Kurt Schorrer

WM 2018 in Russland: Der Fussball rollt – der Rubel nicht

von Benjamin Triebe / 10.09.2016

Knappe Kassen veranlassen Russland zu Einschnitten bei der Fussball-WM. Probleme mit Kostenexplosionen bleiben, vor allem bei einem Grossprojekt.

Den angenehmen Teil haben die Fifa-Inspektoren bereits hinter sich. Seit Mitte der Woche besichtigen sie russische Fussballstadien, die für die Weltmeisterschaft im Jahr 2018 umgebaut oder neu errichtet werden. Die Renovation des traditionsreichen Luschniki-Stadions in Moskau fand bereits ihr Wohlwollen. Alles sei im Zeitplan, urteilte der zuständige Direktor des Weltfussballverbandes. Am Samstag allerdings wird sich seine Delegation das Stadion in St. Petersburg anschauen und damit das Sinnbild für Russlands Probleme bei den WM-Vorbereitungen unter die Lupe nehmen. Von Pünktlichkeit kann dort keine Rede sein.

Hohe Kostensteigerungen

Der Bau des Petersburger Krestowski-Stadions begann bereits 2007. Schon ein Jahr später wurden die Pläne das erste Mal geändert. Dann siegte Russland im Jahr 2010 bei der WM-Vergabe, und das Projekt musste noch zweimal überarbeitet werden. Fertig ist das Stadion immer noch nicht. Statt der geplanten knapp 7 Mrd. Rbl. sind Kosten von rund 40 Mrd. Rbl. (620 Mio. $) zu erwarten. Im Sommer trennte sich St. Petersburg vom Generalunternehmer. Die Firma wirft der Stadt vor, ihr umgerechnet 15 Mio. $ zu schulden – und die Stadt sagt, die Firma müsse ihr mindestens den doppelten Betrag zurückzahlen.

Kostenexplosionen und wechselseitige Anschuldigungen sind bei Grossprojekten oft zu beobachten, auch in Russland. Ein Fanal waren die Olympischen Winterspiele in Sotschi im Jahr 2014, die mit Gesamtkosten von rund 50 Mrd. $ völlig aus dem Ruder liefen.

Doch damals hatte Russland das Geld. Inzwischen sieht das finanzielle Bild wegen des Erdölpreiszerfalls und der Rezession ganz anders aus, und Moskau muss masshalten. Deshalb könnte die WM sogar günstiger werden als vor Jahren geplant – wenn auch mit weniger Leistung fürs Geld. Mitte 2013 veranschlagte der Kreml die minimalen Kosten für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft auf 660 Mrd. Rbl. Das war zum damaligen Wechselkurs deutlich mehr, als 2014 die WM in Brasilien kostete, aber seither ging der Trend nach unten. Gegenwärtig sind Ausgaben von knapp 620 Mrd. Rbl. (9,6 Mrd. $) geplant, davon 330 Mrd. Rbl. aus dem föderalen Budget.

Hauptsächlich geht es um Infrastrukturprojekte: Stadien, den Bau von Trainingsstätten, Hotels sowie die Renovation von Flughäfen und Strassen. Bei vielem, was nicht zwingend im Fifa-Katalog steht, wurde der Rotstift angesetzt. Von 48 Trainingsstätten sind 11 gestrichen, 25 Hotels verschwanden aus dem Plan, und in zwei Stadien schrumpft die Sitzzahl um über ein Fünftel. Statt mit dem Fahrstuhl zu fahren, werden Fans in den Spielstätten öfter Treppen steigen müssen.

Andere Einschnitte reichen tiefer. In Petersburg werden jetzt Zuschüsse für Bau und Erhalt von Schulen und Krankenhäusern, Kindergärten und Sporteinrichtungen im Gesamtvolumen von rund 30 Mio. $ gestrichen und stattdessen an den neuen Generalunternehmer des Stadions vergeben. Denn im Krestowski-Stadion sollen nicht nur unter anderem ein WM-Halbfinale und das Spiel um Platz 3 ausgetragen werden, sondern bereits im kommenden Sommer das Finale und andere Spiele des Konföderationen-Pokals. Der Pokal dient als Test für die WM, und dafür muss das Stadion im Dezember zugelassen werden. Verstreicht diese Frist, wird das Stadion aus der Fifa-Planung eliminiert.

Zehn Stadien noch im Bau

Zwölf Spielstätten in elf Städten sollen bei der Weltmeisterschaft genutzt werden. Davon sind zehn Stadien noch nicht bereit, auch wenn keines so teuer werden wird wie das in St. Petersburg. Fertig sind das zweite Stadion in Moskau und die Spielstätte in Kasan. Probleme gibt es in der Exklave Kaliningrad, wo im Juli die Arbeiter streikten, weil sie drei Monate keinen Lohn erhielten. Und auch die Stadt Samara sah sich im Frühjahr gezwungen, einen neuen Generalunternehmer zu suchen. Landesweit kommt es zudem immer wieder zu Ärger mit Subunternehmern, denen vorgeworfen wird, die Kosten aufzublähen.

Stadler Rail hofft auf Aufträge

Manche Kritiker sagen, die Kürzungen zumindest bei den Sportanlagen hätten auch ihr Gutes – schliesslich ist Fussball in Russland nicht so populär wie in Westeuropa. In den Provinzen liessen sich die Stadien nach der Weltmeisterschaft nicht füllen. Auf wenig Verständnis stossen hingegen die Petersburger Einschnitte bei Bildung und Gesundheit. Ein Projekt zieht man dort allerdings durch: Der Thurgauer Schienenfahrzeug-Hersteller Stadler Rail liefert 23 Strassenbahnen in die Newa-Stadt, wie er jüngst bekanntgab. Stadler hofft auf viele weitere Strassenbahnen, die in Russland im Rahmen der WM-Vorbereitung ausgetauscht werden sollen. Ob es so kommt, wird die Finanzlage entscheiden.