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Arbeitsmarkt

Wo Flüchtlinge Arbeit finden können

von Leopold Stefan / 18.03.2016

Die Rekordarbeitslosigkeit in Österreich ist durch die hohe Migration aus Osteuropa mitverschuldet. Die Flüchtlingswelle wird die Konkurrenz vor allem im Niedriglohnsektor verschärfen. Abhilfe schaffen könnte die Personenfreizügigkeit in der EU.

Österreich erlebt eine Rekordarbeitslosigkeit von bald einer halben Million Menschen. Die Wirtschaftsinstitute rechnen mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosenrate auf 9,8 Prozent im nächsten Jahr. Schuld an dieser konjunkturresistenten Beschäftigungslosigkeit ist ein strukturelles Problem. Zwar waren Arbeitslose im Februar durchschnittlich erst seit vier Monaten auf Jobsuche. Diese hohe Dynamik am Arbeitsmarkt verschleiert aber eine wachsende Kluft zwischen qualifizierten Kurzzeitarbeitslosen und unqualifizierten Langzeitarbeitslosen.

Obwohl die „Double Dip Recession“ aus Finanzkrise und Eurokrise schon ein paar Jahre zurückliegt, kommt Österreichs Wirtschaft nur langsam vom Fleck. Die jüngsten Konjunkturprognosen von IHS und WIFO für das laufende Jahr wurden auf 1,6 bzw. 1,5 Prozent BIP-Wachstum sogar leicht nach unten korrigiert. Trotzdem wäre 2016 damit ein besseres Jahr als die vergangenen fünf. Die leichte Konjunkturerholung wird aber nicht genug sein, um die Arbeitslosigkeit zu reduzieren.

Zwei Welten der Arbeitslosigkeit

Seit Ausbruch der Finanzkrise hat sich die Zahl der Langzeitarbeitslosen mehr als verdoppelt – ein neues Phänomen hierzulande, denn Österreich hat im europäischen Vergleich früher immer gut abgeschnitten und ist immer noch unter den Top 10 – gegen Ende 2015 gab es in Deutschland und der Schweiz mehr Langzeitarbeitslose.

Im Februar ist die Zahl der Arbeitslosen, die über 12 Monate auf Jobsuche waren, im Vorjahresvergleich aber um 146 Prozent gestiegen. Im Jahr 2015 waren rund 142.000 länger als ein Jahr ohne Job, 28.500 Menschen länger als drei, wie das AMS für den Standard erhob.

Am stärksten betroffen sind schlecht qualifizierte Arbeitnehmer, die für die zusätzlich geschaffenen Jobs nicht infrage kommen.

Die Konkurrenz im Niedriglohnsektor hat sich vor allem durch die Migration aus Osteuropa verstärkt. Die Flüchtlingswelle dürfte die Lage weiter verschärfen. Wie sehr die Neuankömmlinge in den nächsten Jahren zur Arbeitslosigleit beitragen, hängt nicht nur davon ab, wie gut die Integrationsmaßnahmen greifen, sondern auch davon, ob es alternative Ausweichmöglichkeiten für mobile Arbeitnehmer gibt.

Arbeitskräfte aus Osteuropa

Nachdem auch der österreichische Arbeitsmarkt 2011 für Bürger der neuen EU-Mitgliedsländer – für Bulgaren und Rumänen erst 2013 – vollständig geöffnet wurde, stieg die Zahl der Osteuropäer, die eine Anstellung in Österreich fanden, von 90.000 auf über 230.000. Zusätzlich waren rund 30.000 im Februar auf Arbeitssuche. Viele pendeln außerdem aus den Nachbarstaaten. Die Beschäftigungsquote der Ungarn in Österreich lag Anfang des Jahres dadurch sogar über 100 Prozent.

Der gemeinsame Arbeitsmarkt in der Union hat der heimischen Wirtschaft viele qualifizierte Arbeitskräfte gebracht, aber die Mobilität bedeutet gleichzeitig, dass auch eine stark steigende Beschäftigung nicht das hohe Potenzial an Arbeitswilligen absorbieren kann.

Flucht – in die Arbeitslosigkeit

In diese Situation müssen sich in den kommenden Monaten zehntausende Flüchtlinge einfügen, die zumindest am Anfang kaum Deutsch können. Die ersten Kompetenzchecks des AMS suggerieren, dass die größten Gruppen an Asylwerbern sehr unterschiedlich qualifiziert sind. Während Iraner, Iraker und Syrer eine höhere Ausbildung genossen haben, verfügen die meisten Afghanen, die nach Österreich kommen, über geringe Qualifikationen. Diese grobe Einschätzung dürfte auch auf die zuletzt Angekommenen zutreffen. Die beim Kompetenzcheck erhobenen hohen Anteile an Universitätsabschlüssen sind jedoch nicht repräsentativ. Vor allem ist es noch zu früh, um Erfahrungswerte sinnvoll zu analysieren.

Anfang des Jahres waren 7.000 zusätzliche Flüchtlinge beim AMS vorgemerkt. Derzeit sind etwa 22.000 anerkannte Asylanten und subisidär Schutzberechtigte auf Arbeitssuche. Noch ist nicht klar, wie viele der 90.000 Asylwerber, die 2015 kamen, auch auf dem Arbeitsmarkt landen. Für das laufende Jahr rechnet AMS-Chef Johannes Kopf mit 30.000 bis 35.000 Neuanmeldungen. Allerdings seien die genaue Zahl und das Timing schwer abzuschätzen, wie Kopf beim NZZ.at-Clubabend sagte.

Welche Branchen sind betroffen?

Eine Vorahnung, wie sich die Flüchtlinge auf die Situation am Arbeitsmarkt auswirken, liefert ein Vergleich der Beschäftigung nach Staatsangehörigkeit, den jüngst das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) anstellte. 2015 waren insgesamt 7.700 Afghanen, Iraner, Iraker und Syrer (AIIS) in Österreich tätig. Der größte Anteil arbeitete im Tourismus, gefolgt vom Handel und dem Immobilienbereich – Branchen, in denen auch viele der rund 230.000 Arbeitnehmer aus Osteuropa arbeiten.

Auffallend ist, dass sich in einem Niedriglohnsektor, dem Baugewerbe, etwa 13 Prozent der osteuropäischen Arbeiter konzentrieren, während weniger als vier Prozent der Immigranten aus der AIIS-Ländergruppe darin arbeiten. In den Bereichen Bildung und Gesundheit ist das Bild umgekehrt.

Zumal die Gesamtgröße der beiden Gruppen noch so unterschiedlich ist, sind Vergleiche mit Vorsicht zu genießen, erklärt WIIW-Ökonomin Hermine Vidovic. Außerdem komme hinzu, dass der Arbeitsmarkt für Asylwerber großteils unzugänglich ist.

Wer noch keinen positiven Asylbescheid hat, darf nur als Saisonnier in der Landwirtschaft, im Tourismus oder als Prostituierte arbeiten. Vor allem wo es nicht so sehr auf die Sprache ankommt, dürfte die Konkurrenz durch Asylwerber steigen: etwa auf dem Bau, in der Sachgütererzeugung und sonstigen Dienstleistungen wie Reinigungstätigkeit.

Vidovic erwartet sich hingegen, dass Österreicher kaum vom Wettbewerb mit anerkannten Flüchtlingen betroffen sind. Ausnahmen bilden gewisse Niedriglohnjobs im Handel und der Industrie.

Der Osten ruft

Obwohl das magere Wirtschaftswachstum und der Mangel an Stellen für niedrig Qualifizierte in Österreich kaum verbessern dürfte, gibt es ein positives Ventil für den heimischen Arbeitsmarkt: Die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU kann ebenso wieder einen Rücksog erzeugen.

Seit der EU-Osterweiterung haben die neuen Mitgliedsländer eine massive Abwanderung der arbeitsfähigen Bevölkerung erlebt. Zwischen 2008 und 2013 sind jährlich zwischen 0,4 und 1,5 Prozent der Bevölkerung in andere EU-Staaten gegangen, wie das WIIW berechnet hat. Somit leben über vier Millionen Osteuropäer in arbeitsfähigem Alter heute in der übrigen Union. Die meisten finden zumindest mittelfristig eine neue Existenz. Demnach würde weniger als ein Zehntel nach einem Jahr wieder zurückkehren.

Allerdings wird die starke Abwanderung in den meisten Staaten Osteuropas nicht durch geburtenstarke Jahrgänge kompensiert. Daher gibt es immer mehr Engpässe, nicht nur bei Jobs für Hochqualifizierte, sondern auch im Billiglohnsektor, sagt Vidovic. In Rumänien, Bulgarien und Ungarn gaben etwa die Hälfte der Firmen an, dass sie nur sehr schwer die begehrtesten Arbeitnehmer fänden, wie eine Erhebung der Manpower Group feststellte.

Die aktuelle BIP-Wachstumsprognose des WIIW für die meisten osteuropäischen Länder liegt bei rund drei Prozent. Die neuen Mitgliedstaaten holen daher weiterhin an Wohlstand auf. Steigt die Konkurrenz am österreichischen Arbeitsmarkt weiter an, dürfte in Osteuropa zumindest für EU-Bürger die Chancen auf eine Stelle gut stehen.

Solange die Arbeitnehmerfreizügigkeit nicht eingeschränkt wird, wie es AK-Direktor Werner Muhm forderte, kann der EU-weite Arbeitsmarkt Ungleichgewichte kompensieren. Drohen die Tore geschlossen zu werden, überlegt sich ein Arbeitnehmer aus einem anderen EU-Staat, ob er nicht lieber in Österreich bleibt und auf bessere Zeiten wartet, als ausgesperrt zu werden.