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Adair Turner

„Wirtschaftslehrbücher gehören ins Regal neben Harry Potter“

von Jürg Müller / 04.10.2016

Adair Turner hat in Zürich über wachsende Schuldenberge und die Rolle von Banken referiert. Dabei liess der frühere Vorsitzende der Britischen Finanzaufsicht kein gutes Haar an der akademischen Ökonomie.

Adair Turner gilt als einer der vehementesten Verfechter für Helikopter-Geld. Doch die direkte Finanzierung von Staatsausgaben mit frischem Geld soll an diesem Abend in Zürich erst am Schluss zum Thema werden. Im Vordergrund stand eine Auslegeordnung zur aktuellen makroökonomischen Lage. Dabei bekamen seine Ökonomen-Kollegen von den Universitäten ihr Fett ab.

Überholte Lehrbücher

Der Brite präsentiert an dem von der Zürcher Denkfabrik Council on Economic Policies (CEP) organisierten Anlass, wie Wirtschaftswissenschaften in ihren Lehrbüchern die Funktionen von Banken beschreiben – um dann festzuhalten, dass das Geschriebene eher in die Welt der Fantasy-Romane über den Zauberlehrling Harry Potter denn zu den Sachbüchern gehören müsste.

Turner weist darauf hin, dass Banken keine reine Kreditvermittler sind, wie in vielen Standardmodellen angenommen wird. Vielmehr schöpfen Banken in der Wirtschaft Kredit und Geld. Auch dass Banken Ressourcen zu geeigneten realwirtschaftlichen Tätigkeiten kanalisieren, stellt Turner in Frage. Bis in die 1970er Jahre war das mehrheitlich noch der Fall. Doch ab dann hätten Banken zunehmend Kredite für Hypotheken gesprochen. „Zwei Drittel aller Kredite würden heute in Hypothekarkredite fliessen“, sagt Turner.

Adair Turner (Bild: Imago)

Die Kritik an den Standardmodellen in der Makroökonomie ist nicht neu. Sie erlebte nach der Finanzkrise 2008 einen Höhepunkt. Geändert hat sich in der Akademie seither aber nur wenig. Deshalb wurde jüngst auch wieder von verschiedenen Ökonomen das Thema aufgenommen. Eine Kritik des amerikanischen Wirtschaftswissenschafters Paul Romer hat eine lebhafte Debatte in der Zunft ausgelöst.

Schulden auf Wanderschaft

In der Analyse der gegenwärtigen Lage erinnerte die Rede Turners zeitweise an eine Präsentation der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), denn der Grundtenor war ähnlich düster. Wie die Ökonomen von der BIZ warnt auch Turner vor dem enormen Schuldenwachstum in der Welt. Er verweist darauf, dass vor der Krise das Bruttoinlandprodukt viel weniger stark gestiegen ist als die Verschuldung. Da allerdings die Inflation innerhalb des Zielbands der Zentralbanken lag, wurde diese Tendenz lange nicht als beunruhigend wahrgenommen.

Die Schulden gehen nun aber nicht mehr weg, sie verschieben sich nur noch. Turner verweist auf die Erfahrungen in Japan. Nach einer Immobilienkrise ist es zwar zu einer langsamen Entschuldung des Privatsektors gekommen, aber gleichzeitig machte der öffentliche Sektor mehr Schulden. Die Verschuldung verschiebt sich, insgesamt nimmt sie sogar noch zu.

Laut Turner sind die verschiedenen Kreditzyklen zudem weltweit miteinander verbunden. So wurde nach dem Platzen der Immobilienblase in den USA in China gleich die nächste aufgeblasen – und was für eine. Turner erinnert an die Statistik, dass in China zwischen 2011 und 2013 mehr Beton verbaut wurde als in den USA während des ganzen 20. Jahrhunderts.

Patchwork-Lösungen

Turner ist derzeit Vorsitzender des Institute for New Economic Thinking (INET). Die Denkfabrik wurde als Reaktion auf die Finanzkrise gegründet und vom Investor Georges Soros mitfinanziert. Das Ziel ist die Erarbeitung neuer Denkansätze im Bereich der Volkswirtschaftslehre. In Zürich gibt Turner derweil unumwunden zu, dass nach rund sieben Jahren dieses Ziel gerade einmal zu 10% erreicht worden sei.

Viele Ökonomen bewegen sich dann auch etwas im luftleeren Raum, wenn es um Lösungsvorschläge zur anhaltenden Schuldenkrise geht. Auch Turner hat keine einfache Lösung auf Lager. Es ist bezeichnend, dass er in seiner Rede solange das Problem darstellt, bis seine Redezeit schon längst vorüber ist. Die Problemlösung wird in die Fragerunde eingeflochten. Vielleicht entsteht auch deshalb etwas der Eindruck einer konfusen Ansammlung verschiedener Ideen, die einzeln alle bereits einmal von anderer Seite vorgeschlagen wurden.

Die Auslegeordnung Turners zur Lage der globalen Wirtschaft ist zweifelsohne interessant. Dass seine Ansammlung unterschiedlichster Massnahmen, wie beispielsweise Helikopter-Geld, das Problem nachhaltig zu lösen vermögen, bleibt aber am Ende mehr als ungewiss.