Wirtschaftswachstum Europas: Brexit hinterlässt in der EU bis jetzt kaum Spuren

von Nicole Rütti / 12.08.2016

Zahlreiche Risiko- und Unsicherheitsfaktoren belasten den europäischen Konjunkturgang. Im zweiten Quartal hat sich die EU-Wirtschaft aber vergleichsweise solide behauptet.

Die europäische Konjunktur ist nach wie vor keine Wachstumsrakete. In Anbetracht der verhaltenen globalen Entwicklung und zahlreicher Unsicherheits- und Risikofaktoren – wie die bevorstehende Abspaltung Grossbritanniens, Terroranschläge oder die Bankenkrise in Italien – entwickelt sie sich derzeit aber mehr oder weniger wacker. So ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) im Euro-Raum im zweiten Quartal um 0,3% und in der EU-28 um 0,4% gestiegen, wie das Statistikamt Eurostat in seinen Schnellschätzungen bereits Ende Juli prognostiziert und am Freitag bestätigt hat. Das Wachstum im Euro-Raum hat sich somit gegenüber dem ersten Quartal (+0,6%) halbiert. Allerdings hatte die Wirtschaft in der Vorphase von der milden Winterwitterung profitiert.

Nachgelassen hat in den Monaten April bis Juni unter anderem die wirtschaftliche Dynamik in Deutschland. Mit einem BIP-Plus von 0,4% wurden immerhin die Erwartungen der Ökonomen übertroffen. Getragen wurde das Wachstum Deutschlands von soliden Exporten und Konsumausgaben, wogegen die zurückhaltenden Investitionen der Firmen und niedrigere Bauaktivitäten die Entwicklung gebremst haben. Allerdings sind die Konjunkturaussichten des Landes wohl auch dank einer ausgesprochen niedrigen Arbeitslosenquote durchaus intakt.

Weiterhin getrübt ist die Lage hingegen in Frankreich sowie in Italien, wo die wirtschaftlichen Aktivitäten im zweiten Quartal stagnierten. Die verhaltene Entwicklung in den beiden grossen Euro-Ländern ist wohl ein Hauptgrund dafür, dass die europäische Konjunktur nicht so richtig in Fahrt kommt. Im Gegenzug veranschaulicht die kräftige Expansionsrate Spaniens (+0,7%) einmal mehr, dass das Land sich auf einem eindrücklichen Aufwärtspfad befindet. Zunehmende Touristenströme haben auch Griechenland zu einem BIP-Plus (+0,3%) verholfen, und auch Portugal (+0,2%) verzeichnete ein – wenn auch bescheidenes – Wachstum. Zu den Wachstumsträgern zählten wiederum vor allem osteuropäische Länder wie Polen (+0,9%), Rumänien (+1,2%) oder die Slowakei (+0,9%) sowie die Niederlande (+0,6%).

Auch die britische Konjunktur (+0,6%) hat sich zumindest bis zum Brexit-Entscheid robust entwickelt. Allerdings haben sich die dortigen industriellen Aktivitäten im Juli markant verringert. Anders präsentiert sich die Lage in der übrigen EU, wo der bevorstehende Austritt Grossbritanniens bisher kaum Spuren hinterlassen hat. Gestützt auf den vorauseilenden Einkaufsmanagerindex (PMI) des Institutes Markit hat sich das Wachstum in der Euro-Zone im vergangenen Monat gar geringfügig beschleunigt. Die stärksten Impulse gingen hierbei von Deutschland aus, was ein gutes Signal ist, zumal Grossbritannien für die Volkswirtschaft immerhin der drittwichtigste Absatzmarkt ist. Im nördlichen Nachbarland sind laut der Erhebung von Markit ausserdem im Juli so viele neue Stellen wie zuletzt vor fünf Jahren entstanden.

Die europäische Wirtschaft bleibt aber weiterhin fragil. So signalisiert der aktuelle PMI-Indikator für die Euro-Zone trotz positiver Tendenz weiterhin ein mageres Wachstum von 0,3%. Es ist somit fraglich, ob die EU-Konjunktur sich im Zuge der herrschenden Unsicherheit längerfristig solide behaupten wird. Die meisten Ökonomen erwarten, dass der Brexit das europäische Wachstum drosseln wird.