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Wo bleibt die Freude über stabile Preise?

von Michael Rasch / 09.01.2015

Medien und Ökonomen üben Druck auf die Europäische Zentralbank aus, etwas gegen eine drohende Deflation zu unternehmen. Doch europäische Bürger haben bis dato nicht gegen stabile Preise demonstriert. Ein Perspektivenwechsel des NZZ-Börsenchefs Michael Rasch.

Wenn das Herdenverhalten überhandnimmt, lohnt sich oft ein Perspektivenwechsel. Diese Woche veröffentlichte das EU-Statistikamt die Schätzung für die Inflation (gemessen an den Konsumentenpreisen) in der Euro-Zone. Die Preise sind stabil. Genau genommen sind sie um 0,2 Prozent gesunken, was vor allem am Absturz der Erdölpreise lag. Die Kerninflation (ohne Energie, Lebensmittel, Tabak) stieg um 0,8 Prozent.

Die Reaktion der meisten Medien war jedoch, dass nun der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) steige, in ihrer nächsten Sitzung den Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren zu verkünden, um der Gefahr einer DeflationEine Situation, in der die Preise in einer Volkswirtschaft fallen. vorzubeugen. Doch wer setzt die EZB unter Druck? Demonstrationen von Bürgern, die Angst vor sinkenden Preisen haben, gab es wohl in Europa bisher keine.

Druck besteht aber in vielen Ländern von Politikern. Sie hoffen, dass ihnen die EZB mit Aktionismus weiter den Rücken freihält, um keine oder nur wenige Strukturreformen (vor allem am Arbeitsmarkt) vornehmen zu müssen. Diese sind bei den Wählern oft unbeliebt, obwohl sie mittelfristig viele Vorteile bringen.

Gutes Geschäft mit lockerem Geld

Druck gibt es auch von den Finanzmärkten. Sie sind überwiegend angelsächsisch geprägt, wo ein großer Glaube an die Allmacht der Zentralbank herrscht. Ferner weiß man dort, dass der Kauf von Staatsanleihen mit aus dem Nichts geschaffenen Geld die Preise von Vermögenswerten wie Aktien nach oben treibt. Und das ist gut fürs Geschäft. Die Ökonomen, die bei Zentralbanken, Politik und Medien eine Deflations-Paranoia orten, gehen dagegen derzeit unter (auch wenn es sie gibt).

Perspektivenwechsel: Mit –0,2 Prozent sind die Preise quasi stabil, das Geld der Bürger behält also seine Kaufkraft. Bei einer Inflation von zwei Prozent würde die Kaufkraft dagegen sinken. In der Schweiz herrschen schon lange tiefere Inflationsraten als im Euro-Raum. Trotzdem ist selten von Deflationsängsten zu hören, und es wird nicht der Kauf von Staatsanleihen gefordert. Hier herrscht eher Freude über stabile Preise – und dies völlig zu Recht.