worten angekündigte Pensionsgipfel am 29. Februar dürfte aber von den großen Geschenken der Vergangenheit in den Schatten gestellt werden. Zu sehr lehnen SPÖ-Vertreter echte Reformen, etwa beim Antrittsalter ab. Die ÖVP wiederum fällt aktuell eher mit Kamikaze-Manövern auf als mit konstruktiven Vorschlägen.

Aber Madonna hat es wohl am besten gesagt, bzw. in ihrem Song „Sorry“ gesungen, was man sich als relativ junger Mensch angesichts des politischen Reform-Patts denkt:

I don’t wanna hear, I don’t wanna know
Please don’t say you’re sorry
I’ve heard it all before
And I can take care of myself
I don’t wanna hear, I don’t wanna know
Please don’t say ‚Forgive me‘
I’ve seen it all before
And I can’t take it anymore.


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