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Deutschland

„Schwarmstädte“: Wo es junge Menschen hinzieht

von Christoph Eisenring / 08.08.2016

Verödete Landstriche, boomende Städte: Hier zeige sich der Herdentrieb der 25- bis 34-Jährigen, sagt Harald Simons. In Regionen, wo Menschen abwanderten, solle der Staat auf Ankerstädte setzen.

Es ist wie bei einem Vogelschwarm, der aufsteigt und sich dann an einem neuen Ort niederlässt. Der Ökonom Harald Simons von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig greift zu diesem Bild, wenn er über ein neueres Phänomen in Deutschland spricht. Junge Erwachsene verlassen seit gut einem Jahrzehnt verstärkt Landkreise oder unattraktive Grossstädte, um sich in relativ wenigen „Schwarmstädten“ anzusiedeln. Rund dreissig Städte hat Simons identifiziert, die einen besonders starken Sog entwickelt haben. Es handelt sich nicht nur um die „üblichen Verdächtigen“ wie München, Frankfurt oder Berlin. Auch mittelgrosse Städte wie Heidelberg, Regensburg, Darmstadt, Trier oder Landshut profitieren von dieser Umverteilung der jüngeren Bevölkerung (vgl. Karte).

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Eine Uni allein reicht nicht

Der erste Gedanke ist, dass es sich dabei um Städte mit Universitäten oder Fachhochschulen handelt. Während im Jahr 2000 erst 28% der Jugendlichen eines Jahrgangs ein Studium aufnahmen, sind es nun 54%. Eine Hochschule sei jedoch nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung dafür, dass ein Ort zur Schwarmstadt werde, erklärt Simons im Gespräch. So stieg die Zahl der Studierenden in der Hälfte aller deutschen Landkreise an, das Wachstum war also breit verteilt. Noch stärker als bei Studierenden sei das Schwarmverhalten bei Berufsanfängern im Alter von 25 bis 34 Jahren. Simons hat seine eigene Theorie für diese Entwicklung. Während 1968 in Deutschland 1,2 Mio. Menschen geboren wurden, waren es zehn Jahre später ein Drittel weniger. Die Jahrgänge seit Mitte der 1970er Jahre sind also deutlich dünner besetzt. Da sie weniger geworden seien, ziehe es sie dorthin, wo sie ihresgleichen träfen – eben in die Schwarmstädte, sagt der Wissenschafter. Die Attraktivität von Heidelberg, Münster oder Leipzig besteht somit auch darin, dass man dort potenzielle Freunde und Partner findet. Auch die Städte selbst müssen aber etwas bieten, sei es ein gutes Beizenleben oder eine hübsche Altstadt.

Wenn relativ wenige Schwarmstädte gewinnen, ist dann das Ausbluten ländlicher Regionen und unattraktiver Städte programmiert? Für Simons wäre schon einiges erreicht, wenn die Politik diese Tendenz nicht noch verstärkte. Er nennt als Beispiel Berlin und die Universitätsstadt Frankfurt an der Oder. Studierende der Frankfurter Viadrina-Universität wohnten oft im Osten Berlins. Sie seien mit ihrem Studentenbillett in gut einer Stunde an der Uni. Da auch die Professoren oft in Berlin lebten, könne man Besprechungen in Berliner Cafés abhalten, scherzt Simons. Eine Chance für Frankfurt an der Oder sind die niedrigen Mieten und Lebenshaltungskosten. Wenn nun aber Berlin den Wohnungsbau staatlich fördere oder die Mieten durch die Mietpreisbremse gedeckelt würden, zerstöre dies Frankfurts Vorteile, erklärt er. Greife der Staat in den Wohnungsmarkt der Schwarmstädte ein, könne er andernorts den Abriss gleich mit einplanen.

Halbtote Städte ohne Zukunft

Und was kann die öffentliche Hand für diejenigen Städte tun, die gerade nicht en vogue sind? Simons empfiehlt, einzelne Mittelstädte in ausblutenden Landstrichen zu stärken. Er nennt die ostdeutschen Städte Görlitz und Plauen als Beispiele, die um die 60 000 Einwohner haben. Oft investiere der Staat auch noch in der schwächsten Stadt einer Region, um den Niedergang aufzuhalten. So erhalte man dann in einer stagnierenden Gegend mehrere „halbtote Städte“ statt zumindest eine mit Potenzial. Für kleinere Städte, die von starker Abwanderung geprägt seien, empfiehlt er „palliativ-medizinische“ Massnahmen – Worte, die ein Politiker nie in den Mund nähme. Er meint damit, dass das Kleid der Stadt an die schrumpfende Bevölkerung angepasst wird und bei Renovationen nur das Nötigste gemacht wird, wenn die Infrastruktur überdimensioniert ist.

Leerstände mit Leben füllen

Eine Chance für schrumpfende Städte sieht Simons in der Ansiedlung von Flüchtlingen. Diese wollten zwar vor allem in die grossen Städte, wo ihre Landsleute schon seien. Sehe man dieser Entwicklung einfach zu, bestehe jedoch die Gefahr einer Ghettobildung. Aus seiner Sicht sollte man gerade Familien in ländlichen Regionen ansiedeln, da es dort genügend Wohnraum gibt. Die Chancen auf einen Arbeitsplatz seien in der Peripherie zudem keineswegs schlechter als in den Städten, gerade für Niedrigqualifizierte.

Der Ökonom begrüsst die im neuen Integrationsgesetz vereinbarte Wohnortauflage. Demnach müssen die Flüchtlinge drei Jahre im Bundesland bleiben, dem sie zugewiesen wurden. Ob auch der Wohnort vorgeschrieben wird, liegt in der Kompetenz der Länder. Simons räumt zwar ein, dass eine solche Vorgabe dem liberalen Ideal von Freizügigkeit widerspreche. Er erinnert aber an die Erfahrungen, die man mit dieser Massnahme bei den Russlanddeutschen machte, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in grosser Zahl nach Deutschland kamen. Laut einer Umfrage waren drei Viertel der Spätaussiedler mit der Zuweisung zufrieden, in ostdeutschen Bundesländern war der Anteil jedoch niedriger. Gleichzeitig ist die Situation am Arbeitsmarkt heute viel besser als Mitte der 1990er Jahre. Damit ein syrischer Lebensmittelhändler oder ein Heimatverein existieren könne, brauche es nicht Zehntausende, sagt Simons. Schon eine Diaspora von tausend Personen erreiche die kritische Grösse. Allerdings wird es nicht einfach sein, die Einwohner ländlicher Städte von seiner Idee zu überzeugen.